Sonntag, 22. August 2010


Abwärts

Ich seh die Schiffe/
Den Fluß herunterfahren.
Bis sie verschwinden/
Draußen im Ozean.

(Abwärts)



Kein guter Tag. Billige Triumphe werden brühwarm serviert, ich zucke weitgehend still mit den Schultern, es ist nur der kurze Schmerz, wenn bestätigt wird, was man bereits lange ahnt. Was soll man schon sagen, außer eine gute Reise zu wünschen, den Schiffen hinterherzuwinken, zuzuschauen, wie sie den Fluß herunterfahren. Abends lieber Abwärts, Rod Gonzalez bedient dort ja die zweite Gitarre, man betanzt eben gern auch weitere Hochzeiten. Die Punkaltrocker spielen auf dem Rathausmarkt, Witze gen Senatsführung und ehemaliger Senatsführung bleiben naturgemäß nicht aus. Bremer Altpunks, ebenfalls musikbekannt, tummeln sich im Publikum, es ist überhaupt mehr so ein Familientreffen, kleine Schmetterlingstöchter werden geschultert, während Terror, Terror von der Bühne brettert. Überhaupt, nach all diesen miesen Nachrichten, ein schöner lauer Abend.

Nach dem Konzert dann rüber zum Gängeviertel gewandert, man feiert einjähriges Besetzen & Bestehen. Nachmittags schon ein kleines Interview fürs Feuerwehr TV gegeben, so als Mann von der Straße, interessierter Rentner, der mal schaut, was die jungen Leute machen. Ich glaube, ich war, bis auf den Bartschatten und das Krawall-T-Shirt, einigermaßen seriös. Abends also weiter die laue Luft, bunte Lichter, das Stimmengemurmel vieler Menschen und dieser elektrische Hauch von Erwartung, die nicht länger die meine ist.

Radau | von kid37 um 03:01h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 21. August 2010


Schlingensief †



Vor fast einem Jahr noch guter Dinge, frisch verheiratet, voller Energie und mit noch mehr Plänen. Ein Schrittmacher, eine Stimme, ein Stachel im trägen Fleisch.49, meine Güte.

Mach's gut.


 


Donnerstag, 19. August 2010


Sand

I am a stranger in your land
Wandering man/They call me Sand

(Lee Hazlewood, "Sand")



Langsam ist der Punkt erreicht, wo ich mich ein wenig runtergekommen fühle, ausgelaugt, die Frage, "na, altes Haus?" nur noch schlapp mit "altes Haus, ja" beantworten könnend. Die letzten Wochen auf Reservestrom waren noch einmal besonders anstrengend, Arbeiten, Heimwerken, Familienfeiern und -besuche, Hin- und Herreisen, Projekte & Projekte - die liebe Leier eben, und dazwischen nur selten noch gestohlene Momente für Kino, Picknick, Landpartie. Mal ausschlafen, das wäre schön.

Als ich gestern so ein, zwei Zigaretten auf dem Unterarm ausdrückte über Urlaub nachdachte und den Sand zwischen den Zähnen knirschen spürte, überlegte ich, wie wohl Blixa Bargeld in Badehose aussehen mag. Wie er an einem krausgebürsteten Sandstrand einen lustigen bunten Plastikball mit Werbeaufdruck eine rostige Eisenkugel jongliert, sich in paisleygemusterten Badeshorts und sonst nur seinen Strohhut auf dem Kopf in die Schlange vor dem Eiswagen einreiht oder aus dem Liegestuhl heraus, ein eisgraues Getränk neben sich, den Damen beim Wasserski zuwinkt. Nirgends verliert man ja so rasch seine Würde als an den Gestaden der hochsommerlichen Belustigungsindustrie. Zu meinem Glück allerdings sieht es nach Regenschirmen aus.

Irgendwann dann, wenn ich Zeit habe.

>>> Geräusch des Tages: Einstürzende Neubauten, Sand


 


Dienstag, 17. August 2010


Rise, Laborratten, rise!

Das wird er sein, der Tag, an dem die Stopp-Streetview-Initiative Erfolg hatte:



Dabei wollen sie nur spielen, und wenn das Experiment schiefgehen sollte, nun, sie haben noch andere Optionen. So singen sie den body electric, aber sie dichten nicht. Sie verherrlichen die Maschine, sie beten zu der Maschine, sie stürzen sich voll glühendem Eifer in das Räderwerk.

Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben.

(Filippo Tommaso Marinetti. Die drahtlose Einbildungskraft. 1913.)


 


Montag, 16. August 2010


Besser in der Hand als tot überm Zaun

Inmitten schwarzer Dschungeln von Fabriken
Und todgeladner Drähte Kreuz und Quer
Sieht man die Spatzen flattern, nisten,
brüten, mausern, picken,
Als ob die Welt ein Schutzpark war!

