Merz/Bow #59

Weißblaue Geschichten. Kaum war ich raus aus dem Koffer, ging es wieder rein in den Koffer (kleineren diesmal), weil ich in Süddeutschland zu einem Fest geladen war. Frau und Herr Kaltmamsell feierten Rosentag. In meinem Debütroman Danach fütterten wir die Rehe wird später darüber zu lesen sein, wie auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine Sternfahrt von überall her Richtung München mitprotokolliert wurde. Ein Gesellschaftsereignis!

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Blumiges Andenken für die Gäste

Die lange Bahnfahrt war immer noch eine deutliche Herausforderung für mich, verlief aber erstaunlich angenehm. Die vielfach kritisierten Sitze im neuen ICE finde ich ganz bequem, es gibt deutliche Beinfreiheit, Wlan, vernünftige Gepäckablagen und in Wagen 6: KINDERBETREUUNG! Mit Bastelmöglichkeit (ab drei, leider nicht mehr über 37). Die ersten zwei Stunden habe ich einfach verschlafen, dann den Wandel der Landschaft (Hügel, Wälder, Solarpanele) betrachtet. Der Himmel sieht in Bayern tatsächlich anders aus, und die Strecke durch Fürth, Nürnberg, Ingolstadt ist auch eine Reise durch deutsche Technikgeschichte.

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München: Selbst die Aliens richteten begeistert ihre Antennen auf das Fest

Um nicht gleich überall erkannt zu werden, verzichtete auf ikonografische Ringel, ziehe eine Jacke mit Streifen an und stülpe mir eine Perücke mit grauen Haaren über. Man nennt mich: Toni Erdmann! Die Tarnung ist perfekt. Miss Caro spricht mich vertraulich an - hat mich aber gar nicht eingeordnet, die pure Höflichkeit war's. (Anschließend wird hinter meinem Rücken gelacht, habe ich alles notiert.) Ich probiere viele Gesichtsausdrücke, habe wohl auch mal gelacht und eifrig Konversation betrieben. Menschen tauchen auf, Menschen tauchen unter, Menschen tauchen auf: Frau Klugscheißer, Modeste mit ihrem feschen Sohn, La Gröner und viele, die ich nur von Twitter kenne, einige, die ich im Trubel verpaßt, vielleicht auch übersehen habe (Entschuldigung, bitte!). Am Ende habe ich aber immerhin noch einer Direktorin die Hand geschüttelt. Es war, übrigens, ein sehr großes Fest.

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Spektakulär war vor allem der Auftritt der Gastgeber, Frau Kaltmamsell machte im Frack eine atemberaubende, Herr Rau in Rot aber auch bella figura. Sie präsentierten ein ganz bezauberndes, amüsantes Video, das alle gerührt zurückließ (ich hatte ein Extrapaket Taschentücher eingesteckt!). Unsere Nachgeborenen werden noch darüber sprechen und in ihren Debütromanen davon schreiben. (Die Feste meiner Eltern) Ich habe mich angeregt und angenehm mit den, wie sagt man nach 25 Jahren Ehe eigentlich?, Brauteltern unterhalten, es gibt so ein paar grobe biografische Parallelen nämlich, die ich interessant finde.

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Hamburg: When the Party's over

München hat mich wirklich sehr freundlich empfangen. Irgendwann spät nachts stehe ich in high spirits, aber verträumt auf dem kurzen Weg zu meinem Hotel an menschenleerer Straße an einer roten Ampel. (Im Ausland bin ich beim jay-walking zunächst lieber vorsichtig, die bayerischen Polizeigesetze sollen hart sein.) Aus der Ferne höre ich ein Klingeln. Eine Radlerin nähert sich, sie winkt und ruft laut "Haaaallo!" Ich bin erstaunt, für so freundlich hätte ich die Münchner zunächst nicht gehalten. Da sieht man, wie wenig ich weiß von unserer Welt. Eine junge Frau auf einem Hollandrad rückt in den Fokusbereich meiner Brille, "Hallooo!" rufe ich völkerverständigend und jovial hanseatisch zurück. Ob ich vielleicht noch auf ein Bier geladen werden? Ist in solch magischen Nächten nicht alles möglich? Wer kennt die Bräuche in diesem Land schon so genau? "Sie stehen auf dem Radweeeg!" schallt es im Vorbeifahren zu mir. Ach so. Ja gut. Aber nett war's fei scho.

