
Samstag, 17. März 2012
Herr Kid nutzt derzeit das kostenlose Vollpensions-Angebot des Krankenhauses, ist aber guter Dinge, sich bald mittels eines mitgeführten Kaffeelöffels einen Gang nach draußen gegraben zu haben.
Bis es soweit ist, lässt er grüßen.

Donnerstag, 8. März 2012
Crawlin' on the floor
And I've never met a girl
like you before
(Edwyn Collins, "A Girl Like You".)
Als Ansporn zur Genesung bekam ich diese ganz wunderbare Tasse geschenkt. Auf dem weißen Porzellan sind Eulen zu sehen, und die hat Edwyn Collins gzeichnet. Der Gitarrist ("A Girl Like You") erlitt 2005 einen Schlaganfall durch Blutgerinsel im Hirn. Neben Lähmungen zeigte er auch einen fast vollständigen Sprachverlust. Die einzigen vier Phrasen, die er äußern konnte, waren "Ja", "Nein", der Name seiner Frau und "The possibilities are endless."
Motorisch stark eingeschränkt, konnte er aber Eulen zeichnen, diese sind es, die ihren Weg wiederum auf meine Tasse gefunden haben. Man muß das als eine Art Staffelübergabe verstehen. "Ja" und "Nein" kann ich sagen, die Namen verschiedener Frauen üben, für den Fall der Fälle, wobei sie sich unterschiedlich schwierig aussprechen lassen, ich sage nur dental fricatives. Die eigentliche Losung aber ist natürlich "the possibilities are endless", man muß nur in der Lage sein und willens, sich wie ein Krake in die kleinsten und verschlungensten neuen Gefäße zu schlängeln.
Liebes Krankentagebuch: Die Woche war nicht so besonders, das ging zwischenzeitlich alles schon mal besser. Tagesform, heißt es, ich bin skeptisch und seit heute sogar sehr skeptisch. Immerhin gibt es jetzt eine Nurse, die man auch anrufen kann zu ungewöhlichen Zeiten für Ratschläge und Empfehlungen. "Meist passiert ja was am Wochenende", sagt sie lachend. Wir sprechen über Therapien, das weitere Vorgehen, üben ein bißchen. So ein mütterlicher Typ, denke ich, vielleicht kann die auch Kuchen backen.
Gewiß aber war ich zu vorlaut, als ich sagte, ach, das kann ich, da habe ich Übung drin. In der Praxis sah das aber etwas anders aus. Die Schwester neben mir zog scharf die Luft ein, ich sagte, was machen Sie für Geräusche, sie sagte, nun machen Sie doch schneller, und ich sagte, ich sei doch nicht verrückt, ich lasse mir hübsch Zeit. Nicht aus Genuß, wohlgemerkt, sondern aus Vorsicht. Sie atmete weiter hörbar, mir erschien das einen mißbilligenden Unterton zu haben und mahnte zur Geduld, sah aber zu, zum Ende zu kommen.
Danach mußte ich mich erstmal fünf Minuten langlegen. "Männer eben", meinte ich entschuldigend, und sie lachte, während sie meinen Blutdruck maß. Das würde stimmen, bestätigte sie, die machten häufiger schlapp. Ich erinnerte mich an jemanden, der gleich zu Anfang argwöhnte, ob ich wohl "belastbar genug sei", während ich sprachlos schwieg, im Stillen aber dachte "the possibilities are endless" und "Warten wir doch ab, ob du belastbar genug bist". Am Ende stand es eins zu eins, denke ich; die Schwester hingegen meinte vorschußvertrauensvoll, ich würde das schon hinbekommen, worauf ich fragte, ob sie mich nicht heiraten wolle, was ich super fand.
Ermunterung, Baby. Auch wenn es heute schon wieder so war, daß ich gerade mal einen Gang um den Block wanken konnte, von Einkaufen gar nicht zu reden. Mir fehlt die Geduld für dieses Auf und Ab, stelle ich fest. Père Ibu ("Ibu Roi") sei aufs erste mein Freund heißt es, aber vielleicht rufe ich nachher noch die Nurse an. Oder morgen. Und dann ist schon Montag. Und die possibilities endless.

