Haushaltsvertigo



Nach der Arbeit an meinem heiter-melancholischen Erinnerungsbuch Die letzten Gläser wischt der Wind, hatte ich mich für ein Mittagsschläfchen kaum einmal umgedreht, da ist schon wieder April. Demnächst also drei Monate Sommerhitze, dann ist es bereits Zeit, die Weihnachtsdekoration aus dem großen Karton im Keller zu holen. So ein Jahr wird so schnell groß, es wird einem ganz schwindelig. Ich habe schnell Blumen gekauft und ein wenig in Lynd Wards Bilderzählung Vertigo gelesen. Die Holzschnitte des US-amerikanischen Masereels sind in dieser Ausgabe (Dover Press) recht klein wiedergegeben für meinen Geschmack, aber das ist nun mal das, was wir haben. Sonst haben wir nichts. Ein feiner Schnitzer.



Überraschend unterhaltsam finde ich derzeit die US-Serie The Alienist. Ich bin kein besonderer Fan von Daniel Brühl, in der Rolle als "Seelenarzt" im New York Ende des des 19. Jahrhunderts aber gefällt er mir gut. Luke Evans Rolle klimpert ein wenig auf einer Note, Dakota Fanning ist vielleicht auch ein wenig dünn skizziert - und die Kilcher, ach herrje. Ein Serienkiller geht um, zur Abwechslung hat es dieser auf Jungs abgesehen (allerdings im Frauendress), das ist alles anspielungsreich (im Mittelteil blitzt ein wenig True Detective auf, Genreelemente aus der Modellierform namens Das Schweigen der Lämmer fehlen auch nicht) und an historischen Fakten orientiert (Theo Roosevelt, J.P. Morgan usw.). Lustigerweise spielt es zum Teil in einer Straße, in der ich öfter war, ohne zu wissen, WAS DA ABGING. Imposant auch das Modell der Williamsburg Bridge, die da noch im Bau ist. Da schaut man runter, daß einem schwindelt.

Nicht sonderlich überfrachtet, man kann es also gut gucken, visuell ganz schmuck, die Titelsequenz zum Beispiel arbeitet mit hübschen Texturen. Schönster Aspekt vielleicht, die langsame Entdeckung forensischer Methoden für die Kriminalistik - Fingerabdrücke, Fotografie und Tatortskizzen - und eine frühe Art von Profiling, wo noch eine Kreidetafel benutzt wird statt der heute in Filmen üblichen Korkpinnwand. (Gibt es eigentlich schon Whiteboards für diese Zwecke?) Die Kostüme sind großartig, es gab ein Budget.



Ich aber muß sparen, daher habe ich jetzt endlich angefangen, Badreiniger selbst herzustellen. Das macht ja nicht der Wind. Rezepte dafür gibt es rauf und runter im Internet, das meiste hat man eh in jedem gut sortierten Haushalt. Und mit einer handschmeichelnden Glasflasche anstelle fiesen Plastikgelumpes benutzt man es sogar. Neulich war eine Kollegin zu Besuch, die behauptete, "you live in a museum!" Junge Leute eben. Nach Dienstschluß wird die Leiter geholt und bis zur Decke schnell geputzt. Die einzige Gelegenheit, wo "von oben herab" erlaubt ist. Schreibt das auf.

Homestory | 15:03h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Sonntag, 14. April 2019, 18:15
Gerne gelesen.

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kid37 - Montag, 15. April 2019, 19:35
Danichfür. Aber Vorsicht beim Weiterzählen der Reinigergeschichte. Da muß sorgsam intoniert werden, denn eine Kollegin verstand heute "Bartreiniger", was für große Verwirrung sorgte. ("Wofür brauchste denn das?" - "Ist gut gegen Kalkflecken.")

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fidibus - Montag, 15. April 2019, 23:03
Während Sie als Mann der Tat voraus eilen und Bärte, Bäder & Umwelt retten, beschäftige ich mich noch mit der Theorie. Quäle mich seit Wochen mit dem Standardwerk zur einfachen, billigen und guten Haushaltsführung aus dem Jahre 1881 ab: 'Das häusliche Glück'. Gebe zu, es ist lehrreich! (Auch wenn ich als Kommunistenkind etwas Angst hab, demnächst mit einem Kaiserbild an der Wand zu leben.)

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