Montag, 5. Oktober 2009


Alles ist geflutet



Mood de jour.

>>> Geräusch des Tages: Die Sterne, Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt


 


Sonntag, 4. Oktober 2009


Yeah! Yeah! Yeah! (Twang! Twang! Twang!)

Saikokiller: 1964, und was war sonst noch so los? In Peru, also ausgerechnet, schrebbelten um diese Zeit die Los Saicos einen Surfin' Bird-Garagensound, wie ihn fast zwei Dekaden später erst die Cramps wieder tanzbodenfähig machen sollten. In ihrem Stomper Demolición singen sie unentwegt was von "demolieren" - glaube ich - und brauchten dazu noch nicht einmal einen Vorschlaghammer.



Das ist so Musik, wie sie auch in diesen Hamburger Sperrholzkneipen gespielt wird, wo sich Seemänner mit und ohne Insignien, ebenso trinkfeste Frauen mit Katzenaugen und motorölverschmierte Milchbubis mit Zweitakter-Tanzschritten treffen. Man sitzt dann interessiert um einen Tisch, trinkt Bionade und wackelt wie eine Caféhausdame bedächtig mit dem Kopf. So ist das in Hamburch, da staunen die anderen Städte.

Später, wenn die Touristen im Bett liegen, schiebt man dann so ein Görl im verschwitzten Cocktailkleid über die eng abgezirkelte Tanzfläche, weil wir hier zupackende Werftarbeiter sind, die so ein Püppi locker unterm Arm verschwinden lassen können und zudem gern Physikalkontakt haben. Wenn dann die bunten Partyleuchten über der Theke schaukeln wie rotgrüne Positionslichter bei Windstärke acht, geht die Sache mit der Stimmung los, Shout & Shimmy, kommen die lizenzentkleideten Getränke auf den Tisch und wird heimlich auf dem Klo geraucht - und manchmal nicht alleine. Irgendeiner schreit dann Rumble!, weil das der Sound ist, mit dem Hüftknochen aneinanderreiben, irgendwo knutschen welche auf Ledersitzen, und wer allein über einem Bier sitzt, schaut zu, wie die Scheiben langsam von innen und außen beschlagen.

Es ist nicht so, als ob wir hier keine Sehnsucht kennen würden. Wir sind vor Mitternacht bloß ein wenig schüchtern. Unser Herz schlägt aber so.


>>> Zum Tag der Deutschen Einheit: Die Sputniks (mit dem "modernen Gitarrensound")

>>> The Trashmen mit Surfin' Bird

>>> weitere Lieder von Los Saicos

>>> Webseite zum Film Saico Mania mit Trailer (auf die Kinositze klicken) und weiteren Infos, z.B. daß der Weg vom Punk über Salsa wieder zum Punk führt.

>>> Doku über Rock'n'Roll in Peru Teil 1 und 2 (sieht aus wie in Hamburg, nur alles auf Spanisch)

>>> Und natürlich: The 5,6,7,8's mit Whoo Hoo (live!) und Edie Is A Sweet Candy

Radau | von kid37 um 05:37h | 20 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 3. Oktober 2009


Die Elbe trug ein frostiges Gesicht

You take my hand,
I'll take your hand.
Together we may get away.
This much madness
Is too much sorrow,
It's impossible
To make it today.

(Neil Young, "Down By The River".)



Die Seele, heißt es, brauche drei Tage länger. Vorausgeeilt, verflogen, aber gelandet, sortiere ich meine Sachen, die Habsburgseligkeiten, die vielen Bilder, die zu wenigen Bilder, die Sprach- und Wortlosigkeit, die zögerliche Betrachtung im Spiegel, die ganz leisen Fragen und sanften Antworten. Spätestens Montag wieder bei sich sein zu müssen. Das Schulterklopfen der Kollegen und wie sie einen am Ohr ziehen, mich sanft verspotten, die Messer abnehmen und ein Arbeitsgerät in die Hand drücken werden.

Die Elbe trug ein frostiges Gesicht. Wie eine abgeschossene Maschine trudelte ich durch die zerrissenen Wolken. "Es ist Herbst", sagte neben mir seufzend ein Rentner. Ja, endlich, murmelte ich. Endlich wieder Herbst. Und die Musik vielleicht tanzbar, aber immer noch nicht laut genug, das pochende, stotternde Motorengeräusch zu übertönen.


 


Freitag, 2. Oktober 2009


Ach, Landungsbrücken

die schlechte Idee: Gleichzeitige Beschreibung
der Reise und der innerlichen Stellungnahme
zu einander die Reise betreffend.

(Franz Kafka, Reisetagebücher. 26.8.1911.)



Ich bin noch nicht wirklich wieder zurück. Hamburg empfing mich nass und kalt, ein unwirklicher Schock, nachdem ich auf dem Hinflug beim Ausstieg aus der Maschine kurz argwöhnte, aus Versehen nach Rom umgeleitet worden zu sein. 27 Grad, ihr habt ja einen Knall, dachte ich, ich habe kaum T-Shirts dabei. Der Ausflug in die Hansestadt heute war hingegen wie ein Einblick in eine fremde Welt: Auch wenn ich nur ein paar Tage weg war, das Tempo, das ich annahm, war ein anderes. Hier nur hastende, eilende Gestalten, rempelnde Menschen auf den Rolltreppen. Selbst am Geldaut0maten, wo ich normalerweise mit trommelnden Fingern ungeduldig versuche, Geld und Karte weit vor der Zeit aus dem Schlitz zu zerren, ging mir heute alles viel zu schnell, pfiff mich doch am Ende die Maschine an, endlich meine Habseligkeiten aus ihr zu ziehen.



