
Mittwoch, 9. Juni 2010

Videokunst ist an und für sich nur selten meine Welt. Es ist nicht so, als hätte mich nicht die ein oder andere Arbeit fesseln können, der kleine VW-Käfer etwa, der sich unermüdlich einen Berg hochquält. Aber für viele Dinge, die auf dem Konzept von Zeit basieren (konzertante Aufführungen!), habe ich zusehends weniger... Zeit. Dazu kommt, daß die meisten Kunstvideos auf kleinen, flackernden Monitoren präsentiert werden, die irgendwo zufällig im Ausstellungsbereich abgestellt sind (also dort, wo keine Wände mit Bildern zu füllen sind). Manchmal setze ich mich dann dorthin, aber eigentlich nur, um die müden Beine auszuruhen und etwas abgestandene Museumsluft zu schnappen. Fürchterlich.
Entsprechend gemäßigt erwartungsvoll besuchte ich die Präsentation der - Zitat - "bedeutenden Sammlung von Julia Stoschek" in den Deichtorhallen. Die nicht unbedingt an Verschüchtertheit leidende junge Coburgerin hat in den letzten Jahren eine beachtliche Sammlerkarriere hingelegt. Das klingt referiert meist so: BWL-Studium, dann Kunstinteresse, kurzentschlossen einige der wichtigsten Multimediaarbeiten gekauft, wie man das so macht, eine Sammlung begründet und, man braucht ja Platz und will auch was zeigen, mal eben gefühlt mehrere zehntausend Quadratmeter eines alten Fabrikgebäudes in Düsseldorf zum eigenen Museum umgebaut (e.V.). Um nicht ganz zu versauern, engagiert sie sich nebenher fürs Berliner KW und sitzt (man kann nicht immer rennen) seit 2008 auch in der Ankaufkommission des New Yorker MoMa. Mama, Hilfe!
Ein Geflecht von Stiftung, Sammlung, Sammlerin und bestalltem Kunst-Kommissariat hält das Luftschiff "Stoschek" seither auf Kurs, und man muß das nicht neiden, sondern beachtlich finden. Getreu dem Vorbild des edlen Stifters begrüßt den Besucher dann auch das überlebensgroße Porträt der Stoschek am Eingang der Sammlungsschau. Aber da finde ich das bereits schon wieder sehr ironisch, man muß die Dinge eben richtig machen und nicht auf halbem Wege zaghaft das Hindernis verweigern. (Juniorenspringmeisterin war sie übrigens auch.) Kurz und vorab: Ist super.
Zahlreiche beeindruckende und vor allem beeindruckend präsentierte Arbeiten zu sehen: wenig Monitore, viele Leinwände, manche in einen kleinen Lastenaufzug gezwängt (sehr schöne Idee), andere als zum Teil großräumige Installationen mit Split-Screens und Panoramablick (z. B. das wunderbare "True North" von Isaac Julien), darunter Klassiker von Hannah Wilke, Carolee Schneemann, Pipilotti Rist, Marina Abramović bis zu Schlingensief und, tatsächlich, Björk. Man sieht Männer, die aus Häusern brechen, Frauen, die ihren Nachbarn beglücken (endlich eine Kunstausstellung ohne verschämten "ab 18"-Bereich), tanzende Menschen in S-Bahnen (Tanzen statt Streiten, sage ich doch), Frauen durch Duchamps "Großes Glas" betrachtet, Diven in zerhackten Filmsequenzen (merke: Polanskis "Ekel" noch einmal sehen), Dinge, die man nicht versteht, andere, die man witzig findet und immer wieder das Thema "Zeit".
Die allerdings braucht man für den Besuch, weshalb - sehr umsichtig - die Eintrittskarte gleich an zwei Tagen gültig ist.
("I want to see how you see" - die Julia-Stoschek-Sammlung in den Hamburger Deichtorhallen. Bis zum 25.7.2010)
>>> Webseite der Julia-Stoschek-Collection

Dienstag, 8. Juni 2010
To the old milestone
Insanely expecting
You to come there
Knowing that I wait for you there
(P J Harvey, "The Devil")
Da hocken wir also sicher in unseren vollverzinkten Blogs, während anderswo eine Frau in einem spinnwebverhangenen Keller sitzt und von ihrem Dämon singt. Ich weiß, das Album gibt es schon länger, bei mir geht eben wirklich alles sehr langsam, wie unter Äther sozusagen. Sonst hätte ich es 2007 schon wie ein fernes Wispern im Gebälk wahrgenommen. Aber da schlug sie mit ihrem verhuschten Jane-Austen-Spinster-Attire allen ein Schnippchen, die sie zuletzt mit viel Bein in kurzen Fummeln lieb gewonnen hatten. Lenkt nur ab, wenn auch erfreulich. Manche hatten auch ein bißchen Angst und Ehrfurcht vor ihr und ihrer Energie und Intensität bekommen, dabei sieht sie immer so schmal aus, daß man ihr heimlich ein Käsebrot zustecken möchte. Die Musik nun von White Chalk, das vorletzte Album also, oszilliert zwischen sanften Geklimper im Kreidestaubzimmer und dem Geräusch eines quietschenden Stücks Kreide auf dem zittrigen Weg die Wandtafel hinunter. Da ist so viel Liebe darin. Und Einsamkeit. Und Verzweiflung, daß es für mehrere Sommer reicht. Wenn Die Stille ganz besonders laut ist: And somehow expect/You'll find me there/That by some miracle/You'd be aware.
Prima Idee von euch und unausweichlich dazu, das Album gleich morgen zu erwerben. Alle.

