Vom Kreuz geholt



Neues aus down under. Max Sharam hat ein entzückend schmerzhaftes Video zu "Permanent Resident" animiert, zum Abschluß der Karwoche vielleicht genau das richtige. Für alle Maladen. Ich hingegen schrubbe mich so durch, Arbeit, Arbeit, Arbeit und viel zu wenig Energie. Jetzt vier Tage (die Hälfte ist rum) die Nägel aus dem Kreuz, ausspannen, zurücklehnen, Teppiche waschen und aus dem Fenster hängen, eine Hals-Nacken-Nasenhaarrasur schnittern, Filme schauen.

Schnell noch in der Ausstellung Aufbruch in die Moderne gewesen, die gut mit ihrem Zusammenspiel aus Malerei und Fotografie funktioniert. Wer noch den alten Band von Taschen Neue Sachlichkeit besitzt, kann sich den Katalog sparen - die allermeisten Werke sind auch hier vertreten (und teilweise in besserer Qualität). Es sind einige Werke aus dem Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum dabei, die ich also gut kenne, aber vielleicht 30 Jahren nicht mehr gesehen habe. Interessant also, nach so einer langen Zeit Carl Grossbergs Brücke über die Schwarzbachstraße zu sehen. Ich war an dieser Stelle oft, weil Schulfreunde von mir dort in der Nähe wohnten. Die Straße heißt einfach "Schwarzbach" und war damals auch nicht bunt, sondern grau von Ruß und Straßendreck. Ein doppeltes Wiedersehen jetzt - mit dem Bild und der Erinnerung an diesen Ort. Faszinierend: Man legt nur die Hände in den Schoß und wird doch irgendwann Zeitzeuge.

Kakteen, so erfährt man in der Ausstellung, galten damals als Zeichen der Weltläufigkeit. Ich halte an meinem, oft zersägten und beharrlich weiterwachsenden Exemplar ebenso beharrlich fest. Wie oft wurde der angefeindet in meinem Leben - jetzt weiß ich: Weltläufigkeit! Max Radlers Radiohörer ist auch zu sehen. Zu dem heißt es, die Enge des Zimmers verdeutliche die Einsamkeit des Hörers, ein permanent resident, der durch die Technik aber doch mit der ganzen Welt verbunden ist. Daher verstand auch damals kaum einer die Warnung, Radiohören mache einsam, das wahre Leben fände draußen statt!

Man kennt das heute von diesen Podcastern und Twitterlesern. Ein Bild, das mich ebenfalls berührte, denn das könnte ja ich sein! Wie das bei mir abends aussieht, wenn ich zwanglos werde, hat Kurt Weinhold allerdings 1929 schon präziser gemalt.

Die drei Bienenvölker auf dem Dach der Nôtre Dame haben das Feuer überlebt, heißt es. Sie gelten als Zeichen der Auferstehung, weil Simson Bienen aus dem Kadaver eines Löwen geholt hat. Um diese Nachricht zu verstehen, braucht man kein Radio.

Flanieren | 00:57h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Sonntag, 21. April 2019, 12:24
Auf dem Nakedei-Bild wirken Sie wegen der Kopfhörerform ein bisschen teuflisch, aber keinesfalls einfältig (wie bösartigerweise in dem verlinkten Begleittext suggeriert wird).

Wenn Sie Ihren Stuhl jetzt noch in die Nähe des Fensters rückten ... Schon ein Zeitgenosse Kurt Weinholds, Dr. Friedrich Wolf, empfahl das textilbefreite ZIMMERLUFTBAD, um unsere unsere sonst kleiderbeklebte, kellerpflanzenfarbene Haut an das einfache Tageslicht zu gewöhnen.
;-)

Frohe Ostern! Gute Musik haben Sie ja schon mal.

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kid37 - Sonntag, 21. April 2019, 21:30
Frohe Ostern! Bürgerliche Saturiertheit beim Radiohören - starker Tobak. Dabei schaue ich immer freundlich gelangweilt interessiert. Ich wurde angeiwsen, täglich 15 Minuten Sonne auf meinen Nabel scheinen zu lassen, damit Ernergie einströmen kann. So liege ich dann mit hochgezogenem Hemd auf dem Zimmerboden. Bis ich einschlafe.

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