Sonntag, 17. August 2014


Go Ost

Auch wenn ihr euch gerade in Mirabellen und ungeschnittenen Gräsern wälzt: Nun, auf der Schwelle zum Herbst, ist es Zeit, auch einmal an später zu denken. Bislang sah mein Abend ja in etwa so aus (geplant!): A Dream within a Dream. Entspannt und lebensbejahend, aber vielleicht ein wenig dunkel.

Es geht wohl auch bunter, einen gewissen finanziell gebetteten Hintergrund vorausgesetzt. Dennoch sicher auch eine Anregung für Jedermann, vor allem für Frauen, die ein Leben jenseits von "pflegeleichten Kurzhaarfrisuren" suchen und stattdessen lieber exzentrische Hüte auf dem Kopf tragen wollen. Was man braucht? Einen Mann, der sein Geld mit Mode und Immobilieninvestitionen gemacht hat Ein Pendel, eine Karte, Hauspersonal und: Keine sauren Böden!

Beatrix Ost stammt ursprünglich aus Bayern, lebt mit ihrem findigen Ehemann Ludwig Kuttner in New York (das ist eine Stadt in den USA) und auf einem kleinen Anwesen in Charlotteville, wo die beiden offenbar altersgemäßen, exzentrischen Spaß haben. Sie, mittlerweile um die 70, ist Model, Malerin, Bildhauerin, Designerin und Schriftstellerin - was man halt so macht als Szeneikone. Ihr größtes Kunstwerk aber dürfte sie selber sein. Blaue Haare! Keine Jogginganzüge! Das ist doch schon mal ein Schritt.

>>> via Nowness


 


Samstag, 16. August 2014


Endless Summer. (Haha)

Ein gewisser Fox Mulder, Spezialagent einer größeren US-amerikanischen Regierungsbehörde, hätte sich nicht verbissener und akribischer auf diesen mysteriösen Fall stürzen können. In meine mit opthalmologischen Untersuchungszangen offengehaltene Augen werden nämlich seit Jahren Filme wie nachfolgender projiziert:

Versprechen von Sommer nennt sich das von den staatlich gelenkten Mainstreammedien unterstützte Umerziehungsprogramm. Kaum aber stürze ich mich mit meinem Board (nur ein Symbol) unter dem Arm auf die Straße, mich den leicht angemessen bekleideten Menschen dort anschließen wollend, setzt ein sturzartiger Regen ein aus dieser Wolke, die mich seit meinem 17. Lebensjahr begleitet.

Herbst. Sag ich ja. Machen wir uns nichts vor. Er ist irgendwo da draußen.

>>> via Nowness.


 


Montag, 11. August 2014


Montag, so Mondtag



Montag. Und Mondtag. Also Vollmondtag. Man bleibt tatsächlich besser im Bett. Nicht aber ich, ich will ja was tun. Tätig sollst du sein, o Mensch. Rege und der Gesellschaft ein Wohlgefallen. Ich also nach geflissentlicher Vorbereitung los. Zuerst aber Taschenkontrolle. Dabei gefunden: eine Rückmeldekarte ans Wasserwerk mit dem selbst abgelesenen Zählerstand. Vom Februar, immerhin aber diesen Jahres. Werfe ich gleich mal ein, damit die Dinge im Fluß bleiben.

Die U-Bahn ist ausgefallen, die nächste auch. Das Display verspricht die Ankunft der nächsten Bahn für zehn nach. Es ist zwanzig nach. Zum Glück folgt ein Kurzzug, die angewachsene erwartungsfrohe Nahverkehrsteilnehmerschar aufzunehmen. Der Kurzzug ist brechend voll. Ich warte auf den nächsten. Weil ein langer Zug angekündigt wird, plaziere ich mich strategisch am Bahnsteig. Es folgt ein Kurzzug, ich bin trotzig und rühre mich nicht von der Stelle. Der Kurzzug ist leer. Ich grüße still ins Nichts hinter den Scheiben. Ich warte auf den Langzug. Der hat Verspätung. Und ist so mittelvoll. Geht doch.

