Blumen & Waschbecken

Für die Arbeit an meinem Fotoband Blumen & Waschbecken war ich letztes Wochenende in der Kunstakademie. Dort gab es die jährliche Absolventenausstellung, ein in der Regel munteres Positionenhüpfen der verschiedenen Klassen. Also Büttner hier, Jutta Koether dort, Demand dazwischen und die anderen auch. Wie immer ist der größte Spaß eigentlich das Entdecken im labyrinthisch verschachtelten treppauf, treppab des Gebäudes, Stiegentürme hinauf und hinunter, lange Gänge entlang, den ausliegenden Faltplan lange schon ignorierend, ist doch wirklich mal der Weg das Ziel.



Weil es frisch noch am Samstag ist, also avant-la-fête, sind die Waschbecken noch nicht gefüllt mit Flaschen und Erinnerungslücken. Frisch wirken Ateliers und Künstler, der Jahrgang schaut hoffnungsfroh. Die Blumen haben Wasser.



Die Qualität der Arbeiten ist erstaunlich unterschiedlich. Ein Raum wagt Kirmeskunst weit unterhalb platter Gebrauchsgrafik, daß man sich fragt, wie hier jemals die Mappenprüfung bestanden wurde. Man nimmt es so hin, nickt mit dem Kopf und meint eigentlich ein Schütteln. Mit allem Respekt.



Schön sind ja die Möglichkeiten des totalen Raums. Einfach mal ein Atelier bespielen mit einer buchstäblich ausgewalzten Idee. Im Styroporkugelzimmer wühlen sich verzückte Kinder durch elektrostatischen Mulch, mit dem der Boden zentimeterhoch ausgelegt ist. Gebilde aus zartem Plastik schweben an der Decke, auf den Tischen eine Laborlandschaft. Präparate, Objekte, in jeder Hinsicht künstliche Artefakte. Sehr hübsch und anhänglich, kleben die kleinen weißen Kugeln noch tagelang an einem. Wie mit einem Haftbefehl.

Verzückend auch das kleine Wunderkammer-Kabinett, in dem in kleinen Einmachgläsern selbstgemachte Schneekugeln wie Säulen übereinandergestapelt sind. Gerade mal zu zweit, aber das reicht ja für vieles im Leben, quetscht man sich hinein in den dunklen Raum, eine von der Künstlerin (deren Namen ich mir leider und schwer verzeihicherweise nicht gemerkt habe) Taschenlampe hilft beim Entdecken von Schnecken und Wesen, die in den Gläsern Unfug treiben. Das Wichtige im Kleinen entdecken, ein meditativer und lehrreicher Exkurs. Und witzig.



Dringend zu erwähnen sind die Gemälde von Inga Kählke. Verschwommene Bilder wie "Pferdeliebhaberin" und sehr pastos aufgetragene Texturen sind auch in der Gesamtschau der Hängung emotional, verstörend und dann doch wieder heiter. Für mich der Höhepunkt dieses Jahrgangs.

Wobei ich wieder nicht alles gesehen habe.

flanieren | 21:20h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
carodame - Montag, 18. Juli 2016, 22:23
Das Waschbeckenthema finde ich sehr emotional, verstörend und heiter. Ein Höhepunkt im Café. Ich hätte gern ein Exemplar vom Buch.
Wie sich die Rundgänge in ihren Ausstrahlungen doch ähneln...

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kid37 - Dienstag, 19. Juli 2016, 20:23
"Das Atelier-Waschbecken in der Kunst" wäre ein schönes Thema für eine Magisterarbeit in Kunstgeschichte. Bei Berichten über Atelierbesuche werden immer aufgereihte Leinwände oder halbfertige Skulpturen gezeigt, vielleicht auch das ein oder andere Werkzeug, um die Arbeitsatmosphäre abzubilden. Selten aber die Waschbecken, dort wo Pinsel gespült, Farben gerührt und Künstler (und selbstverständlich Künstlerinnen) Körperhygiene betreiben. Der vielleicht auratischste Ort im Kunstbetrieb.

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gaga - Dienstag, 19. Juli 2016, 21:23
Tolles Projekt, ganz tolles Projekt. Ich möchte bitte ein Belegexemplar - ach was - ich bestelle eins vor - kostenpflichtig! Wir müssen diese Ausstellung unbedingt nach Berlin bringen! Sie werden da zwar kein Waschbecken verkaufen, aber Sie sind präsent, und darauf kommt es doch schließlich an.

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kid37 - Dienstag, 19. Juli 2016, 21:41
The Artist is present
Vielen Dank. Es wird noch etwas dauern, weil - das haben die Bechers gezeigt - die Ausarbeitung einer Typologie Fleiß und Struktur verlangen. Ich fürchte schon, darüber graue Haare zu bekommen, aber wenn das Werk vollendet ist, möchte ich natürlich auch in Berlin einen dieser White Cubes bespielen. Sollte keins vorhanden sein (in der Hauptstadt weiß man nie), plane ich sogar, ein Waschbecken extra für die Ausstellung zu installieren. Damit's auch jeder versteht. Einfach so.

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gaga - Dienstag, 19. Juli 2016, 22:45
Ich bin als erste Kuratorin vor Ort immer ansprechbar.
(Das wissen Sie!)

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kid37 - Dienstag, 19. Juli 2016, 23:35
Prima. Ich als Jet-Set-Künstler arbeite nur mit den besten und glamourösesten Leuten.

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gaga - Mittwoch, 20. Juli 2016, 00:38
Meine Rede.

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