Vogelradio

In meinem Sachbuch Männer, die noch selbst dabei waren: Erinnerungen an eine vor-virtuelle Zeit wird man dereinst nachlesen können, wie man in einem Wald stehen, ein selbstgeschmiertes Butterbrot essen und dem Gesang der Vögel lauschen konnte. Bis dahin werden die meisten aber ausgestorben sein.

Nicht aber dem Gedächtnis verloren. Während ihr euch Musik von einem Girl namens Alexa vorsingen laßt, höre ich ja Musik bekanntlich gern von Wachszylindern. Man muß schließlich nicht jeden neuen Quatsch mitmachen. Unter den in vielerlei Hinsicht faszinierenden Arbeiten der Radio- und Klangkünstlerin Sally Ann McIntyre, die hauptsächlich zwischen ihrer Heimat Neuseeland und der schönen Stadt Melbourne pendelt, befindet sich ein noch viel faszinierenderes Klangkunstprojekt:

Vom in Neuseeland einst weit verbreitete, 1907 aber ausgestorbenen Huia gibt es leider keine Tonaufzeichnung. Es gab einen Ureinwohner, der den Gesang des Vogels nachahmen konnte, um ihn zu jagen. Daraus entstand eine Notation, die nun wiederum von einem Pianisten zusammen mit field recordings aus der ehemals natürlichen Umgebung des Vogels auf Wachszylinder aufgenommen wurde. Sally Ann McIntyre stellt das Projekt hier vor.

Da es nun mit jeder Wiedergabe auch einen Abrieb des wie ein junger Vogel empfindlichen Zylinders gibt, wird auch dieser nach und nach verblassen und eines Tages ausgestorben sein. Denn Geschichte wiederholt sich.

Das Wiederholungsprinzip macht sich McIntyre auch in Projekten zunutze, in denen sie die Soundrecordings ausgestorbener Vögel in ehemals bekannten Vogelrevieren abspielt und neu aufnimmt, um das Klangerlebnis zurück in die Natur zu bringen und wiederum für uns erfahrbar zu machen.

Hier überträgt sie eine live gespielte Geige per Radio, um deren Töne zusammen mit der ersten kommerziellen (78 RPM) Schallplattenaufnahme eines Vogels in Gefangenschaft (die Nachtigall des Herrn Bremen) aufzunehmen.

Ich finde das gerade aufregend interessant, zumal auch dies wiederum mit Rekreation und Nacherfinden zu tun hat, mit Imitiation und frommer Lüge. Aber auch mit Technikgeschichte, denn so wie vielerorts Taxidermiekurse aufblühen, um die Kunst der Naturerhaltung zu üben, gibt McIntyre Kurse im Radiobasteln. Da wird an einem Nachmittag ein kleiner FM-Sender zusammengelötet (Empfänger sind für solche Projekte zu kompliziert), um mit wenigen Milliwatt (und entgegen gängiger Lizenzbestimmungen, vermute ich) Radio in die nahe Umgebung abzustrahlen. Eine schwindende, bald obsolete Kulturtechnik.

Leider wird Frau McIntyre sträflich selten auf Festivals eingeladen, immerhin hat sie mal bei den Radiorevolten eine Sendung machen können.

>>> Radio Cegeste, das Blog von Sally Ann McIntyre

Radau | 19:29h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fritz_ - Montag, 24. Juni 2019, 22:02
Just gestern, no kidding, habe ich zum Ausprobieren ein paar dieser Natur- Applikationen (Fachjargon: App) auf mein Siemens-Nixdorf-Handy geladen. Blackberrys coming soon, sind leider noch nicht erfunden.

Mein gegenwärtiger Favorit hat wirklich was mit Vogelstimmen zu tun, heißt Nabu-Vogelwelt. Wenn man die Biester singen hören will, also die Audios laden will, muss man ne kleine Spende leisten. Aber auch sehr schön, wenn man nur die Bilder anguckt und die Texte liest.

Mittels einer anderen Applikation, Birdnet, kann man das, was ein Vogel erzählt hat, die eigene Aufnahme, in der App auswerten lassen. Man erfährt, wer da mit einem gesprochen hat, Nachtigall oder Lerche.

Der eine Autor kümmert sich um die automatisierte Trennung vermischter Audiosignale (und Schlimmeres), der andere um "KI-gestützte Applikationen auf Basis künstlicher neuronaler Netze für die Bildverarbeitung, Umweltmonitoring und Bioakustik", also hauptsächlich um Buzzwordbingo (und Schlimmeres!).

Fürs Bestimmen von Bäumen habe ich noch nix gefunden, das mich überzeugt hat. Suche weiter.

Eine App, in der es auch um Kräuter ging, schien mir so was von durcheinander und noch nicht fertig. Kontinente, Zimmerpflanzen. Wie in einem Supermarkt, in dem man keine Marmelade kauft, weil es zu viele Sorten gibt. Die sollen erstmal Hempels unter ihrem Sofa hervorlocken.

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kid37 - Montag, 24. Juni 2019, 22:30
Ah, eine Art Shazam für Vogelstimmen. Cool. Nutzt natürlich nichts bei toten Vögeln. Daher fasziniert mich dieses kunstakustische Frankensteinmanöver, alte Aufzeichnungen oder entsprechende Notationen zum "Leben" zu Erwecken. Oder daß McIntyre durch die Wälder streift mit ihrem field recording set, um die (vergangene) Atmosphäre aufzunehmen. (Die beschäftigt sich auch mit paranormalen akustischen Phänomenen, da bin ich noch nicht genügend eingedrungen. Da sollte es auch mal eine App für geben.)

