Bin ich ein Magnet?



Als Kind hatte ich mal einen Magneten verschluckt, und das war zwar Physik, aber gleichzeitig eine unschöne Sache. Ich durfte nicht mehr in die Küche, weil dann die Besteckschublade aufsprang und mir Messer und Gabel und auch die kleinen Löffel, die man für den Nachtisch benutzt, entgegenflogen. Ich durfte zudem auch nicht Fernsehen, weil die Magnetwellen das Fernsehbild verzerrten, und zwar so, dass mein Vater Angst hatte, dass das Bild so bliebe (wie beim mutwilligen Schielen), bis man die Bildröhre wieder mit einer Spule entmagnetisiert habe. Einen Vorgang, den man nicht beliebig oft wiederholen konnte (austherapiert). Der hinzugezogene Arzt, ein älterer, unangenehmer Mann mit möglicherweise finsterer Vergangenheit, gesichert aber kühlhausempathischer Wesensart, meinte, nachdem er mir einen hölzernen Spatel tief in den Mund gerammt hatte (immerhin keinen aus Metall), „was reinkommt, kommt auch wieder raus“ (magisches System).

Und tatsächlich, der Magnet zerbrach wohl in viele kleinste Teile; so gingen wohl nach und nach und das auch völlig unbemerkt alle Partikel „ab“, wie man in Fachkreisen sagt, und glücklicherweise, man muss auch solche Details festhalten, hatten wir keine Toilettenschüssel aus Metall.

Magnetisch bin ich seither nur noch für eines: Pech aller Art. Erst passiert dies, und dann kommt auch noch das dazu. „Beim Versuch, sich mit dem Rücken an einer Wand abzufangen, rutschte die Person mutmaßlich unglücklich seitlich zu Boden, so dass in der Folge eine Verdrehung des rechten Knies“ eintrat (Polizeibericht). Seither bin ich beim Ballett (Timothée Ch. spitzt gerade die Ohren) nur noch als Kapitän Ahab besetzbar. An meinem Auftritt dabei muss ich allerdings noch arbeiten. Schmerz (Knie) und Schschsch (zusammengebissene Zähne) sind nun meine treuen Begleiter, ich würde sagen, wir sind per Du und vielleicht sogar Freunde. Glücklich, wer so etwas hat in diesen auch menschlich verhärteten Zeiten. Ich humple derweil pechverfolgt herum, verwünsche Wale und starken Seegang, verschiebe vage angedachte Termine in eine noch vagere Zukunft, kühle, salbe und lege das Bein hoch vor dem (entmagnetisierten) Fernsehgerät.

Gerne sehe ich ja, manche erinnern sich, die Sendung „Wunderschön“ mit Reisejournalistin Tamina Kallert. Sonntagabends führt sie Zuschauer an interessante Ferienziele, macht allerlei wagemutige und manchmal auch gewagte (Sauna in Finnland) Sachen, Paragliding, Turmspringen usw. und ist insgesamt so freundlich, begeisterungsfähig und interessiert, dass es mir beim Zusehen eine Freude ist. Ich bin sicher, die würde mir nicht sagen, dass ich und mein kaputtes Knie ihr nur ein Klotz am Bein seien. Im Gegenteil, sie wäre optimistisch und einladend: ach was, das machen wir schon, das kriegen wir hin, Knie hin oder her, wir machen eine tolle Reise und erleben gemeinsam was. Sollte sie mich mal einladen. Sie hat den Dreh auch selber raus: Denn jetzt am Sonntag war sie auf Zeeland und musste sich bei sportlichen Aktivitäten und Turmtreppensteigen zurückhalten, weil haltet euch fest wie sie an ihrer Orthese – sie hat wie ich ihr Knie verdreht!

Mir schossen die Tränen ein vor so viel unvermuteter Gemeinsamkeit. Ich bin nicht allein. Ich habe Compañeros, Menschen, die mich VERSTEHEN. Nimm mich mit, Tamina!, rufe ich. Und ich bin überzeugt, am Ende der Sendung zwinkerte sie mir heimlich zu.

>>> Geräusch des Tages: Die Braut haut ins Auge, Ist sie ein Magnet?

Ausfallschritt | 19:30h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
nnier - Dienstag, 24. März 2026, 22:53
Höchste Zeit, den Magnetismus zu würdigen!
Stundenlang spielte ich als Kind mit den sich mal anziehenden, mal abstoßenden Klötzchen, eine simple Drehung genügte ja, um die Verhältnisse vollständig umzukehren, man hätte etwas draus lernen können. Tonbandgeräte, Elektromotoren, die lustigen Sprüche am Kühlschrank - mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen!

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kid37 - Dienstag, 24. März 2026, 23:29
Die erste Testfahrt machte ja ich, als ich, lang ist's her, als durchmagnetisierter Wuppertaler Jung' in die Schwebebahn stieg... Daher der Name!

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