Blumenbotschaften



Am von milder Luft und etwas Sonne umspielten Wochenende gab es im nahen Park ein sogenanntes Naturschauspiel zu beobachten. Als sich dort nämlich Parkpunks und Kinderwagenschieber, schachspielende Rentner und allerhand bummelndes Volk mit Ah und Oh und Fotografiergerät um ein kleines Krokusfeld versammelten, das über Nacht seine lilafarbenen Hälse aus dem kargen Winterboden gereckt hatte. Na, das war ein großes Hallo, Selfies wurden gemacht und vereinzelt auch gelacht, Menschen zu Dokumentationszwecken für ein Foto erst in die eine, dann in die andere Richtung dirigiert, während kleine Kinder vorsichtig in die Lücken zwischen die Blumen stapften.

Es gibt, wie jeder weiß, nur zwei Dinge, mit denen man Menschen unweigerlich jedes Mal aufs neue verblüffen kann. Das eine ist, sich mit gewinnendem Lächeln auf eine Bühne zu stellen und von heiter beschwingter Musik begleitet langsam und ohne hinzuschauen ein vielfarbiges Endlostaschentuch aus dem Ärmel zu ziehen. Das andere ist, nun, eben ein aufploppendes Krokusfeld, das vom nahen Frühling kündet.

Die Menschen, bis auf zwei oder auch drei, haben gute Laune. Alle passen besser aufeinander auf. "Drei Tage hintereinander Mohnkuchen?" tadelt mich die Bäckerin und weist mich auf zwei andere Sorten zur Auswahl hin. Ich erkenne ihre gute Absicht und wähle was mit Apfel, es ist mittlerweile schon ein Spiel geworden. Hat sie frei, flüstern mir ihre Kollegen und Kolleginnen zu, es sei noch Mohn in der Kühlung, sie könnten gerne was holen, die Gelegenheit sei günstig, die Chefin nicht da. Ich bleibe aber brav, denn dieses Jahr will sie heiraten, habe ich erfahren. Vielleicht lädt sie mich ein.

Aber das ist chit chat.

Homestory | 22:19h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
iii - Samstag, 18. März 2017, 08:41
Kann über das Krokusfeld nicht mal wer im Aufsitzmäher oder zu Fuß drüber walzen oder säbeln? Ich mein, die Gladiolen- oder Magniolienbäume (oder wie heißt das Gestrüpp wo auch alle auch immer knipsen und im Frühling Bilder veröffentlichen) kommen ja erst noch. Für die Aaah und Oooohs brauch ich meine Kraft noch.

Ich kann Ihnen als Kuchen übrigens "Kalter Hund" empfehlen von Oma Hartmanns. Das sind so kleine eingeschweißte Kuchen zu 25 Gramm. Schmecken (für meinen Geschmack, aber wir sind da ja häufig unterschiedlicher Meinung) lecker, kann man auf Vorrat haben und muss mit niemanden sprechen.

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kid37 - Samstag, 18. März 2017, 11:31
Ah. Aufsitzrasenmäher! Den hätte ich damals kaufen sollen. Stattdessen stürzte ich mich ins Unglück und hänge nun auf ewige Zeiten verflucht in Hamburg fest. Früher waren Krokusse und Schneeglöckchen ja frühe Unheilsboten, die die Zeit ankündigten, in der die Hamburger ihre Socken in den Schuhen weglassen. Aber da sie das ja nun auch den ganzen Winter durchmachen, stumpft man ja ab.

Wir sind häufig unterschiedlicher Meinung - aber doch nicht beim Essen oder? Ich hole den vom Bäcker ja nur aus sozialem Zwang. Die Kollegen gehen mittags nämlich flüsternd und von mir mißtrauisch beäugt zu jemanden, den sie nur "den Italiener" nennen. Da ich den Paten gesehe habe, vermute ich etwas, über das man besser nur heiser flüstert. Als Mitbringstullenesser mache ich mich bei denen natürlich verächtig, schon, weil ich offensichtlich nicht so tief drinhänge wie sie. Mit den fidelen Bäckerinnen rede ich mich gut raus.

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iii - Samstag, 18. März 2017, 19:28
Mit den Socken weglassen, sehe ich nur bei sehr jungen Frauen. Scheint derzeit (in weißen Turnschuhen) Mode zu sein. Find ich nicht verkehrt, nur kalt. Vielleicht tragen die aber auch Wollfüßlinge. Was weiß man.

Ich weiß ja nicht, in welcher Branche Sie tätig sind, würde aber aufgrund des "den Italiener" Medienbranche raten, denn die sind doch geografisch immer dort angesiedelt wo es "den Italiener" gibt und rennen dann dort alle Mittags hin und nehmen sich noch "das beste Pesto der Stadt" to go mit. Und überziehen tagtäglich die Pause mit nem Espresso "als Nachtisch" von MEINEN Steuergelder. Als ob es nicht reicht, dass die schon in Marokko... ja, ich weiß, ich muss zum Ende kommen...;-♡

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kid37 - Montag, 20. März 2017, 20:07
Junge Frauen können meist alles tragen. Aber bei Männern will ich ds nicht sehen, und im Winter finde ich das generell fragwürdig. Aber wie immer in Hamburg: Der Senat schweigt!