Im Baumarkt denke ich, frag doch mal nach einer Kundentoilette. Die kann man doch auch mal anschauen. "Entschuldigung, haben Sie hier eine Kundentoilette?" - "Ja." Der Mann ist Norddeutscher, ich lege mich fest. "Und, was meinen Sie. Werde ich die auch finden?" - "Das kann gut sein. Gehen Sie..." und er beschreibt mir den Weg. Dazu, so stelle ich erstaunt fest, muß man das Gebäude verlassen. Beim Rausgehen habe ich den Einkaufskorb bei mir. Zum Glück noch nicht gefüllt. Ein echter Mitarbeiter, also einen solchen, den man im Baumarkt nur selten ergattert, eilt mir hinterher. Wohin des Weges, auch ein Korb habe seinen Preis, ach so, Kollege, Kundentoilette, verstehe, lassen Sie den besser hier... und ich so, natürlich, 'Scusi, dumm von mir, Sie haben völlig recht, Gedanken, Gedanken, immer bin ich in Gedanken. Und dann aber auf der Kundentoilette. Ohne Korb.

Dann wieder rein, Korb holen nicht vergessen. (Schon der zweite also, den ich mir heute einhandele, denke ich. Aber das folgt mit dem älter werden. Achtet mal drauf! Sonst könnt ihr auch einen kaufen, 2,95 Euro beim Baumarkt.) Dann Liste abarbeiten. Dichtungsring (versteckt, aber gefunden), Sanitärartikel (Himmel, das meinen die nicht ernst, kaufe ich nicht), Silikon, Fugendings, eine Rohrmanschette, was man so braucht. Farbe, einen Tontopf, einen Untersetzer für den Tontopf aus Ton. Und bestimmt was vergessen. Vor Schock. Gesehen nämlich: Glasbausteine kehren zurück! Bunt, beleuchtet oder auch einfach nur so. Glasbausteine. Wahnsinn.

Kein Auto, auch so eine Sache. Also schleppen, ich hätte ja auch das Rad... An der Fußgängerampel fast angefahren worden, eigene Schuld. Oder Vollmond. Die Straße folgt dort einer Kurve, die Ampel auch. Also folgt niemand der Straße durch die Kurve bis zur Ampel, sondern geht der guten Stadtviertelsitte nach fünf Meter vorher über die Straße. Das Auto hat Rot, ich nicht Recht, aber bitte, der Fahrer beharrt auf seine letzten fünf Meter bis zur Ampel, hält also nicht an, wie es sonst aber wirklich jeder hier tut. Zumal, wenn ein ehemals aus dem Internet bekannter Blogger mit einem Eimer Farbe, einem Dichtungsring, Silikon, einer Rohrmanschette, Fugendings, einem Tontopf, einem Untersetzer aus Ton für den Tontopf und was man so braucht über die Straße geht. Ich hebe die Hand, entschuldige mich, 'Scusi, Gedanken, Gedanken, ich war in Gedanken.

Schnell noch zur Packstation. Munter die Nummer, dann ein zweites Mal die Nummer, dann zur Sicherheit kontrolliert (wie leicht ist man in Gedanken!) und vorsichtig ein drittes Mal eingetippt... Tut der Maschine aber so was von leid, drei Mal falsch, nicht weitertippen, schick uns doch 'ne Mail, du Kunde, ist Montag und Vollmond, du meinst doch nicht im ernst, daß das jetzt mit deiner Nummer klappt. Höhö, und schönen Tag noch mit deinem Eimer Farbe hier auf dem Parkplatz und dem Tontopf und dem Untersetzer aus Ton für den Tontopf und dem Dichtungsring und der Rohrmanschette und dem Silikon und dem Fugendings und was man so braucht.

Na ja, immerhin. Daheim ist es wirklich am schönsten. Mich erwarten meine Blumen, die nun in eine erfreulich herbstliche Haltung versunken sind. Wie in Gedanken! Wie lange man Blumen doch stehen lassen muß, damit es endlich hübsch morbidlich aussieht. Beim Blumenhändler sucht man nach solchen ja meistens vergeblich. Schwer zu bekommen, fast wie Dinge im Baumarkt. Nie sind sie richtig, immer nur frisch. immer muß man sich entschuldigen, will man welche verschenken. Du, tut mir leid, die hatten keine schönen, mußt du noch zwei Wochen stehen lassen, ich hoffe, die werden noch was. Aber nicht vor Vollmond wegwerfen!


 


Samstag, 19. Juli 2014


Schwitzende kleine Kreaturen

Heute Leuchtturmdienst, also daheim bleiben und Regenwaldmusik der Creatures hören. Feast, ein lange vergessenes Album mit Musik, das hauptsächlich aus Drums und Stimme, den Tropfgeräuschen von Regen, der von Dschungelblättern fällt, und dem Quietschen rostiger Metallketten besteht. Ich sitze derweil in meinem liliengetränkten Wintergarten und bade gerade meine Hände in der Musik, während ich die Füße in eine emaillierten Schüssel voller Essigwasser stecke.

