Wäschewechsel


Heute sagt man Dashboard, es ist aber ein Waschboard. Bedienfeld der Siemens Siwamat Plus 3733

22 Jahre haben wir gemeinsam verbracht. Meine längste Beziehung, das muss man sich mal vorstellen. Und die glücklichste wohl dazu. Zusammen zogen wir, beide nicht mehr ganz jung, aber doch voller Hoffnung und festem Blick in die Zukunft, in diese Wohnung hier. Zwei junge kräftige Männer wuchteten sie damals ganz außer Atem, aber doch munter, die vier Etagen hoch. 200,- Euro, ein paar freundliche Worte, dann stand sie da. 3733, solide gebaut, wie man so sagt. Nix dran, ein paar kleine Kratzer im Lack, die mit entsprechendem Stift schnell ausgebessert waren. Auch kein großer Schnickschnack, dafür Tasten, die sich gern auch etwas fester drücken lassen. Erfahren und kaum aus der Ruhe zu bringen.

Nur selten mal tanzte sie durch das Badezimmer. Oft legte ich dann meine starken Arme beruhigend um sie und hielt sie ganz fest. „Komm, wir schaffen das“ murmelte ich. „Wir stehen das gemeinsam durch“, bis sie sich gefangen hatte und mit einem letzten Schluchzergeräusch das Wasser abpumpte.

Anders als andere Menschen, also Helfer im Haushalt, meckerte sie auch nicht. Kein „Was hast du denn da gerade in mich reingestopft?“ oder „Ist das neu, was ist das denn für ein Mist?!“ Sie sezierte und sondierte nicht, war nicht „smart“ und wusste alles besser, sondern nahm klaglos alles an und stellte nichts und vor allem mich nicht in Frage. Herrlich! Einfach Programm auswählen, „Gardinen“ oder „Oberbekleidung“ etwa, Temperatur einstellen auf einer Skala von „da bleib ich kühl/kein Gefühl“ bis zu „Hot, hot, Baby“ (90°C habe ich allerdings nie benutzt, glaube ich).

Zwei Jahrzehnte ging das so. In guten, wie in schlechten Tagen. Ein einvernehmliches Glück. Sicher wurde auch mal schmutzige Wäsche gewaschen, das liegt in der Natur der Sache. Aber immer ein verlässliches Team, das sich Waschladung um Waschladung und gegenseitig respektierend eine gemeinsame Geschichte aufgebaut hatte. Doch am Ende, eines Tages, machte sie einfach still schlapp. Durchlief brav noch ihre Programme, die Trommel allerdings, ach, ach, bewegte sich kein Stück. Ich sprach zu ihr, fragte, ob ich sie verletzt hätte, tätschelte sie (durchaus auch etwas fester), kippte sie leicht nach vorne und wieder zurück, schraubte sie schließlich auf, um fachmännisch („Ham wir gleich“), aber ahnungslos, Keilriemen und weitere Lage zu testen. Vielleicht fehlte am Motor die Kohle, am Schluss geht es ja oft auch darum.

Erneut kamen zwei kräftige junge Männer, etwas arg außer Atem diesmal, wuchteten eine neue gebrauchte Maschine erst durch Eis und Schnee, dann hoch zu mir und betrachteten meine alte. „Da können Sie sich echt was drauf einbilden“, lobte der eine (ich wollte ihn gleich heiraten). Sie sei in einem ungewöhnlich gut gepflegtem Zustand. Ich streichelte sie noch mal (schon auch mit einem gewissen Stolz) und wollte sie gern auch ausführlicher und anekdotenreich erklären, ist ja sicher für so Leute auch kein alltägliches Modell, aber man unterband mich rasch mit „Wir nehmen die jetzt mal raus“. Und obgleich ich mich innerlich auf sie werfen und Protest! rufen wollte, Nein! Nein! Nein! schluchzen vielleicht, trugen sie meine innig geliebte Maschine, was sage ich, meinen Schatz hinaus ins Treppenhaus. Vom Fenster aus sah ich die beiden Männer mit meiner Maschine durch den Schnee ziehen. „Bringt sie zurück!“ wollte ich rufen. „Es war doch Bestimmung mit uns zwei!“ Und sank erschöpft zurück.