Früher lungerten Medienleute standesgemäß zur Nacht vorm Büdchen rum, aßen Schnipo Schranke und ein Bier dazu. Zum Nachtisch eine Zigarette und ein desillusionierter Blick in die verschmierte, flackernde Außenbeleuchtung, während sie auf die Nachtausgabe ihrer Zeitung warteten. Ich sehe mich ja mehr im Sozialen tätig, weil meine Arbeit dazu beiträgt, den abendlichen Familienfrieden zu wahren und Menschen vor falschen Entscheidungen zu warnen. Das ist auch nicht wenig, wird daher auch voll besteuert.

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frau eff - Samstag, 18. März 2017, 11:15
Wie Sie das geschafft haben, in drei Absätzen nicht ein einziges Mal das Wort "Herbst" unterzubringen, das ist bewundernswert. Sie sind auf dem richtigen Weg!

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kid37 - Samstag, 18. März 2017, 11:32
Nur noch sechs Monate! Hurra.

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zeilensturm - Montag, 20. März 2017, 09:13
Auch ich hab's fotografiert! Und was soll ich sagen: Es macht glücklich. Fast noch glücklicher aber macht, dass auch die Mitmenschen glücklicher scheinen, nach sechs Monaten hängenden Hamburger Winterlefzen.
Nun gut, inzwischen sind schon wieder acht Tiefdruckgebiete mit Starkregen durchgezogen, die Lefzen hängen tiefer denn je - aber dieser eine Moment, dieser eine Tag!

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kid37 - Montag, 20. März 2017, 19:58
Da haben wir uns sicher knapp verpaßt, ganz so wie im Dorf ist es hier also doch nicht. Bei Regenwetter helfen nur die oben erwähnten Zaubertricks. Ich habe damit schon große Erfolge gefeiert.

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maz - Montag, 20. März 2017, 10:08
Danke für diesen Text. (Ich wettere ja jetzt nur noch gegen die Blogger, wie ein lügender Kreter, von wegen, nur Architekten, die mittlerweile schrieben. Damit meine ich wohl alle anderen außer Dir und Kaltmamsell :-))))

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iii - Montag, 20. März 2017, 19:20
Wieso kann man bei Ihnen eigentlich nicht kommentieren? Da ist ein Beitrag unter dem wollte ich unbedingt einst mal ein ♥ drunter machen. Ging aber nicht (hab ich dann gedanklich gemacht). Sind Sie da nicht so für?!

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kid37 - Montag, 20. März 2017, 20:00
@Maz - Vielen Dank, das freut mich. Leider gehen viele Blogs vor die Hunde - oder sind zu den einst befürchteten, SEO-optimierten Marketingtools geworden. Aber ein paar sind noch auf Never-ending Tour. Die Kaltmamsell gehört auf jeden Fall dazu.

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vert - Dienstag, 21. März 2017, 17:28
über meine tiefe liebe zum mohnkuchen habe ich heute nach dem mittagessen (italiener) zur freude der kolleg*innen auch einen längeren begeisterten monolog gehalten. erst als mich alle schweigend anschauten, war mir klar, dass ich jetzt wohl erstmal wieder für eine geraume zeit alleine zum bäcker muss.

wussten sie übrigens schon, dass man keinen mohnkuchen essen darf, wenn man ob irgendwelcher unglücklicher verquickungen eine geraume zeit clean bleiben muss, da der nachweisliche weg vom mohn zum opiat wohl weniger weit ist, als man so allgemein hin glauben würde?

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kid37 - Mittwoch, 29. März 2017, 17:47
Danke für die Warnung. Ich lasse ja nur Herz und Hirn testen, aber wer weiß, wo die überall Mohnkrümel finden können. Beim Bäcker gibt es jetzt was neues, Marzipan-Kokos. Wenn das zweite "o" wegfällt, dann... uiuiui. Mir war's ein bißchen ungewohnt. Aber schon auch interessant. Bißchen was fürs Ego.

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vert - Montag, 3. April 2017, 00:01
in der vorherigen stadt gab es die eissorte honig-mohn.
well played, gelatier.

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fabe - Donnerstag, 23. März 2017, 15:27
Ich nehme an, die Seinfeld-Folge in der Elaine den Job aufgrund Mohnkuchenkonsums verliert ist bekannt, ja?

Krokusse (Küsse? Krokteen?) sind ja auch was zu Essen, sehr teuer sogar.

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zeilensturm - Mittwoch, 29. März 2017, 15:28
Wir Exobiologen nutzen untereinander den Plural Krokui, da es sich um Korbblütler aus der Familie der Trachäengewächse handelt, die wissenschaftlich den Ablativ auf -i fordern.
(Dieser Satz entbehrt jeder Grundlage und spuckt dem gesunden Menschenverstand ins Gesicht, macht aber im postfaktischen Zeitalter jeden Skeptiker erst mal für fünf Sekunden mundtot. Danach ist schon wieder was anderes und man hat gewonnen.)

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kid37 - Mittwoch, 29. März 2017, 17:44
Ich als Außenreporter habe soeben mal kleine Kinder (T-Shirt-Aufdruck: "Wir sind die Zukunft!") befragt. Die sind sich sicher, daß es "Krokossile" heißen muß. Das ist ja nun, ich bleibe im Bild, ein bunter Strauß an Möglichkeiten.

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vert - Donnerstag, 30. März 2017, 16:00
krokeen, wie sonst?

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