Merz/Bow, #50



Vor ein paar Tagen kamen mir meine ungeputzten Fenster noch ein wenig ungeputzter vor. Aber es war nur der Winter, der in Hamburg noch einmal die Muckis spielen lassen wollte, den Starken mimen, kurz mal die Backen aufblasen wie ein lange vernachlässigtes kleines Kind, das sich krähend präsentiert und dabei doch in die Hosen macht. Winter, geh ins Bett. Du bist müde!

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Letztes Jahr, ich hatte im Kopf wohl Winter, blies ich kurz die Backen auf und dachte über Berlin nach. Viele Menschen finden das ja schön dort, ich immerhin interessant und kam auf diesem Wege, aber besseren Wissens zu der Idee, nicht immer so stur zu sein, Dingen auch eine Chance zu geben, Städten zum Beispiel. Überraschend schnell hatte ich sogar eine Wohnung zur Hand, ein niedliches kleines "Single-Nest", wie mir der Makler versicherte, hübsch gelegen, ein einmaliges Angebot und unsaniert, für den Fall, daß ich selbst noch Hammer und Leiter und Maurerzeugs bereitstellen wolle, sogar für die Hälfte billiger. Die Hälfte! Da war ich gleich ganz hibbelig, 'ne jünstige Jelegenheit. Ein Zimmer für mich allein.

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Dabei könnte Berlin fleißige Hände vertragen, es hat ja quasi keinen Flughafen. Man kann dort aber, gleich vom Bahnhof aus, gut zweigleisig fahren. Das wußte ich aber schon. Dieses Jahr war ich noch nicht da, der Kollege hingegen war auf der Berlinale und hat Selfies mit einer von mir sehr geliebten geschätzten Schauspielerin gemacht. Mann, Mann, Mann! Zwiespältige Gefühle waren das, als mir das Grinsefoto zum Gruß geschickt wurde. Mitten in der Nacht auch noch von einer dieser angeblichen Partys, ein Trick natürlich, mit dem Berlin so tut, als gebe es dort ein Nachtleben. Ich kann aber nun sagen, die Frau Dings, die lächelt für mich schon sehr schön in die kleine Telefonkamera. Ist auch wichtig.

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Berlin liegt auch in einer anderen Zeitzone. Moskauer Zeit, da verschieben sich ganze Kalender, Feiertage, Geburtstage - man müßte alles neu denken, gerade, wo ich mich in den hiesigen Tidenkalender eingegroovt habe. Der geht minutengenau, mit Vorhersage.

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Wie selbst frisch verputzt, habe ich ganz in der Nähe einen Laden entdeckt, der tatsächlich noch textilummantelte Kabel in vielen Farben als Meterware führt. Was es alles noch gibt! Der Geruch dieser Elektroläden, die nur über Hintertreppen zu erreichen sind, halb Lager, halb Verkaufsraum, halb Restekiste mit überquellenden Pappkartons. Eine Jugenderinnerung, die Werkstatt der Väter, das Knistern der Transformatoren und Summen der Röhren. Großes Glück, dieser Laden führt tatsächlich auch noch kleine Isolatoren aus Porzellan, perfekt für Langdrahtantennen aus Klingeldraht, sogenannte "Hühnerleiter" und Dipolkonstruktionen.

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Denn abends wollen die Schauspielerin und ich Radio hören. Ferne Sender auf der kurzen Welle, aus dem knisternden Äther gefischte Signale, den rhythmischen Klang der Telegrafen, der Musik aus Sumatra und Hilversum. Beleuchtet vom Glimmen der Kathode und dem schwachen, grünlichen Puls des magischen Auges schrecken wir vielleicht bald mit angehaltenem Atem und eng zusammengedrückt wie auf einem Selfie nervös zusammen, wenn das gemorste "V" ertönt: Di di di daa, Beethovens V., wenn das Schicksal anklopft, gefolgt vom sonoren: Hier ist England.

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Die Französin Isa Marcelli macht schöne Schwarzweißfotos: entschleunigt, gar nicht grell, aber traumhaft erhellend. Bei all dem visuellen Geschrei all überall, empfinde ich das auch in aller den Zeitläuften entzogenen Blümchenhaftigkeit gerade als angenehm.

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Ich bin sehr naiv, auch was diese Schauspielerin angeht. Ich mag mich aber trotzdem. Vielleicht schreibt die mir.

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Ich muß ins Bett. Ich bin müde.

>>> Geräusch des Tages: The Passions, I'm In Love With A German Film Star

MerzBow | 01:01h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
nnier - Montag, 22. Februar 2016, 07:51
Ist noch nicht so lange her, dass man in Kreuzberg halt mal so Häuser besetzt hat. Oder zu fünft eine Fabriketage gemietet, jeder darin einen Claim abgesteckt und für die Kinder noch einen Fußballplatz freigelassen. Ihr Nest hat dennoch Potential: Zwischendecke einziehen, unten Hühner- und Kaninchenställe, oben eine Kajüte mit Hängematte: Dann bleibt trotzdem Platz für das TippKick-Feld.

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kid37 - Montag, 22. Februar 2016, 10:14
Richtig. Man muß nicht nur Visionen haben, sondern auch die passenden Dimensionen. Das wäre schön, wenn mich dann diese Schauspielerin besucht und wir dort gemeinsam kochen und Tipp-Kick spielen könnten, ohne aus dem Bett vom Sofa aufzustehen.

