Samstag, 14. Januar 2012


Schauen & Stöbern



Machen wir doch mal ein wenig Produktbegeisterung. Im Spital nämlich fiel mir auf, wie abgeschnitten man plötzlich ist, versorgen einen nicht hilfreiche Kumpane mit Kassibern und Nachrichten von vorgestern. Wer sich einmal mit einem Wap-fähigem Mobiltelefon (von vorgestern) zu Spiegel Online oder dem eigenen Mailaccount vorgekämpfen mußte, weiß von dreckigen Grabenkriegen zu berichten, von nur schwer verrückbaren Frontverläufen und stacheldrahtverhauenen Stellungen, die in einem Jahr zu vergessen ich gar nicht die mentale Stumpfheit besitze.

Kurz, angeschlagen knickte ich ein, verordnete mir zur Ablenkung und als nachträgliches Weihnachtsgeschenk so ein Technikspielzeug oder besser Tablett des Teufels. Also nur so ein kleines, Äpfel kommen mir ja nach wie vor nur als Obst ins Haus, einen Begleiter vielleicht für die U-Bahn oder das Sofa. Einen eReader mit Elektrotinte wollte ich nicht, weil es da draußen so viele tolle, umsonstige und vor allem bunte PDF-Magazine gibt, Photographie, Kunst und Kultur, schaut mal hier und dort vor allem bei Unless You Will. Da sind tatsächlich anspruchsvoll kuratierte Fotostrecken dabei, abseits des im Internet so üblichen Beauty- und Fashionkrams und diesem Übermaß an langzeitbelichteten nebelverwaberten und wasserdurchflossenen Portkartenlandschaften.

Das mit dem Wischen habe ich schnell gelernt, mit dem Daumen und Zeigefinger den Bildschirm vergrößern und verkleinern, Helligkeit regeln und vor allem Umblättern. Denn der Android träumt von elektrischen Büchern. Die wiederum gibt es beim Projekt Gutenberg. Überhaupt gab mir vor einiger Zeit ein auch sehr persönlich gehaltener Beitrag von Miss Wurzeltod einen entscheidenden Anstoß, verlinkte sie doch auf zahlreiche digitalisierte mittelalterliche und neuzeitlichere Totentanz-Ausgaben, die aber erst einmal bei mir nur digital herumlungerten und nun ebenfalls auf dem Tablet gelandet sind. Papier ersetzt das Gerät natürlich in keiner Weise, aber während ich das Lesen von PDFs am Bildschirm komplett inakzeptabel finde, geht das auf dem Sofa mit so einem kleinen Tablet ganz gut. Vielleicht weil man das Gerät wie ein Buch hält und die Seiten mit den Fingern blättert.

Zwischendurch ins Internet, Blogs lesen, Zeitungen oder Videos gucken, denn Flash und mp4 kann der Kleine auch. Nur Blutdruckmessen nicht, dafür Ortserkennung per GPS, was sich zum Glück aber abschalten läßt. Jedenfalls behauptet es nun, diese Funktion sei abgeschaltet. Alles hübsch also, mit Alu am Rand. Dennoch glaube ich nicht, daß ich mir in Zukunft wirklich Elektrobücher kaufen würde. Aber als Ersatz und tragbare Multimediabibliothek für die Reise oder Kidlandzwangsverschickungen, bei denen man sich ein wenig ablenken will, scheint mir das praktisch, auch wenn ich mich so modern ansonsten gar nicht kenne. Röhrenbetrieben wäre der aber zu schwer geworden, das sehe ich ein.


 


Mittwoch, 3. August 2011


Die Vergangenheit, die damals noch Zukunft war

Als Wissenschaft sich mehr mit Dreh- denn mit Plagiatsverdachtsmomenten beschäftigte und daran werkelte, die Zukunft zu schaffen, die wir jetzt erleben, wurde selbst im Kinderzimmer noch eifrig, aber streng wissenschaftlich experimentiert. In manch Heiligen Abend mischte sich in den Duft von Mandel, Zimt und Zuckerstern die kosmisch-olfaktorischen Versprechungen des Chemiebaukastens. Bald starteten selbstgebaute Raketen in den Weltraum oder wenigstens zu einem Rundflug um die Zimmerlampe, und Detektorempfänger fischten zirpende Signale von Radio Norddeich oder Pionieren von der Vega aus der Ionosphäre. Eine große Zeit, in der eben mehr Lametta war, wie Volksdichter Loriot uns nachhaltig ernst ins Bewußtsein rief. Und wer bislang seinen Einfall vom Bausatz eines Atomkraftwerks für Irrwitz hielt, muss die Geschichte seines Kinderzimmers neu schreiben. Die Zeit, als der Entdeckergeist von Kindern und anderen junggebliebenen Forschern noch ernstgenommen und nicht mit öko-getestetem Holzspielzeug niedergeknüppelt wurde, war wirklich das Atomzeitalter des unbeschwerten Bastelns, als noch Kerne und nicht Haare gespalten wurden:

Der Atombaukasten und andere Papperlapapp-Basteleien rund um Stoffe wie Arsen und weitere Substanzen, die sich heute höchstens noch in der Nahrung oder Duschgels nachweisen lassen, war hochbrisante Kontrebande, die unsere Eltern uns vorenthielten! Seither, wir wissen es, geht es bergab mit diesem Wissenstandort. Im Kinderzimmer hetzt nur noch virtuelle Alienjagd, bei der alles platzen darf, nur nicht der jugendliche Forscher vor Neugier.


 


Dienstag, 21. September 2010


Später Sommer (ohne Mundharmonika)



Glorifizierend wie das dermatologisch getestete Haarshampoo der Hollywoodstars legt sich ein spätsommerlicher Schein um die spröde Hülle des Tages, novembrig perlender Regen benetzt die Früchte aus dem eigenen Garten Supermarkt, ein fernwärmeblubberndes Erntedank mit Vanillequark. Kann mich auch mal.

Wenn irgendwann alles fertig ist, sieht mein Haus ja so aus. Das hat 3600 Dollar gekostet, allerdings im Jahr 1961. Auch der Zustand war damals noch ein anderer. Wer zu Besuch kommt, ist angehalten, sich handwerklich einzubringen: Böden, Fenster, Mauerwerk, es gibt immer was abzuziehen und zu lackieren. Ein interessantes Konzept, wie ich finde. Nur empfange ich selten Besuch. Deshalb dauert es bei mir auch länger, letztlich aber nur unwesentlich. Man muß sich den Atem für die Langstrecke einteilen. Und einen sehr langen Herbst.


 


Sonntag, 23. Mai 2010


Pfüngsten





Endlich ein bißchen Zeit, Gelegenheit, dem Stapel Unterlagen auf dem Tisch die lange Nase zu zeigen, sich um die Pflege der Zimmerpflanzen zu kümmern, die neuen Griffe am Lenker zu montieren, die Beleuchtung zu reparieren (Licht in alle Richtungen werfen!), Werkzeug zu sortieren, Haushalt... und immer noch ist ein wenig Luft. Gestern aber vornüber versumpft und folglich Stereo Total entsagt, dafür heute dann eine halbe Stunde früher los und zwei Flohmärkte besucht. Nostalgie- und Erinnerungsreflektionen, halb defekte Gerätschaften, Bücher, die keiner mehr liest, Werkzeuge, die rostige Flecken auf der Haut hinterlassen. Für ein Euo ein zweifelhaftes Realienbuch erstanden, Jahrgang 1941 und so liest es sich auch. Kapitel wie "Die deutsche Landwirtschaft" und was der "Führer" dazu zu sagen hatte, vom Kampf auf der Scholle und so fort. Man hat ja gleich diese Stimme dazu im Kopf, und das ausgerechnet an Pfingsten, dem Ende der Babylonischen Sprachverwirrung. Sollte es zu arg werden, hilft die rostige Daumenschraube-to-go, für 50 Cents von einer alten, gutmütig schauenden Dame erstanden. Kann man immer dabeihaben, wofür, das wird man dann sehen.

Die neue Griffe waren, nachdem die alten erst einmal runter kamen, eine Freude zu Montieren, große Produktbegeisterung erneut, selbst das Kürzen des rechten, dort wo die Gangschaltung sitzt, war noch einfacher als gehofft, weil der Hersteller, der sich das allerdings auch gut bezahlen läßt, mitgedacht hat. Danach dann Luft & Landschaft einatmen, ich muß am Ende der Woche ja immer raus, das wird gar nicht besser. Überlegt, ob man nicht einfach ein wenig Spielen sollte oder eine Flasche Rotwein köpfen. Jetzt aber in die Küche, den Kampf um die Ernährung aufnehmen.