Montag, 7. Juni 2010



Der König ist tot, es lebe der König.
Ja, liebe Stubenhocker. El Sunshine-Kid lebt sein entspanntes Wochenendleben ja nicht unter einer muffigen Wolldecke aus. Wochenende = Kumpelzeit, da rockt man das Soulboat, plöppt die Korken, High-Fived sich durch die Nacht und... äh, wo war ich?!?
Frühstück jedenfalls an meiner kleinen Schiffbegrüßungsanlage, hier ist ja irgendwas im Busch (sprich: verräterische Wirbel im Wasser), immer mehr junge Leute in führerscheinfreien (bis 5 PS) Motorbooten durchkämmen die Kanäle meines kleinen Rentnerstadtteils, Bier & Musick an Bord, bald wohl auch schringernde Plastiktröten und Fußballfahnen von Nationen, von deren Existenz man bis eben kaum was ahnte. Mir fehlt nur noch ein Kissen für die Ellenbogen, dann schreibe ich die alle auf.
Dann aber los zu den großen Frühstückseiern im Hafen und den Bloggern mit ordentlich Holz vor der Hütt'n: Irgendsoein Wikingerspiel, so hieß das Losungswort - und wenn es irgendwo etwas Neues auszuprobieren gilt, bin ich ja der erste vorne am Bühnenrand. Noch unverschwitzte Damen und Herren traten also an, sich gegenseitig nichts an den Kopf, eher etwas vor- und manchmal einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
Das Spiel, eine Mischung aus Kegeln, American Football und Schach legt Emotionen und Südkurvensprüche frei, ist also genau das Richtige, sich mal links und rechts ordentlich locker zu machen. Höhepunkt: Alle Linkshänder werfen mit rechts, die Rechtshänder mit links. (Natürlich, aber nicht ohne Mühen, siegten die Linkshänder) Ruppiger als Rasencrocket, ein wenig grobklotzig, wenn man so will, bietet das Spiel aber einige taktische Finessen, mit denen man die gegnerische Mannschaft bloßstellen dem Sieg buchstäblich ein Stück näherrücken kann. Wer will, kann das Spielgerät anschließend zum Scheiterhaufen aufstapeln und ein munteres Feuer entzünden.
Sonnenbestäubt, biervertrunken. Abends dann Regen. Jetzt endlich beginnt die schöne Zeit.

Freitag, 4. Juni 2010
das Bahnschiff durch die Lüfte über das Wasser...
(Else Lasker-Schüler, "Die Wupper". 1909.)
Wie lockt man jemanden, der nach dem neuesten Rating in der Stadt Nr 1 lebt? Schwierig. Aber wo andere vielleicht "I'm from the wrong side of town" [Q] jammern würden, lockt man besser ihn (oder sie) in eine Stadt, die in einem anderen Städteranking ebenfalls auf Platz 1 liegt. Spitzenstädte dieser Welt, vereinigt euch! So geht's.
Ironischerweise aber schaltete Wuppertal an diesem Tag die Sonne ein, die Schwebebahn fuhr auch wieder, große Runde also wie sonst nur mit einer Barkasse durch den Hafen oder wie durch ein liegendes Riesenrad im Prater. Österreicher scheucht man natürlich auch gern die steilen Straßen hoch, das lieben sie von daheim. Die Bahn rumpelt an den Rückseiten der alten Fabriken vorbei, zurückeroberte Shed-Architektur ist zu sehen und erstaunliche Biotope auf Dächern und Terrassen. Dann die Farben, womöglich ausgeschenkt von den Lackfabriken am Rande der Stadt. Zwischen sterbendem Grau sind bemerkenswert viele Fassaden in allen Pastellregenbogenfarben frisch getönt.
Wuppertal hat auch Galionsfiguren, daher die vielen Seemänner dort.
Satt & Nacht, den Spanier gibt es zum Glück noch (im Vergleich zu so vielen hanseatischen Enttäuschungen war das Restaurant in der Erinnerung ja bereits zum Mythos gewachsen), der Besitzer freut sich über den Besuch, lobt Fußball und St. Pauli und so glaube ich, daß die verhutzelte, sperrige, ins Tal geklebte Stadt sich ganz wacker geschlagen hat. Ich bin ja immer ein wenig gerührt, wenn jemand Interesse zeigt, so schrecklich viele Vorzeigeecken gibt es ja nun nicht, verglichen jedenfalls mit den Metropolen dieser Welt. Dafür kann ich zu diesen Ecken das ein oder andere erzählen, weiß, woher hier und dort der Staub stammt, aber das muß man natürlich auch hören wollen.