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gaga - Montag, 22. Februar 2016, 22:15
Wohnt die Filmschauspielerin schon in Berlin oder wird sie dann auch herziehen?

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kid37 - Montag, 22. Februar 2016, 22:27
Die wohnt dort, habe ich ermittelt. Dienstlich aber in Hengasch in der Eifel. (Wenn ich da an Gillian Anderson denke, habe ich eventuell ein Faible für Damen bei den Sicherheitsbehörden.)

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gaga - Dienstag, 23. Februar 2016, 01:40
Aber schon als Kriminalhauptkommissarin? Also federführend! Da hätten Sie auch noch die Wahl, nach Wien zu ziehen, weil sie ja zwei Wohnsitze hat und auch am Burgtheater ist!

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gaga - Dienstag, 23. Februar 2016, 01:53
P.S.
gerade in einem Interview gelesen:

"Haben Sie schon mal einen Heiratsantrag von einem Fan bekommen?"

(Name aus datenschutzrechtlichen Gründen geschwärzt): "(lacht) Ich werde zwar oft auf der Straße angesprochen. Immer auf eine sehr nette Art, aber selten in Form von Heiratsanträgen - sehr zur Beruhigung meines Lebensgefährten. Was mich allerdings irritiert: In acht von zehn Fällen, kommt als erster Satz: "Ich guck eigentlich kein Fernsehen - ihre Sendung schon". Es ist mir ein Rätsel, warum das ein Merkmal für Qualität ist."

Ich denke, Sie sollten das wissen. Meines Erachtens bedeutet das auch, dass der Lebensgefährte entweder noch keinen Antrag gemacht hat oder sie seinen Antrag bisher immer abgelehnt hat. (das Glas ist also halb voll).

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kid37 - Dienstag, 23. Februar 2016, 10:16
Was muß ich da lesen? Wien war natürlich das große Argument. Wer diese Stadt mag, muß im Herzen gesund sein. Die Sache mit diesem, nennen wir ihn ruhig mal "Lebensgefährten" hingegen, stimmt mich bedenklich. Ich schaue ja eigentlich kein Fernsehen, aber ihre Sendung schon. Da kann man ja ein bißchen mitreden. Dort hat sie ja auch den ein oder anderen, nennen wir ihn "Lebensgefährten". Die passen alle nicht zu ihr, da bin ich sehr dezidiert. Die braucht einen, der sie da rausholt. In die große Stadt. In ein 9,97-qm-Appartment vielleicht.

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ana - Dienstag, 23. Februar 2016, 06:42
Eine 9,7-Quadratmeter-Wohnung - erst dachte ich, da habe ich mich wohl verlesen. Die Wohnung ist zwar hoch, aber man kann ja nicht alles über einander stapeln oder an die Wand klappen. Wo soll das Klo, das Waschbecken... hin? So beengt würden, dachte ich früher, nur die Großstadt-Japaner leben müssen. Das ist nichts für Sie, in so einer Klause liest man bestimmt gar nicht oder nur am Bildschirm, nimmt man vermutlich schon das Frühstück auswärts ein, und für die Schauspielerin wäre es sicher nicht erquicklich - im Fall des Falles - ein Winzbett mit Ihnen zu teilen...

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kid37 - Dienstag, 23. Februar 2016, 10:09
Es heißt aber, wen die Liebe groß ist, findet sie Platz im winzigsten Bett. Aber es stimmt, auf Dauer und bei Regen ist so eine Klause etwas bedrückend. Wenn man dort aber 100 Jahre mietfrei wohnt, hat sich der Preis natürlich gelohnt. Für Vampire vielleicht, ein Sarg mit Bücherregal.

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zeilensturm - Freitag, 26. Februar 2016, 09:02
Weltempfänger
"Musik aus Sumatra und Hilversum" - weiter kann man das Universum in fünf Wörtern nicht aufspannen. Man hört förmlich das statische Rauschen, Abfallprodukt des Urknalls, unterbrochen vom Fiepen einiger älterer Sputniks. Gleich taten sich mir Erinnerungswelten auf aus der Zeit, als ich in Benares, im Schlafsack tief gegen Stechmücken vergraben, am Weltempfänger von "Sony" nach der Deutschen Welle forschte und manchmal, in unwahrscheinlichen Skalenbereichen, kurzzeitig fündig wurde. Pures Glück!

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pame1a - Freitag, 26. Februar 2016, 23:37
Wenn Sie Ihren geschätzten Blick auf diesen Link richten möchten, fällt die Wahl der Hauptstadt möglicherweise leichter.
(Sie kennen das sicher bereits.)

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kid37 - Samstag, 27. Februar 2016, 01:51
Das ist ja wunderbar (und um 2337!) - ein Grund mehr, die schöne Stadt zu lieben. Mein Vater winkte zwar ab, weil Stoffkabel für manche Verwendungszwecke (Bügeleisen z.B.) nach wie vor Pflicht sind, aber ich war doch begeistert erstaut, daß es so was noch gibt. Vielleicht kann ich diesen Laden im Mai besuchen.

@Zeilensturm: Erst durch Radiowellen werden Abenteuer richtig. Allein, auf hoher See, hier sprikt Norddeich Radio, ein ewiges "Gruß an Bord". Nicht nur an Weihnachten. Schade, daß immer mehr Mittelwellesender abgeschaltet werden. Der Längstwellensender Grimeton gehört ja immerhin zum Weltkulturerbe. Über 2 Km lange Antennen, das ist aus einer Zeit, da technischer Wille noch sinnlich spürbar war.

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