 


Mittwoch, 7. April 2010


Mit Rost wohnen



Abends flüchte ich müde in mein kleines Haus. Eine Denkkuppel, sage ich scherzhaft, ein schneller Brüter für Aliengelege, eine Fluchtkapsel ins Weltall, für den Tag der eigenen Himmelfahrt. Eine Kleingartenlaube spotten andere, die nichts wissen von den unterirdischen Verzweigungen, den Stollen und Schächten, die hinab in die Erde führen, sich wie ein Ameisennest in die Tiefe bohren zu geheimen Labors und verwinkelten Kammern. Ein Traum wäre es andererseits, in diesen Türmen zu wohnen, hoch über den Wellen und fern jeden Gestades, das monotone Klongklongklong der rostigen Platten, ihr Ächzen im Wind als einziger Singsang. In der Schule schnitt ich immer die Anzeigen aus, die eine Arbeit offerierten auf den Ölplattformen draußen vor der Küste, wahrer Lohn für wahre Arbeit. In drei Monaten hätte ich ein Jahresgehalt verdient. Bis mir einer sagte, man brauche dort Kerle für die Sechszehnstundenschichten, kräftige Männer, die schwere Zangen halten konnten und keine Dichter mit Füllfederhaltern. Enttäuschung.


 


Donnerstag, 9. Juli 2009


Atlas obscura

Zu den entzückendsten Blogprojekten, die ich in letzter Zeit entdeckt habe, zähle ich das begeisternde Atlas Obscura. Dem Forschungsreisenden in Sachen "Was es alles gibt" liegt hier ein Verzeichnis zu den wunderlichsten Orten dieser Welt aus, geheime Plätze, obskure Liegenschaften, Museen des Bizarren und Außergewöhnlichen, Kuriosa und Erstaunliches. Man möchte sofort den Expeditionstornister packen und überhaupt nicht mehr nach Hause zurück.

Man schaue nur dieses Bio-Barometer, eine Erfindung aus dem 19. Jahrhundert. Ein Dr. Merryweather [sic!] kam auf die Idee, Blutegel nicht nur für medizinische Zwecke dienstbar zu machen, sondern ihre Wetterfühligkeit zur Gewittervorhersage einzusetzen. Zieht ein solches herauf, werden die kleinen Biester nämlich unruhig. Da sie über eine Schnur mit einer kleinen Glocke verbunden sind, läutet es immer dringlicher je näher das Gewitter rückt. Ungeheuer praktisch, was dieser viktorianische Kachelmann da erfunden hat, werdet ihr sagen. Ich habe nun weitere Experimente aufgenommen - daher rührt meine temporäre Absenz in diesem Haus - um die agilen Tiere so abzurichten, daß sie nicht nur auf elektrisch geladene Wetterfronten, sondern auch auf eingehende eMails reagieren. Das wird die Kollegen mit ihren schicken neuen Mobiltelefonen hübsch neidisch machen, wenn so ein Gerät auf meiner Werkbank klingelt. Die haben nur eine flache Flunder. Ich habe Post einen Egel.


 


Sonntag, 5. April 2009


O dann wachen sie auf, die winters schliefen



Ein Wochenende zum Auslüften. Den kalten Wind auf dem Flohmarkt ignorieren, in die frühe Sonne blinzeln, sich durchwärmen lassen auf den hölzernen Stufen. Neben mir sitzt ein Mädchen, sie erkundigt sich nach meinen Schätzen und so blättern wir bald gemeinsam in dem schönen Anatomiebuch, das für zwei Euro den Besitzer wechselte. Nerven, Hirn, Gefäße, man muß diesen ewigen Rätseln doch irgendwo auf die Spur kommen können. Die Zeichnungen sind detailliert, aber nirgendwo findet sich der Sitz des Fragezeichens.

Meine Nachbarin bietet mir eine Zigarette an, ich lehne ab und sage, "Komm, ich blätter mal vor zur Lunge, das ist bestimmt lustig". Gute Laune schaffen und ein entspanntes Ambiente, man braucht mich da nur fragen. Heiter sage ich: "Du kannst nicht aus Hamburg sein, da spricht man sich nicht einfach an." In der Tat, unsere Heimatstädte trennt gerade mal eine im gefälligen Trott eines westfälischen Braunen gerittene Halbtagesdistanz. Hamburg erlebt diese kurze Zeitspanne, in der die Blüten und Menschen sich öffnen, die Socken aber noch brav an den Füßen sind.