Donnerstag, 3. Juni 2010
Und ich liebe den Mond.
Und einen Mann mit
einem Hang zur Depression.
(Die Braut haut ins Auge,
"Mann mit einem Hang zur Depression".)
Das gilt es auch noch nachzutragen. Endlich habe ich es geschafft und meine Braut-CDs in klingende digitale Mitnahmeartikel umgewandelt. Die kennt ja auch keiner und keiner mehr. Schon aber kehrt morgens auf dem Weg zur Arbeit gute Laune ein, weil ich im Stillen mit Peta und Bernadette mitsumme, Füße wippe, an tolle Konzerte zurückdenke, meine kleinen Faux-pas, das staunende Vergnügen über lakonisch rausgehauene, emotionale Zeilen, die netten Minuten auf der Hedi, die Widmung, ein Reichtum also. Wie man nachts über die Autobahn rauschte, lautstark "Verlaß mich nicht/In Greenwich Village" mitsang ("Ich glaub an uns/und ich möchte nicht/daß diese Stadt uns're Liebe zerbricht", so was halt), also diese sogenannten wahren Worte. Andererseits hätte mir Bernadette auch das Telefonbuch vorsingen können, da war wohl was mit der Stimme. Glaube ich.
Und Abbitte muß ich auch immer noch leisten. Weil ich mich vor Jahren ein wenig irritiert und borniert über das letzte Album "Pop ist tot" äußerte, was im Gespräch für weitere Irritationen sorgte. Und wenn ich das Album heute höre, stelle ich fest, wie großartig das eigentlich produziert ist. Woran man sieht, daß man den Künstler vor allem vor einem schützen muß: seinen größten Fans.
"Eine alte Liebe ist wie ein altes Fahrrad/Laß es einfach steh'n". Von wegen. Nach 15 Jahren jedenfalls bin ich zu meinem eigenen Erstaunen immer noch mitgerissen und beklage, was ich einst befürchtete: Wieso waren die nie in den Charts? Vielleicht machen die ja 2013 noch mal zusammen den Tandemsprung, den nähme ich mit denen nämlich mit, dann, wenn es Krieg gibt. Aber "...es wird alles gut", singen sie irgendwo. Natürlich wird es das.
>>> Webseite von Bernadette Hengst

Dienstag, 1. Juni 2010
Wenn du gehst. Bernadette hat auch nach Jahren immer noch recht.

Sonntag, 30. Mai 2010



Am Tag, nachdem eine grad mal 19-Jährige eher unbekümmert den Schlagerwettbewerb gewonnen hat, versammeln sich, statt in ihren lachsicheren Kellern zu bleiben, offenbar alle mit Stock im Arsch im Forum von Spiegel Online und anderswo im Netz, meckern über dies, nörgeln über das, wittern Verschwörung, beklagen den Verfall der Werte, lästern im schlechten Deutsch über angeblich mangelnde Englischkenntnisse besagter Abiturientin und zeigen, daß man sich in diesem Land über keinen Spaß mehr freuen darf, wenn mit einem harmlosen, aber doch ganz charmanten Trällerliedchen nicht zugleich der Weltfrieden herbeigeführt oder mindestens das Ölloch im Golf von Mexiko gestopft werden kann. Euer Englisch mit 19 möchte ich mal hören.
Die eigene Zeit ist also besser verbracht, zwischen einzelnen Regenschauern ein wenig hinauszukommen. Auf dem Flohmarkt bekam ich ein hübsches verrostetes Grobwerkzeug geschenkt, verdammte Axt, auch so ein Glück. Dann aber rasch umgekleidet, unter dem Gewitter hindurchgetaucht und eine schnelle Runde um den Holzhafen gedreht. Sattel statt Satellite sozusagen, um auch mal einen Top-Witz zu machen.
Hübsches Veloblog von vier engagierten jungen Damen aus Paris auf zwei schnellen Rädern: Les Mittens. Frankreich gilt ja als zwar radbegeistertes, aber nicht unbedingt fahrradfreundliches Land, die Touren des Quartetts deuten aber ganz interessante Möglichkeiten an. Bei Flickr haben sie auch ein Album.
Ganz toll: Banale Weisheiten und Truisms auf verschmutztem Papier - Nobody at the Wheel.
Ich mach jetzt mal die Lena und koche, ohne Kartoffeln im Haus, aber trotzdem ganz unbekümmert Spargel.