Euch und die anderen Internetzbewohner stelle ich mir dabei als kleine Geckos vor, die durch das Grün huschen, ledrige Zungen aus- und einrollen und träge ihre Umgebung beobachten. Sich was dabei denken oder auch nicht, ein wenig Musik hören und von Kühlschränken voller Getränke träumen.

Ermattet bin ich vom Büchersortieren und Filmsortieren, den vielen Johannisbeeren, vom Aquarellieren der Laufbahnen dieser Schweißtropfen, die meine Arme herunterkriechen. Was fehlt, ist das Versorgungsschiff, das mit eiskaltem Wasser und Burgunderwein kommt.

Warten aufs Nachtprogramm, die letzten Folgen von Penny Dreadful (nicht sicher für die Arbeit) für erweiterte Zustandsgedanken über zwielichtige Gestalten, schwitziger Grusel für wärmesedierte Köpfe.

>>> Da die meisten Clips von The Creatures bei einer im Internet weltberühmten Videoabspielstätte gesperrt sind, zur freudigen Abwechslung ein ebenso altes von der Musikkapelle Siouxsie and the Banshees. Dort zu sehen, wie Siouxsie Sioux als katzengleiche Bloggerin, Selfie- und Rumlungerverliebt etwas von Angesicht zu Angesicht singt.


 


Samstag, 14. Juni 2014


Freitag, der 13.

Oha. Das war ein fataler Einschlag. Blogger.de war kapott und ist es zum Teil auch noch. Hier sind fast alle Bilder weg, drüben bei Rost sogar das komplette Layout. Hier im Blog sind allein über 2600 Fotos betroffen. Ob, wann und wie ich die manuell wieder nachtrage, mag ich noch nicht sagen.

Ich weiß, jeder steht Blogs ganz unterschiedlich gegenüber. Das reicht vom rotzigen com.egal bis zum tapferen die Welt für mich. Das muß halt jeder selber sehen. Danke an Dirk für die Mühe und den Einsatz, blogger.de wieder zum Laufen zu bringen. Die gute Nachricht ist, daß die Einträge grundsätzlich alle noch da sind.

Weitermachen.


 


Sonntag, 8. Juni 2014


You keep me coming home again



Kaum schaut man kurz nicht hin, man hat seinen Anorak gerade hübsch eingeknuffelt, bricht Sommer aus. Ich sitze dann abends noch lange am Fenster, warte bis die letzten Boote vorbei sind, trunkene junge Menschen meist mit Landjugend-Diskothekenmusik an Bord, und darauf, daß sich die Wohnung ein wenig abkühlt. Vorher ist an Schlaf ja eh nicht zu denken.

Ich selbst höre dann die beste Band der 80er-, 90er- und 2000er-Jahre, warmes Gitarrenperlen und munteres Schringschring zu nonchalanten, aber wichtigen Mitteilungen. "You keep me coming home again" (was im speziellen Fall Sonic Youth mittlerweile einen gewissen bitteren Humor in sich trägt. Aber geht es einen was an? Ich habe eine Meinung, mische mich aber nicht ein.)

Man könnte auch über Land fahren, "Reena" im Ohr. Die Musik verlangt aber ein Auto, einen blubbernden Motor und einen Ellenbogen, der sich in die Sonne bohrt. Sich unterwegs gedankenverloren den Dreck von den Knien rubbeln.

Bis dahin einfach so pfingstbegeistert Lieder nachpfeifen, sich kleine Parolen fürs Leben basteln. Die Brüche nicht zu lange in Gips halten.


 


Samstag, 3. Mai 2014


Too many protest singers, not enough protest songs



Auf den monotonen Kilometern meiner Fahrradausflüge zwischen Deichen und dem großen Nichts stellt sich oft eine gewisse entspannte Rückbesinnung ein. So fiel mir ein, als ich auf einen kleinen versteckten finnischen Club traf, wie ich wie so viele damals meine künstlerische Laufbahn einst in kleinen Etablissements als sogenannter "Liedermacher" und "Prostestsänger" begonnen hatte. Mein Erkennungshit, der die Leute regelmäßig mitriß und auch ein wenig zum Nachdenken brachte, lautete: "Beim Bau der Pyramiden starben Leute/Doch was ist heute?/Doch was ist heute?". Ein anderes ging nach einer beschwingt-fröhlichen Marschmelodie: "Gruppense-hex mit Klaus und Liese/Es geschah auf einer Blumenwi-hiese" (die letzte Strophe hatte eine kleine Pointe, die ich extra eingebaut hatte, damit die Leute gleichzeitig aufgerüttelt, aber auch belustigt werden: "Gruppense-hex mit Klaus und Peter/Ja, das kann doch jeder/Denn die Li-hiese entpuppte sich als Fiese/..." usw. usf. Ihr bekommt einen ungefähren Eindruck.)