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kid37 - Montag, 24. Juni 2019, 23:14
Interessant, dieses neuronale BirdNET ist ja sehr intelligent. Habe ich täuschend echt (!) wie ein Vögelein reingeflötet - sagt das bei der Analyse "Mensch - Homo sapiens - Sehr sicher". Chapeau! Das läßt sich nicht foppen. Muß ich morgen mal mit den Möwen probieren.

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fritz_ - Montag, 24. Juni 2019, 23:52
"Mensch - Homo sapiens - Sehr sicher"<

Äußerst beindruckend. Wer möchte da widersprechen? Unterart Digital native ist sowieso klar, wenn man die App auf die Weise durchvögelt durchprobiert.

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fritz_ - Dienstag, 25. Juni 2019, 00:21
"durch die Wälder streift ... paranormale Phänomene"

Ich hab ne Freundin, die mit ein paar ihrer Kumpels, die ich nicht kenne, - bevorzugt nachts - durch die dunkelsten Wälder und die schaurigsten Ruinen streift, auf der Suche nach Grusel. Es würde mich nicht wundern, wenn sie dabei Messgeräte dabeihaben, irgendwelche Multimeter für Huppifluppi oder sogar Fotokameras. Warum nicht, ein Hobby macht den ganzen Menschen schön.

Ich bin in der Gunst schätzungsweise ein Zehntel abgespacet, weil ich Para-Grusel für gewöhnlich nicht unterhaltsam finde, sofern keine zusätzlichen Leckerlis dabei sind. Immerhin haben wir im real life recht regelmäßig phantasievollen erwachsenen Kontakt. Das ist auch nicht normal.

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kid37 - Dienstag, 25. Juni 2019, 22:21
Da geht nur: Ganz oder gar nicht! Denn wie es hier in einer Rezension zu Through a Glass Darkly über den Erfinder von Sherlock Holmes heißt: "Yes, by anyone’s standards, the Cottingley Fairies were not Doyle’s finest hour." (Q)
Ich gebe aber zu, in meinem Alter finde ich nächtliche Wald- und Feenausflüge ein wenig anstrengend.

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fidibus - Montag, 24. Juni 2019, 23:05
Solange es so angenehm verrückte Leute wie die Frau McIntyre gibt, besteht noch Hoffnung für die Welt.

(Fließen Ihre gesammelten Wachsrollen bei der Hitze nächtens aus den Regalen und fangen an, durcheinander zu plärren?)

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kid37 - Montag, 24. Juni 2019, 23:20
In der Tat. Ich bin ja ein bißchen verliebt. Auf der Südhalbkugel gibt es viele interessante Leute. Bei dem Huia-Projekt ist Verfall ja intendiert, also im Sinne von Vergänglichkeit. Schmelzende Klänge wären für Hitzebefall natürlich ein hübscher Übertitel.

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frau eff - Dienstag, 25. Juni 2019, 16:27
Ich hatte bisher einen sehr, sehr furchtbar blöden Tag. Dann gerade Ihren verliebten Bericht über Frau McIntyre gelesen. Und alles war wieder gut. Wirklich. Solange es so etwas gibt, ist nichts verloren. Ach, schön. Wie sagt man auch auf der anderen Seite der Welt: Thanks for sharing!

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kid37 - Dienstag, 25. Juni 2019, 22:14
Es ist wirklich entzückend und vertreibt graue Wolken. Ich mag es sehr, wenn Menschen so beharrlich eintauchen in ein Gebiet und aus dem scheinbar Unscheinbaren Kunst machen.

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fritz_ - Dienstag, 25. Juni 2019, 22:56
Kleine FM-Sender sind bei uns allem Anschein nach erlaubt. Wenn man nachliest, bis 50*10^ -9 Watt Sendeleistung, also irgendwelche Milliardstel Watt. Das ist saumäßig wenig, kann das sein? Wie weit sendet man mit einem Nanowatt, Mikrowatt oder Milliwatt?

Ich hab mir mal fürs Auto so ein Spielzeug zugelegt gehabt. Das ist ein kleiner Sender, in den man eine SD-Karte stecken kann, um Musik abzuspielen. Bluetooth geht auch, dann empfängt das Ding die Musik, die das Handy abspielt.

Auf dem Ding stellt man eine Sendefrequenz eigener Wahl im UKW-Band ein, 108 MHz klappt gut, wahrscheinlich weil so am Rand des UKW-Hörfunks selten ein echter UKW-Sender dazwischenfunkt.

Dann stellt man das Autoradio auf Empfang und schon hört man Rio Reiser von der SD-Karte oder vom Handy aus den Autolautsprechern des ältesten Autoradios der Welt. Klingt wie Hexerei, ist aber in Wirklichkeit nur ein bisschen Voodoo.

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kid37 - Donnerstag, 27. Juni 2019, 23:15
Da kenne ich die neueren Bestimmungen (sagen wir: ab den 90ern) nicht. Man hat sicher eine Regelung für die zahlreichen funkgesteuerten Anwendungen (von Kopfhörern zu Mäusen und Tastaturen) finden müssen.

In FM-Qualität kommt man da im UKW-Bereich nicht sehr weit - also eben vom Beifahrersitz zur Konsole. (1W auf Kurzwelle kann in Telegraphie mit Glück auch Kontinente überwinden.) In Neuseeland mag das eh anders sein von den Bestimmungen her. Spaß macht bei solchen Projekten ja in erster Linie das Erlebnis, wie simpel das im Grunde ist. (So wie wir früher Detektorempfänger aus 'ner Diode und 'ner Spule gebaut haben.)

Und auf einmal "Senden" können, hat ja auch was von Ermächtigung. "Hallo Welt!" Darum sitzen Vögel ja immer ganz oben auf dem Dach.

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