Landausflug



Ich liebe ja Hochzeiten. Beerdigungen haben auch ihren Reiz, vor allem, wenn es einen selbst nicht betrifft, aber Hochzeiten haben oft das bessere Essen, die bessere Musik und obendrein meist die bessere Laune. Wenn es also irgendwo eine Hochzeit gibt, ich bin dabei. Beinahe ist es so, als hätte ich allzeit bereit eine kleine Reisetasche wie einen Notfalleinsatzkoffer für Hochzeiten neben der Türe stehen, in der ein freundliches Hemd und eine festliche Jacke darauf warten, mich zu einer Trauung zu begleiten. In meiner kargen Freizeit lungere ich manchmal vor dem Standesamt herum, klatsche Beifall für die Brauleute, hake mich unter, biete mich als Trauzeuge an. Ein wenig trage ich mich sogar mit dem Gedanken, mich allein deshalb doch bei diesem Facebook anzumelden, um Mitteilungen über bevorstehende Hochzeitsfeiern zu erhalten, um dann wie eine Art Owen Wilson in Die Hochzeits-Crasher hereinzuplatzen, ein wenig fröhliche Melancholie wie Blütenblätter oder Reiskörner zu verstreuen, und generell der Erste zu sein, wenn der Hochzeitskuchen endlich zerteilt und die Schnitten herumgereicht werden.

Es herrschte ja früher so ein Hunger. Einer dieser großen, einer nach diesem allem, vor allem in der ersten Zeit in dieser großen Stadt. Am Wochenende also fanden glücklicherweise meine zuvor unablässig gemurmelten Gebete Gehör für ein kurzes Zwischenhoch, und ich ließ mich kurzerhand ins Schleswig-Holsteinische Guts- und Begütertwesen entführen. Hochzeit auf dem Lande, das ist sozusagen das Crèmeschnittchen unter den Hochzeitsfeiern. Zwischen Scheunen, Herrenhäusern, Pferdeställen, weißen Pavillons auf grünem Cricketrasen fühlte ich mich zunächst wie beim Jahrestreffen von Young, Young, Young & Söhne, denn um mich herum lungerten zunächst halbjunge, den konservativen Parteien nahestehenden Menschen in Gel und Nadelstreifen (die Schuhe, ihr Aktenkoffermänner, immer habt ihr so dürftiges Schuhwerk an!) begleitet von ihren Begleitfrauen, den zukünftigen First Ladies und Beilagen.

Diesmal allerdings war ich das Ziermöhrchen, kannte quasi keinen, konnte also wahlweise behaupten, entweder zur Seite der Braut oder der des Bräutigams zu gehören. Auch diese kannte ich nicht, war aber spaßeshalber der erste bei der Gratulation, knuffte den Gatten und flüsterte der Braut, nachdem ich mich zutraulich in ihr Dekolletée gedrückt hatte, zu, ich hätte gehört, es gebe sehr guten Kuchen.

Den gab es auch, und dazu dieses ausnehmend schöne Wetter, das sich wie ein Urlaubskatalog um die schönen Menschen legte. Während ich, ein einfacher Mann aus dem Mittleren Westen, den es auf die Hamptons verschlagen hat, vom Liegestuhl aus die Szenerie beobachtete und zu dem Schluß kam, daß diese Feier wie ein Urlaubsort war, nur mit besser gekleideten Menschen und keinen, die in bunten Bermudas und Badelatschen die Szenerie verschandeln, umwuselten mich kecke Kinder auf Laufrädern, teilnehmende Verwandte, keine Hunde, aber Raucher und andere freundlich herausgeputzte Gäste. Im, nennen wir es Herrenhaus schnupperte ich an den Lüstern, suchte die Bibliothek vom großen Gatsby, fand an meinen Fingern keinen Staub, als ich den Lack der Möbel prüfte.

Draußen auf dem Rasen klöppelte inzwischen der Grillimpressario auf seinem Flammenrost beidhändig mit den Zangen herum, daß er aussah wie ein Vibraphonist oder Marimbaspieler, der eifrig die Musik begleitet, die von der lampionverhängten Tanzfläche herüberwehte. Bessere als ich zunächst befürchtete, wie ich festhalten möchte. Ein blondes Mädchen im luftigen Kleid erinnerte mich an eine Exfreundin, und kurz überlegte ich, ob ich nicht mit ihr durchbrennen sollte, war sie doch mit einem Mann zusammen, den sie nicht brauchen konnte. Dann fiel mir ein, daß besagte Exfreundin mich einst auch nicht brauchen konnte, wandte mich also lieber erneut diesem fantastischen Kuchen zu, unterhielt mich mit einem Paar aus Berlin, die aufatmend gesund aussahen und muntere Dinge über Stadtentwicklung zu berichten wußten. Zwischen dem Bräutigam und mir paßte irgendwann kein Blatt Papier mehr, wie man so sagt, wir haben uns quasi für den Abend "geaddet", und er hatte sich sogar meinen Namen gemerkt, wie ich merkte, als er mir im vertraulichen Ton zuflüsterte, daß im Kühlhaus noch Massen an Kuchen standen. Gute Menschen, allesamt.