Jetzt die neue hier ist empfindlich. Merkt man gleich. In der aus dem Internet heruntergeladenen Anleitung gleich die Warnung: „Die Maschine hat Sensortasten. Sie brauchen nicht drücken“. Wobei das wohl heißen soll: Bloß nicht drücken, dann weint sie! Gefühlig also. Dann piepst sie auch. Wenn man eine Sensortaste sacht streichelt, vor allem aber, wenn sie fertig ist mit ihrer Arbeit. Sie piepst dann drei Mal, wie ein kleines Kind, das ruft, „Hab fertig gemacht!“ Wie ein kleines Kind auch will sie nicht ignoriert werden. Denkt man im Stillen, „Prima, gut gemacht, Wäsche hol’ ich nachher raus“, geht es zwanzig Sekunden später von neuem los. Piep, Piep, Piep. So lange, bis man entnervt, aber natürlich äußerlich gefasst und bloß nicht fest drückend, den Ausknopf betätigt. Mit Hilfe der Anleitung, drei gleichzeitig berührten („Berühren und gedrückt halten“ – auf einmal also doch!) Tasten und zwei Versuchen konnte ich die Sensorlautstärke reduzieren und die eigenlobende Abschlusskundgebung bei ihr ganz abstellen.

Alles andere muss man ihr leider zwei Mal sagen. Bei ihrer Vorgängerin stellte ich die Schleuderzahl EINMAL ein – und dann blieb das auch so. Eine kräftige, mechanische Taste war das. Die neue tut blöd und hat beim Neustart alles vergessen. JEDESMAL muss man ihr wieder neu erklären, wie schnell die Trommel drehen soll. Da rolle selbst ich – der geduldigste Mensch zwischen Waschpulver und Aquastopschlauch – mit den Augen. Gutes Personal gibt es eben nicht mehr so einfach, Fachkräftemangel auch in meiner Waschküche.

Die Vorbesitzer hatten zudem einen Spleen mit Weichspüler. Im Bad hat sich ein süßlich-seifiger Geruch breit gemacht. Edgar Allan Poe schrieb darüber schon ein metaphernverwrungenes - „a saintly soul floats on the Stygian river“ – aber gut zu entschlüsselndes Gedicht, „Lenore“. Eine Zeitlang muss wohl auch meine „saintly“ Wäsche“ noch durch den „Stygian river“ alter Weichspülerreste dümpeln, ehe Zeit und verdünntes Essigwasser sie von „grief and groan“ befreien.

Ein neues Jahr, ein neuer Anfang. Hauptsache dicht, sagt man in Klempnerkreisen. Immer weiterwaschen, sage ich. Mir bleibt sonst nichts.

Homestory | 19:37h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Freitag, 30. Januar 2026, 20:40
Gleich mal meiner treuen Waschmaschine Komplimente gemacht, damit bei ihr bloß keine Fluchtgedanken aufkommen. Das hätte mir noch gefehlt!

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kid37 - Freitag, 30. Januar 2026, 21:16
Ja, Lob ist wichtig und ein Kitt jeder Beziehung! Kleiner Tipp: Wenn Sie mal länger weg wollen, eine Reise oder so, erklären Sie ihr das auf Augenhöhe im Vorfeld. Aus Respekt. Und wenn sie klagt, dass sie nicht mitgenommen wurde, sagen Sie auf keinen Fall herablassend, sie wäre eh nur ein Klotz am Bein gewesen. Empathie!

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fidibus - Freitag, 30. Januar 2026, 22:05
Sie haben natürlich recht. Meine hat ohnehin so einen unbändigen Bewegungsdrang ... und dann ist das arme Stück quasi immer an einem Ort festgebunden. Werde mich jedenfalls um etwas mehr Zugewandtheit bemühen. (Fällt mir nicht so leicht, da ich selbst lieber das Haus hüten würde als rumzugondeln!)

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fritz_ - Freitag, 30. Januar 2026, 21:23
Bin ich gleich hellhörig geworden, dass du nevermore 90°C genommen hast, denn wenn man eh ab und zu leer durchwäscht und die Grütze aus der Maschine rauswäscht mit dem entsprechenden Produkt aus dem Drogeriefachhandel für 1,45 €, dann kann man auch die 90° wagen. Auch eine alte Dampflok will dampfen.

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kid37 - Freitag, 30. Januar 2026, 21:34
Genau. Das habe ich regelmäßig so gehandhabt. Ab und an auch verdünntes Essig rein - und vor allem: Waschmittelschublade und Bullauge auf! Ist ja kein U-Boot, das abtauchen soll.

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