Daheim muß ich den Keller aufräumen. Wasser ist eingedrungen, die Ursache bleibt mysteriös. Aber es ist doch immer so. Entweder hat man den Schaden im Dach oder ein Mysterium im Keller. Im Licht der Taschenlampe warte ich darauf, daß aus der dunklen Pfütze auf dem Boden ein nasses japanisches Mädchen, das Gesicht von langen schwarzen Haaren verdeckt, emporsteigt. Auch ihr könnte ich sagen, "Du bist doch bestimmt nicht von hier".

Und hätte bestimmt recht. Man schleppt sich im Leben allerhand ein.


 


Sonntag, 1. März 2009


Sehen gehen




Expeditionskompaß und wasserfestes Logbuch gepackt, Traubenzucker, die Wasserflasche aus Metall - es gilt, Altschätze zu heben. Krims und Krams und Krempel, der Alltag soll bekanntlich schöner werden. Zwischen Büchern, abgewetzten Lederkoffern, Kriegskartenmaterial und 30er-Jahre-Pelz steht dieser Stubenhockerstuhl. Ein Blogger fände hier einen schönen Platz und verließe ihn nur selten, während er das Internet befüllt oder seine Zeitung liest.

In einem halb zerbrochenen Holzkasten liegt eine tintenbefleckte Ode an die Einsamkeit. Ein kaltes Fernrohr aus Messing gibt den Blick auf einen windigen Strand frei, ein alter Dynamo kommt ohne Fahrrad daher wie ein Herz ohne Körper. Aus einer rostigen Dose lugt ein 16-mm-Film hervor, ein Pärchen beim Tanz, die Dose ist ohne Beschriftung, wir werden das Wer und Wo nie erfahren. Vielleicht ein Film über die Fehler des Lebens, den man nur rückwärts laufen lassen muß.

Ich kaufe Dinge, die mir nie gehörten, ich klaube eine Biografie zusammen für ein Leben, das ich nie führte. Ich versuche, den Anfang von allem zu finden.

Im Ohr das peinliche Lieblingslied. 3 Millionen. So ist es wohl.


 


Mittwoch, 23. Juli 2008


Maison de rêve

Eigentlich dachte ich immer daran, meine Wohnung nach und nach so einzurichten wie im Video zu Closer. Nichts Aufdringliches, gedeckte Farben, mechanische Wunderträume und ein kleiner Hauch Gemütlichkeit. Bei Apartment Therapy, sonst immer eine hilfreiche Konsultationsquelle, hieß man mich einen hoffnungslosen Fall, andererseits will man im Leben ja nicht alles selber machen.

Nun hat Kelly ein Haus in Brüssel entdeckt, das mir wohl gefallen würde: Das Maison Autriqe ist in mehrerer Hinsicht ein Traum. Ausreichend Platz für eine kleine Addams-Familie, einen bullernden Ofen, in dem ein Kuchen backt, Krempel Schätze auf dem Dachboden, verborgene Winkel und viele gute Gedanken, die vielleicht nur ein wenig abgestaubt werden müßten. So wie ich.

>>> Maison Autriqe


 


Sonntag, 22. Juni 2008


Schlendern, Finden, ferne Signale





Zum Abschluß dann heute über den Naschmarkt Flohmarkt, gloriolenhaftes Wetter, kurze Strümpfe, blanke Knie: Hamburg zeigt sich von der gelassenen Seite und räumt die Schätze auf die Straße. Die Reisen durch die Vergangenheit, die Reisen durch die Erinnerung, Rauchzeichen aus einer anderen Zeit. Ich habe nichts vergessen. Die schlimmen Dinge nicht, aber wichtiger - auch nicht die schönen.

Später unterhalte ich mich anderem lieben Besuch über das Erinnern, das Verstehen, Mut und mangelnden Mut, über Traurigkeit und Zukunft.

Der Tag ist voller Zeichen, Gesten und verborgenen Zinken. Begegnungen und Abschieden. Es bleibt der Schmerz über das Verlorene. Und die zaghafte Aussicht - es heißt: immer nach vorn.