Fast wäre ich damit sogar auf das Folkfestival auf Burg Waldeck eingeladen worden. Aber wie so oft im Leben mußte ich mir mal wieder selbst Knüppel zwischen die Karrierebeine werfen. Ich dachte, als Protestsänger die Leute auch mal querdenkerisch provozieren zu müssen und wagte es doch tatsächlich, eine elektrische Gitarre einzustöpseln. Da war aber was los! Es gab Tumulte im Publikum und Pfiffe, einer rief "Judas!", und leider war ich damals nicht cool genug, rotzig "Lügner!" zurückzurufen und den Zuhörern meinen neuen Zound einfach unbeeindruckt mit einer radikalen Version von "Beim Bau der Pyramiden" entgegenzudröhnen.

Selbst noch nicht ganz reif hinter den Ohren, denn das war ja früher, dachte ich, gut, dann eben nicht. Ich weiß ja, was ich sagen will. Ihr müßt dann halt unaufgerüttelt bleiben und dumm sterben. So ging das dann auch los mit der Schlagermusik, zu der ich mich umorientierte, weil ich ja Geld verdienen mußte und mir nichts besseres zur Dumm-sterben-Begleitung einfiel. Aber gut, ich soll nicht immer so viel von mir erzählen. Ihr habt sicher auch was Interessantes erlebt.

Es geht also am Ende darum, sich immer wieder neu zu erfinden, um weitermachen zu können. Dazu sind Erinnerungen gut, denn durch sie kann man die Vergangenheit besser verstehen. Und wenn manche reden, ach, Vergangenheit, das ist so 90er - die muß man reden lassen, die machen es sich bequem. Anders die Künstlerin Gemma Green-Hope, die eine kleine, sehr anrührende Videohommage an ihre Großmutter Elizabeth (genannt "Gan Gan") machte, mühe- und liebevoll animiert aus vielen Fotos und allerlei Alltags- und Erinnerungsstücken.

Ist nämlich - und das betrifft die Zukunft! - bald Muttertag. Damit ihr es nicht vergeßt.


 


Donnerstag, 1. Mai 2014


How utterly, utterly surprising!



In der Sonne sitzen, die Reste bedenkend, erste Tests durchführen für weitergehende Bewerbungen. Fight the future, jedenfalls die, die Monsanto, Google und die Agentur für Arbeit für uns vorgesehen haben. Das Ergebnis des ersten Persönlichkeitstests fand ich nicht überraschend. Man muß einfach nur die Wahrheit, die bekanntlich in einem selbst (und auch in dir!) liegt, angeben.

Statt im Knopfloch stecken rote Nelken am heutigen Tag tatsächlich in meiner Vase. Aber die Geste zählt, wie so oft im Leben. Auf dem leeren Frühstücksteller ziehe ich Kornkreise mit Brotkrümeln nach - in Erwartung weiterer Antworten, weiterer Fragen und wieder von vorn. Abends am Hafen sitzen und dabei Molværs Khmer hören. Ein Album, das mich auch schon jahrelang begleitet. Ein fiebriges, kleines Monster.

Bei Ebay von einer sich selber für superschlau haltenden Flitzpiepe 10 Sekunden vor Schluß, just als ich gerade die Hände zusammenklatschen wollte, überraschend überboten worden. Das ist die Wahrheit da draußen: Traue niemandem! Dabei hatte ich mein Limit bereits recht hoch angesetzt. Nachher dachte ich, daß mir die hübsche Sache mehr wert gewesen wäre. Das aber ist falsch: Man muß vorher wissen, was einem eine Sache wert ist. Immer.


 


Sonntag, 20. April 2014


Keinfellhase



Frohe Ostern ruft das Memento mori, Karwoche vorüber, Fastenzeit vorbei nun also zurück zu den harten Getränken hartgekochten Eiern. Draußen in Büschen und Wäldern pulsiert es, Fülle regnet ins Alte Land, junge Mädchen auf Fahrrädern radeln in kurzen Kleidchen der nächsten Blasenentzündung dem nächsten Abenteuer entgegen.