(Carl Zuckmayer, "Lob der Spatzen")



Die Geschäftsauslagen zeigen es, die Wetterkarte auch, in den nächsten zwei Wochen wird im Supermarkt Spekulatius in die leer gewordenen Brutregale der nun gen Süden ziehenden Sommersaisonartikel rücken. Die Spatzen indes fallen bereits von den Dächern - kurz: der Herbst ist da. In der bei jungen Damen wie griesgrämigen Herren gleichsam wie die wöchentliche Prospektbeigabe beliebten und für zahlreiche Schmunzler sorgenden, ebenso fröhlichen wie lockeren Reihe Mit toten Tieren durch das Jahr kommen wir diesmal zum Sperling (Passeridae).

Ich habe da mal etwas mitgebracht, was man heute leider in vielen Gärten finden kann. Dieses Exemplar der verbreiteten Vogelfamilie mit 37 Arten nun kam auf eine Weise zum vorzeitigen Ableben, die wir dem Allroundgenie Thomas Alva Edison zu verdanken haben, dem Mann, der uns auch die Glühbirne schenkte. Dieser Spatz ist starr: Er landete sozusagen auf dem elektrischen Stuhl. Er flog, so meine akribische Tatortanalyse, gegen einen stromführenden Weidezaun und hat darüber wohl wie ein Flugzeug im Gewittersturm die Kontrolle über seine Bordinstrumente verloren. Man sieht daran, wie wichtig der Überspannungsschutz für Aviatoren im modernen Luftverkehr ist! An diesem Simulator kann man übrigens die kritischen Phasen nachvollziehen - ich komme in meinem mehrseitigen Untersuchungsbericht aber vorab zu dem Schluß, der muntere Geselle aus Avion Avignon hatte keine Chance. Man kennt das Problem der kurzzeitigen Bewußtlosigkeit des Piloten aus anderen Extremflugsituationen, die Verantwortung für diesen Flugunfall an höherer Stelle wird also nicht von der Hand, in die der Spatz ja bekanntlich besser gehört, zu weisen sein. Darüber wird also nüchtern noch zu sprechen sein, denn wie sagte Monaco Franze weiland so treffend? "Geh, Spatzl, ich tät mich doch niemals über ein so ernstes Thema lustig machen."

Taxidermie | von kid37 um 12:15h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 13. August 2010


Fahrweisen

Die halbstündige Fahrt durch die Stadt
ist wie der Weg durch eine Dornenhecke;
die Dornen sind die Erinnerungen,
die sich mir ins Herz bohren.

(August Strindberg. Inferno. 1897)



Die Rundreisen durch die alte Heimat zwischen Ruhr, Rhein und Wupper: Bochum ist immer noch die Stadt der asymmetrischen Haarschnitte. Dortmund ein pulsierendes U. Konsonantenträume: Man fährt durch Wupp und Witt und Wett und Hatt. Die Freundlichkeit der Leute. Der Busfahrer, der die psychisch auffällige Frau beruhigt, die atemlos eine wirre Geschichte erzählt, den Mitfahrern, wie eine von ihnen ins Handy kommentiert, bereits bekannt. Wie der Fahrer die Frau also sanft beruhigt, ihr einen guten Heimweg wünscht und versichert, daß bestimmt alles in Ordnung käme. Oder die Zugbegleiterin, die sich mit mir zuzwinkert und still amüsiert über das lautstarke "Yo brother, was geht ab?"-iPhone-Gerede auf dem Nachbarsitz, während sie stoisch ihr Gerät bedient. "Das Leben ist wie eine Bühne", meint sie und wünscht mir eine gute Reise.

Ausfallschritt | von kid37 um 12:23h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 12. August 2010






Mein kleiner Bruder hat sich, ich werde das bei Gelegenheit noch ankreiden müssen, nicht an die Reihenfolge gehalten und mich links überholt. Die jungen Leute können eben nicht mehr warten, dafür - hier wird genommen, dort gegeben - habe ich nun eine nette Schwägerin. Für die Zeremonie hat man sich eine sogenannte Kulisse ausgesucht, Wasserburg, schmucke Historie, blauer Himmel und Sonne dazu, ein ausufernd weißes Brautkleid und schwarze Anzüge, dazu ein Spalier kleiner Kinder, die Blumen werfen.

Während der Rede des Standesbeamten zucke ich immer wieder irritiert zusammen, wenn mein Name fällt, Also, Herr K, wenn Sie gleich Ja sagen... heißt es, und ich muß mich beruhigen, daß nicht ich, sondern mein Bruder gemeint ist. Vorsichtshalber aber halte ich mich als Ersatzmann bereit, ganz so wie es die Schwester der Braut tut, Familienehre usw., wer weiß, was ist, sollte den Leuten vorne am Tisch blümerant zu Mute werden. Tapfer aber halten alle durch. Beim Werfen des Brautstraußes sind nur ledige Jungfrauen Frauen zugelassen, mein Versuch, mich getarnt unter die Damengruppe zu mischen, fliegt sofort auf, und ich werde des Feldes verwiesen. Soll keiner sagen, ich hätte nicht alles versucht.