Was brauche ich Geld. Reich beschenkt wie kaum einer kehre ich zurück. Und das ist mir ein wenig unheimlich und erzeugt Wehmut. Hamburg jedoch hat leider Nachtflugverbot. Man soll also erwachsen tun und kann gar nicht sofort zurück. Und dabei dachte ich, in meinem maritim verklärten Alter käme man gar nicht mehr in die Situation, vor irgendetwas Angst zu haben.


 


Mittwoch, 23. September 2009


Zu Wasser, zu Lande, in der Luft



Nach all den Landpartien und wagemutigen Kanalalleinüberquerungen muß ich jetzt dringend die Lüfte erkunden. Ein paar Tage werde ich fort sein, nette Eindrücke sammeln und herzlich Hallo sagen. So mein spontan strukturierter Plan. Bleibt alle brav und eßt eure Teller leer.


 


Dienstag, 22. September 2009


Auspaddeln

...über Bali und Hawaii.
(Lolita, Seemann, deine Heimat...)



Gegen Ende einer jeden maritimen Saison werden Reusen, Angeln und Segel eingeholt. Aber bevor es Zeit ist, die Schlauchboote an Land zu kranen und winterfest zu machen, kann man sie ja noch mal aufpumpen und in die letzten warmen Stunden hinein zu Wasser lassen.

Leider ohne Akkordeon und zufällig auch ohne Ringelhemd steche ich mein Billigpaddel in die See, erst neulich ist mir schmerzlich klar geworden, und nur hier kann ich es zugeben, welchen Trainingsrückstand ich habe. "Peter-Michael Kolbe, sprich zu mir!" beschwöre ich den großen Schutzheiligen des Ruderwesens, Meter um Meter kämpfe ich mich mit übermenschlicher Willenskraft an meinen imaginären Herausforderer namens Muskelträgheit heran. Dann erst einmal eine Pause.



Vom Wasser aus stellen sich viele Dinge nicht so sehr anders dar als auf der Straße. Ver- und Gebote, Abgezäuntes, Deklariertes und Privates, die Freiheit ist immer relativ - und es gilt, sie regelmäßig neu auszuloten (1,87 m Fadentiefe). Auf dem Boot sammelt sich erstes Laub, am Paddel hat sich Seemansgarn verfangen, filziges Zeug, in das man sonst nur die ganz großen Fänge verpackt. Sonst aber Ruhe an Bord, und etwas Wasser. Entspannt gönne ich mir ein Stück Schiffszwieback, lasse mich "mal so treiben", wie es im Lied heißt, ich bin völlig allein auf dem Kanal, nur ein Bläßhuhn sucht meine Nähe.



Endlich finde ich ein wenig Zeit, die gesammelten Stapel des Feuilletons der letzten Wochen durchzulesen. Das Boot locker an einer Weide vertäut, trudel ich durch Wort- und Wellenbewegungen, grüße den ein oder anderen Skipper, der am Ufer sitzt, mir sein Bier entgegenhält oder sich an sein Käppi tippt.

Langsam wühle ich durch die Kanäle, von Gleiten wie bei einem echten Kajak kann nicht so wirklich die Rede sein, meine Paddeltechnik macht zuviel Geräusch, zuviel Wasser, es ist also gut, sich ab und an auszuruhen. Die Sonne geht unter, und ich taste mich zurück durch das Zwielicht. Selbst schon angenehm müde, gleite ich schließlich doch durch dösende Enten, die - den Kopf unter dem Flügel - ihren eigenen kleinen Dämmertörn auf dem Wasser machen. 1-2-3-4!, die Sportruderer ächzen mit ihrem Abendtraining an mir vorbei. Als ich an irgendeiner Böschung an Land schubber (ein Lob der zusätzlichen Nylonhülle, die über und vor allem unter dem Boot liegt), ist es bereits dunkel geworden. Der erste Nachtangler kommt mir entgegen, Schichtwechsel am Kanal. Fische habe ich keine gesehen, sage ich. Schon lange nicht.

>>> Petula Clark mit der französischen Version


 


Montag, 21. September 2009


Spill Yer Lungs

Maybe I should have mentioned
That I was not built for this kind of loving.

(Julie Doiron, "Spill Yer Lungs")



Die Füße in die Sonne halten, überhaupt: von einem Lichtfleck in der Wohnung zum nächsten springen, nicht auf die schattigen Bereiche treten, auch nicht ein bißchen, denn sonst ist man raus. Aber das nur nebenbei, die Uhren ausgedreht, könn' mich auch mal, den ganzen Tag auf- und abhüpfen und dabei Julie Doiron hören. Aber das interessiert wahrscheinlich auch keinen misantrophischen Saisonarbeiter. Ihr Album I Can Wonder What You Did With Your Day fiel mir erst kürzlich in die Hände, könnte aber auch ein ebenso später Sommerbegleiter sein. Mir sind alle Gäste willkommen, solange sie mir kein technisches Gerät von nach 1967 ins Haus schleppen. Wenn man also barfuß auf einer Wiese steht und bis zum Horizont blicken kann - oder bis zur silberglänzenden Fernwärmeleitung, je nachdem, was eher kommt - fällt alles an seinen Platz, der Wind nämlich und der Geruch der Gräser, die Stelle, wo ein Tisch steht und Stühle und ein Erbsenfeld und wilder Wein und ein Schild, auf dem "Unsereins" steht. Und das heißt nicht United Nation of Silliness. Aber auch.

>>> Julie Doiron, Spill Yer Lungs

Radau | von kid37 um 15:43h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link