Montag, 5. März 2012

Mit schwachem Bein und schwachen Auges runter zum Fluß, fünf Zentimeter mehr Kondition, der Rest sei auch ein wenig Tagesform. Keine Sorge, sagt Frau Sorge. Die Definition sei so und so, und alles andere ist dann was anderes. Ein bißchen anders also im Kopf, schlecht geschlafen, beim nächsten Mal vielleicht besser Mohnkuchen backen, überlege ich.
Hier stapeln sich Dinge. Korrespondenz, Bücher, Musik, Filme, Zeitschriften, das müßte alles mal gesichtet und sortiert und beantwortet und veranlaßt werden. Überhaupt diese Veranlassungen. Erst veranlaßt, dann aufgelassen wie ein verfilzter Kleingarten oder ein marodes Baugelände. Ich fahr die Siegerstraße hinunter, aber wenn alle mal ehrlich sind, so viele kommen einem da auch nicht entgegen, ein verlassenes Gelände dieser Tage, wird Zeit, daß der Frühling kommt mit seinem hysterischen Gelächter.

Mein Leben wurde ja bereits in den 70ern verfilmt. Man änderte nur ein paar Dinge, machte im Film aus meiner Arbeitsstelle eine Fischfabrik. Dafür hatte der Hauptdarsteller eine verblüffende Ähnlichkeit mit mir, bis hin zu gewissen Manierismen bei der Kleidung. Ich summe den halben Abend das Titellied. Stückweise. Dann warme Milch und wieder kein Schlaf.

Sonntag, 4. März 2012
Jetzt kann ich nachts, wenn ich nicht schlafen kann, aufstehen und mir ein Stück Kuchen abschneiden.

Freitag, 2. März 2012

Für mich ist ja jeder Tag wie ein Abenteuer Experiment. Auch wenn ich die tausend Möglichkeiten manchmal erst hinterher sehe. Aber Zeit und ihr Gefüge verhalten sich vielleicht nicht nur nach den Regeln, wie wir sie kennen. (Schlag nach bei Fox Mulder). Neulich erst fand ich mich in meiner Versuchsküche ein, um einen quirligen Tag zu beginnen und nebenbei den Lauf der europäischen Geschichte zu verändern, würde der Zeitstrahl einmal umgekehrt verlaufen.
Aber von Anfang an. Der Schlüssel zum Herzen eines Mannes ist ja in aller Regel ein guter Kuchen. (Schlag nach bei Dale Cooper.) Allerdings ist meiner Erfahrung nach das Talent zum lockeren Backwerk bei Frauen ähnlich vom Aussterben bedroht wie auf der Welt nur der Chinesische Flußdelphin. Als ich also am Wochenende früh und wie noch schicksalslos erwachte, erinnerte ich die alte Handwerkerregel: Willst du es richtig gemacht haben, mach es selbst. Meine noch jungfräuliche Margrethe winselte sowieso schon lange Füll mich! Rühr mich!, den Vorratsschränken entlockte ich durch langes Suchen und orphische Gesänge ein ganzes Zutatenpotpourri, das ich nach und nach 400-Watt-verstärkt zusammenmengte. Leider hatte ich nur dunkles Vollkornmehl im Haus, aber nun mag man mich schimpfen wie man will, an Experimentierfreude mangelt es mir trotzdem nicht. Egal, heut' ist Sonntag, dachte ich, mixte also unbeirrt das dunkle Mehl im Takt meiner Küchenradiomusik.
Mit dem ins Auge geklemmten Fadenzähler beobachtete ich den Fortgang und konnte eine Stunde später sagen, heureka*, mir ist da was im Ofen gewachsen! Ein bißchen viel des wildgemischten Teigs vielleicht, so ungegürtelt wie die Masse anschließend auseinanderging. Andererseits zeigt es wieder nur, wie richtig die altbekannte Weisheit ist: Man soll große Taten nicht in kleine Formen pressen.
Der Kuchen schmeckt tatsächlich ganz gut. Also "gut" wie, gut, ein wenig nach Vollkornbrot vielleicht. Nicht wie in "einen Kirschkuchen haben die da - sagenhaft!" (Schlag nach bei Dale Cooper). Ich nenne es mein Marie-Antoinette-Rezept. Kuchen essen und dennoch Brot dabei empfinden. Die Revolution, schreibt es in eure Geschichtsbücher, wäre also gar nicht nötig gewesen.
* Das ist Griechisch und heißt: "Da fliegt uns gleich was mächtig um die Ohren".