Ausfallschritt | 15:10h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
novesia - Montag, 5. September 2011, 18:23
Landhochzeiten! Traumhaft! Früher wollte ich mich immer drücken (weil Ehephobikerin), aber dank "4 Hochzeiten..." fand ich plötzlich - Zugang. Vom Kuchen ganz zu schweigen. Hoffentlich ist diesen Spätsommer/Frühherbst noch mehr als eine drin. Ende des Monats wird in Ungarn gefeiert, die hab ich jetzt schon als geheimes Highlight des Jahres verbucht...

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kid37 - Montag, 5. September 2011, 23:48
Ich selbst werde irgendwann eine Torte einen Kuchen heiraten, schätze ich. Spätsommerhochzeit mit Piroschka in Hódmezővásárhelykutasipuszta? Toll, keiner wird verungarn, was rede ich, verhungern und die Musik spielt die ganze Nacht, während der Brautschleier über endlose Kornfelder weht.

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novesia - Dienstag, 6. September 2011, 16:41
"nosztalgia magyar" <3
Mit der Kuchenheirat haben Sie mir jetzt einen Floh ins Ohr gesetzt. Da muss ich meinen ganzen Lebensplan (?) glatt noch einmal überdenken...

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ana - Montag, 5. September 2011, 23:44
Mach doch den Schmuser, so sagt man noch ein wenig südlicher von hier. Der Schmuser zieht durch die Dörfer und vermittelt die heiratsfähigen Töchter, kriegt was dafür und als Zeremonienmeister bei der Hochzeit natürlich zudem guten Kuchen, satt-papp.

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kid37 - Montag, 5. September 2011, 23:51
"Schmuser"? Das ist ja wundervoll. Leider habe ich ja nicht so ein Händchen für Menschen, daher bin ich nicht sicher, ob ich wirklich erfolgreich im Verkuppeln wäre. Aber die Idee hat etwas Reizvolles. "Den Schmuser machen", das muß ich mir merken.

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derherold - Montag, 5. September 2011, 23:56
... die Schuhe, ihr Aktenkoffermänner, immer habt ihr so dürftiges Schuhwerk an!

Lassen Sie mich raten, Herr @kid: Lederschuhe mit Gummi-Sohlen aus imitiertem Lederimitat oder Lederschuhe mit derart schlechtem Oberleder, daß es Knautschzone(n) gibt ?

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kid37 - Dienstag, 6. September 2011, 00:17
Man muß sich das überlegen: Da sind Männer mit einem Gesicht als bewegten sie Millionen Hunderttausende, und manchmal tun sie das ja auch. Und dann enden die breitgedachten Schultern und festverankerten Beine in nach Deichm Kunststoff ausschauenden billigen Ballerina-Tretern, gerne auch mit Troddeln und Fransen dran, so als wären sie Windspiele und keine Macher & Entscheider. Puff!, ist die Illusion vom großen Mann zerplatzt.

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sakanachan - Dienstag, 6. September 2011, 00:19
Meine Kampfstiefel (Baujahr 1984) haben auch nach mehreren tausend Kilometern und zwei neuen Besohlungen noch keine Knautschzonen.

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derherold - Dienstag, 6. September 2011, 01:45
http://images.asos.com/inv/media/2/3/1/2/1702132/image2xl.jpg

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kid37 - Dienstag, 6. September 2011, 12:51
Aaaaaaaah. (Gut, daß ich mich schon zur Nacht gebettet hatte. Ich hätte ja keinen Schlaf gefunden.)

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gaga - Mittwoch, 7. September 2011, 01:08
Gewusst wo!

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lorilo - Freitag, 9. September 2011, 12:52
Auch Hochzeiten sind meist besser, wenn es einen selbst nicht betrifft, auch begüterte Landhochzeiten.
Aber sonst haben Sie natürlich Recht - selbst mein alzheimerbetroffener Großvater bemerkte auf der vorletzten Beerdigung: "Also eines muss ich ja jetzt mal sagen - das ist die absolut beschissenste Hochzeit auf der ich je war."

Und gegen Troddeln an Männerfüßen sollte man ein Komitee gründen, das dem bewaffneten Kampf zumindest nicht gänzlich abgeneigt ist.

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kid37 - Freitag, 9. September 2011, 13:31
An Weiberfastnacht wäre es im wenigstens im Rheinland erlaubt, dieses Gehänge einfach abzuschneiden. Zack, und großes Aufatmen. Bei der Bewertung von Hochzeiten bewege ich mich natürlich in einem gewissen Ignoranzraum. Was jene betrifft, die mich nicht selbst betreffen, kann ich nur mutmaßen, ich bin leider schwer vermittelbar. Schwarzgekleidete Bräute haben aber auch ihren Reiz, da würde ich Ihrem Großvater leicht widersprechen wollen.

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