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Wir waren auf einem tollen Fest, Leute.

Tentakel | 22:12h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Freitag, 7. Juni 2019, 19:10
Wählte meine heutige Bahnlektüre passend zu Ihrem hübschen Blogpost: 'Mir gefällts in München' von Franziska Bilek.

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kid37 - Freitag, 7. Juni 2019, 19:35
Ich habe jetzt nur sehr wenig gesehen, aber überhaupt mal eine andere Architektur (ob Fake oder nicht), war schon ganz angenehm. Ich kann mir vorstellen, einmal mit ein bißchen Zeit runter zu fahren, das ein oder andere anschauen.

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fidibus - Freitag, 7. Juni 2019, 20:29
München hat was Gemütliches.

1990 machte die Lautsprecheransagen am Münchner Hbf ein Herr mit starkem sächsischen Zungenschlag, fühlte mich sofort heimisch. (Das soll Sie jetzt aber nicht abschrecken.)

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kid37 - Freitag, 7. Juni 2019, 21:45
Sachsen in München? Bestimmt eine gewisse linguistische Herausforderung.

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gaga - Freitag, 7. Juni 2019, 20:49
"grobe biografische Parallelen" (?)
zwischen wem? Dem Lebenslauf der Eltern der Braut und dem Lebenslauf der Eltern des Bräutigams? Oder zwischen dem Lebenslauf des Brautvaters und dem Lebenslauf von kid37? Oder zwischen dem Lebenslauf des Bräutigamvaters und dem Lebenslauf von kid37? Oder dem Lebenslauf der Brauteltern und dem Lebenslauf des Brautpaares? Oder dem Lebenslauf der Bräutigameltern und dem Lebenslauf des Brautpaares? Oder dem Lebenslauf des Brautvaters und dem Lebenslauf des Bräutigams? Oder dem Lebenslauf der Braut und dem Lebenslauf der Schwiegermutter? Oder... äh - - - (sehe nicht mehr durch)

Zunehmend ärgerlich, dass ich die Reise nicht angetreten bin, jetzt wo ich sehe, dass scheinbar jeder Gast einen Blumentopf gratis erhalten hat. Selber schuld! Dabei war ich so kurz davor!

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kid37 - Freitag, 7. Juni 2019, 21:49
Da gab's fürwahr einen Blumentopf zu gewinnen! Also, als Mitbringsel geschenkt. Eine sehr hübsche und nette Geste. Und sie sind im Norden richtig aufgeblüht.

Lebensläufe machen ab einem gewissen (eigenen) Alter erst richtig Spaß. Ich kenne zwar Leute, die Prägungen in der Kindheit durch die jeweiligen Lebensbedingungen abstreiten, bin selbst aber fest davon überzeugt. Spannend sind Rückblicke, wenn man sieht, wie Lebenläufe sich im Verlauf bundesrepublikanischer Geschichte schon auch ähneln. Also kollektive Erfahrungen. Und die Kinder landen am Ende bei John Irving!

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frau klugscheisser - Samstag, 8. Juni 2019, 00:13
Man soll mit Blumen sprechen. Oder durch. Wenn sie dadurch besser gedeihen, zeugen die abgebildeten von intensivem Austausch.
Irvings Kinder beginnen oft im Waisenhaus. Mit 37 stehen die Chancen aber schlecht, noch adoptiert zu werden.

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frau klugscheisser - Samstag, 8. Juni 2019, 00:21
Der ursprüngliche Münchner grantelt gerne. Wenn München freundlich wirkt, dann nur durch die vielen Touristen und Zuagroastn. Die sind nicht in die lokalen Rituale eingeweiht. Ein echter Münchner würde niemals einem Preiss'n, wie er liebevoll alle Menschen südlich der Mainlinie nennt, auf der Straße zuwinken, geschweige denn verbalen Kontakt aufnehmen. Überhaupt ist der echte Münchner wortkarg (bassd scho).

Freut mich, wenn meine Heimatstadt gefällt.

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