Donnerstag, 1. März 2012

Achtung, Achtung. Aus der Hals-Maul-Opfas-Klinik sind verschnupfte Menschen entflohen. Sachdienliche Hinweise bitte an die Rechtschreibverfolgungsbehörden. Der leitende HMO-Arzt empfiehlt präventiv weiterhin Schal und Mütze.

Dienstag, 28. Februar 2012

Mit diesen vielen jungen Leuten hier auf einmal wird es langsam unheimlich im Viertel. Diesmal strömten sie zum Kunstveranstaltungsraum (so was gibt es hier auch schon) gleich bei mir ums Eck. Der Giger Hans-Ruedi zeigte dort eine Retrospektive. Von wegen passé also, andererseits - sind nicht gerade junge Leute häufig ganz besonders konservativ? Übermäßig neugierig war ich nicht, hatte ich letztes Jahr erst eine Werkschau in Wien gesehen. Aber wenn schon mal was hier im Stadtteil passiert...
Interessanterweise war es doch nicht die Übernahme der Wiener Ausstellung, die Auswahl in Hamburg war eine andere und zeigte deutlich mehr Skulpturen. Die allerdings wirkten ein wenig fremd, weil sie zum Teil aus ihrem Kontext gerissen waren. So war das patinabesetzte Rückteil eines Müllwagens (Passagen) wenig bedrohlich, aber immerhin für Rostfreunde beeindruckend. Gigers Weiterverarbeitung des Motivs ins Obszöne aber fehlte, ebenso wie bei vielen Bildserien. Kein Hinweis auf indizierte Plattencover, befremdliche biomorph-assoziative Formen und Penisparaden. Definitiv undersexed und ein wenig domestiziert wirkte folglich diese Hamburger Werkschau eines großen Verstörungskünstlers. Auch die tragische Geschichte um die einstige Lebensgefährtin, Muse und Model Li Tobler blieb ausgeklammert. Die Schauspielerin hatte sich 1975 mit gerade einmal 27 Jahren erschossen und ließ einen erschütterten Giger zurück. Dieser deutliche Wendepunkt ist immerhin ein weiterer möglicher Schlüssel für Teile seines Werkes, der einer "Retrospektive" gut angestanden hätte. Überhaupt kam die Frühzeit etwas kurz. Die "Atomkinder", Gigers Schülerarbeiten, waren (in Teilen) zu sehen, in Wien gab es darüberhinaus aber auch Dokumente aus frühen Galerie-Zeiten, wo Giger mit aus harten Brotlaiben ausgehölten Schuhen zu Ausstellungen erschien. Dafür gab es das Alien und ein paar andere Monstren, besagte Möbel und viel zu viel hinter Glas. Nicht, daß man bei Airbrushbildern großartig auf Strukturen und Haptik hofft, aber so hermetisch gegen den Alienatem der Besucher geschützt, hätten es auch Posterdrucke sein können.
Die Schau läuft noch bis zum 3. März, wer sie sehen will, muß sich sputen.
Anschließend zur HfBK, diplomierte Kunst anschauen. Im labyrinthischen Gebäude verteilt, zeigte sich großteils ebenso gezähmtes, ganz anders als auf den Jahresaustellungen, wo die Pferdchen freier laufen. Ein, zwei chinesische Malerinnen fielen mir auf, Christin Kaiser bekam darüber hinaus von mir den "Mutpreis", sie hatte gleich das ganze Atelier mit ein paar tausend Litern Wasser geflutet, das teuflische Duo Simon Hehemann und Stefan Vogel, verbrauchten den von ihrer letzten Ausstellung bei Feinkunst Krüger übriggebliebenen Gips und gestalteten einen begehbaren Stalakmitenwald in ihrem Atelierraum. Interessant auch Carsten Bengers Arbeit, weil er dabei die Aktion von The KLF zitierte, die 1994 ihre künstlerischen Einkünfte (eine Million Pfund) auf einer schottischen Insel verbrannten. Heute verbrennen nur noch Nichtkünstler Geld. Das sind dann aber gleich Milliarden.
(H.R. Giger. "Retrospektive". Fabrik der Künste, Hamburg. Bis 3. März 2012; "Absolventenausstellung 2012". HfbK, Hamburg. 23.-26.2.2012)