Entkernte Pudel liegen auf Sonntagsspazierpfaden, der Wind weht dem einen schon Sommernachtsphantasien heran, andere halten sich im wetterdichten Parka bedeckt. Auf der aufgespreizten Skala im Radio die Auswahl zwischen Klassikprogramm, "Streitkräfte und Strategien" und den dicksten Eiern der 89er, 90er und von heute.

Auf der Fensterbank der vertrocknete Strauß aus der Vorfrühlingszeit, jetzt also Batterien tauschen, Blumen tauschen, Blut austauschen. Auf den Wanderpfaden juxen alte Männer im sportlichen Übermut, eine Jugend ohne Jugend steht staunend dabei. Ich mach mal langsam, aber voran.


 


Samstag, 22. März 2014


Diving for Pearls



Muß ich daheim schon die kleine Schiffsbegrüßungsanlage vom kleinen Kanalleuchtturm aus betreiben, ist es uff Arbeit noch einen Ticken verantwortungsvoller. Sobald nämlich ein großes Schiff einparken will, muß einer von uns am Fenster stehen und winken und einweisen, damit kein Frachter vors Gebäude knallt. Wie man da Gartendekorationsobjekte schnitzen und brennen soll, ist mir ein Rätsel.

Diese Woche fuhr so ein 366-Meter-Ding vorbei, das paßte gar nicht komplett ins Bild vor der Panoramascheibe, erst, als es sich eingedreht hatte. 366 Meter sind ganz schön lang, wenn die am Fenster vorbeischieben, und den restlichen Tag versuchten wir, dies in Badewannen oder Fußballfelder umzurechnen, um überhaupt einen begreifbaren Begriff von diesem Kahn zu entwickeln. Also sehr lang war der.

Mittags laufe ich in der Umgebung rum und habe schon eine Lieblingsfischbude für mich entdeckt, die von zwei sehr netten Russinnen betrieben wird. Man muß da durch einen dicken Plastikvorhang, der in Streifen geschnitten ist wie in einem Schlachthaus oder einem Truckerimbiss. Links und rechts davon gibt es nur Perlhuhn und Muscheln, dort aber reelle Mitnehmspeise für auf die Hand. An der Wand hängen signierte Fotos von einem in Hamburg sehr bekannten Fernsehpolizisten, der zu leben weiß und manches auch schon überlebt hat. Da fühlt man sich gleich sicher, denn wenn der da ißt, muß es in Ordnung sein. Sonst würden die ja verhaftet! Hahaha. Auf der Theke stehen zudem vertrauenerweckend kleine Schnapsflaschen aufgereiht, kein Schischi und Schoscho mit seltsamen Namen wie in den erwähnten gegenüberliegenden Perlhuhnläden.

Abends fahren schwere silberglänzende oder schwarze Autos durch die Straßen. Da sitzen Männer drin und sehr dünne Frauen, die auf dem Weg zum Perlhuhnrestaurant sind. Man kann das da ja alles kaufen, sozusagen vom Kutter runter. Also die Perlhühner, schon klar. Die kommen genaugenommen nicht vom Kutter, das macht ja keinen Sinn, sondern stammen aus Frankreich und liegen in großen begehbaren Kühlräumen. Man kann die dort anschauen und begutachten und zur Kasse tragen. Vielleicht mache ich das mal, denn ich habe, glaube ich, noch nie Perlhuhn gegessen. Wahrscheinlich schmeckt das nicht, wenn ich das koche, also brate. Oder koche. Oder gerade. Weiß man nicht, die Meinungen gehen da sehr auseinander.

Ich habe gar keine Ahnung, was man mit diesen Tieren macht, fiel mir neulich ein, als ich ein Fischbrötchen von den zwei netten Russinnen aß und dabei aufs Wasser hinausmeditierte. In die Wellen rein, gute Gedanken, schlechte Gedanken, gute Gedanken, schlechte Gedanken - und wenn man das Fischbrötchen aufgegessen hat, fühlt man sich ganz durchgespült und klar. Alle Antworten aber gibt es nicht. Muß man das Huhn vor dem Zubereiten erst auseinanderbrechen wie eine Auster und die Perlen da rausholen? Oder brät (oder kocht) man die mit und pult sie erst später heraus, richtet sie vielleicht dekorativ auf dem Teller an, aufgefädelt auf einer langen Schnur? (Wie viele Perlhühner braucht man dazu und wie viele passen auf ein Fußballfeld oder in eine Badewanne?!?)

Das sind so Fragen, jeden Tag. Eine neue Welt, voller Geheimnisse. Ein Ansporn. Aber auch ein bißchen beängstigend.