Freitag, 24. Oktober 2014


Es gibt kein Entkommen



Nicht mit brachialer Wucht jedenfalls, sondern durch feine Schnitte, die Laubsäge näher gehalten als die Axt. Wir sehen humorvoll-melancholische Geschichten, die im Holz seit langer Zeit schon eingeschrieben scheinen und von Passfeld, dem Finder solcher Dinge, nur rausgelöst zu werden brauchen. Filmerzählende Bilder und Assemblagen, Holzobjekte, die in den Raum greifen, sich als Sprache tarnen und wieder zu Bildern werden. Da fuhr gerade eine Frau in einem Sommerkleid auf einem Fahrrad vorbei.

Wer sich beeilt, kann sie noch sehen: Die Finissage ist am Samstag.

(Thorsten Passfeld, "Es gibt kein Entkommen". Feinkunst Krüger. Bis 25.10.2014.)

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Montag, 13. Oktober 2014


Le vent nous portera



Am Ende dann doch noch im Herbst angekommen. Die Landung mag immer weich sein. Der Rest folgt bekanntlich drei Tage später.

Neulich einen schlimmen Traum gehabt. Angekettet wie ein Galeerensträfling, war ich dazu verdammt, bis in endlose Zeiten auf einem Bier-Bike die Reeperbahn rauf- und runterzufahren, während drei Nornen als Fahrgäste mit an Bord waren, die auf leiernden Harfen mein dunkles Schicksal klagten. Ich sollte meiner Liebe zu Ludivine Sagnier entsagen, fordertern sie, weil diese ohne Zukunft sei. Ein Leben in Untertiteln drohe mir, eine sprachlose Liebe in Fragmenten. Die schwitzigen Laken fanden sich morgens leer neben mir, von einem vollen Mond getränkt.


(Café de Flore. Kan./F. 2012. Regie: Jean-Marc Vallée. Musik: Sophie Hunger, "Le Vent Nous Portera".)


 


Dienstag, 7. Oktober 2014


Kid Holgerson



Am Sonntag sammelten sich mit viel Gequake die Gänse am Himmel über meinem kleinen Barockschlößchen, es zieht sie wohl in die Ferne, aus der ich gerade kam. Dabei flog ich eigentlich mit einem Kranich, was aber auch nur indirekt richtig ist, denn durchgeführt wurde die Unternehmung von der Austria.



Bei der Austria, die mich, wie man auf dem Globus nachverfolgen kann, bis nach Wien brachte, gibt es, anders als bei der Fluglinie, die ich sonst benutze, tatsächlich die klassische Sicherheitsvorführung. Da ich das sonst wie fast alles im Leben nur aus Erzählungen kenne, beobachtete ich aufmerksam. Und fasziniert fielen mir alltagsmythologische Ähnlichkeiten dieser Pantomime mit gewissen, äh, Vorführungen in dunkelkellerigen Subkulturen auf, wie man sie, genau, aus Erzählungen kennt. Fassen wir das mal sachlich zusammen: Da wird also eine von ihrer gestrengen Chefin auserwählte junge Dame in Uniform (!) dazu bestimmt, sich vor einer größeren Gruppe Menschen zu präsentieren. Lächeln ist ihr verboten, eine nähere Kontaktaufnahme auch. In einem unverhohlenem Akt der Selbstdemütigung muß sie nun zeigen, was sie gelernt hat. Wie sie ihre Arme nach hinten strecken kann, mit den Händen flattern, kreisende Bewungen machen, leicht in die Knie gehen und dabei parallele Linien mit den Armen weisen. Danach muß sie vorführen, wie man sich selber mit einem speziellen Gurt fesselt - und zum Schluß macht sie Dinge mit einer merkwürdig ausschauenden Gummimaske vor ihrem Gesicht. Alles klar, sag ich mal.

Euch als erfahrenen Semiotikern Vielfliegern ist das alles natürlich nicht neu, bei meiner Linie indes werden nur abstrakt gehaltene Sicherheitsvideos gezeigt. Ich fliege jetzt übrigens immer Austria.



Meine Unterkunft lag diesmal im 2. Bezirk, da wohnte ich noch nie. Aber meine Wienreisen führen mich ja getreu dem Motto "Wer zweimal im selben pennt, gehört schon zum Establishment" quer und ringsherum durch die schöne Stadt. So lernt man sich kennen. Und die Stadt. Es gab Schokolade, Tee und Kaffee. Und hausgemachte Speisen. Aber auch Trauben. Und junge Damen im Dirndl, wo ich zuerst dachte, es handele sich um einen feuchtfröhlichen Junggesellinnenabschied* auf der Reeperbahn. Aber es war ein Wies'nfest im Prater. Dann erinnere ich einen herrgottsfrühen Rückflug, den ich irgendwie dämmernd verbrachte, von einem sanften Ruckeln geweckt. Das war dann schon die Landung. Beschwingt eigentlich. Gänsefederweich wie in schönen Nächten in Kopf und Herzen.

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* Fun fact: "Junggesellinnenabschied" ist das einzige Wort in der deutschen Sprache mit Doppel-G, Doppel-N und Doppel-L. Falls das mal bei einem Quiz gefragt wird.


 


Montag, 29. September 2014


2014: Das Jahr, in dem ich die 52 wieder schaffte



So. Wir dürfen den alten Schlager der englischen Beatkapelle The Kinks anstimmen. "Victoooria!" nämlich hallte es am Sonntag lange über endlose Radwege im wilden und - wie die Boulevardzeitung dieser Stadt schreibt - "unhippen" Stadtgebiet Hamburgs. Das Wetter war friedlich, so geschah es ungeplant, daß ich plötzlich kein Ende mehr fand und meinen persönlichen Mont Ventoux in Angriff nahm. 2012 legte mir diese Strecke so eine hübsche, kleine Leistungszielmarke vor. Eine Marke, die mir ehrlich gesagt, in den letzten beiden Jahren außer Reichweite gerückt schien. Aber, wie lautet die so charmante wie überhebliche unwiderstehliche Predigt: Wer will, der kann auch. Eben, Arschloch, Schatzis. Genau so.

Vorbei also voll auf Lunge pfeifend (aber allegretto) an tiefenentspannten Ziegen, überholt von ein paar Pedelec-Provokateuren (sozusagen das Photoshop des Radfahrens, ein einziges empörendes Fälschungswesen) bis hin zum bekannten Fährhaus, wo lederbezogene Biker ihre Maschinen wie chromblitzende Dominosteine eng an eng stellen. Raum und Zeit für eine kurze Gedenkvesper am Deich, Flußbeschau und Menschenbetrachtung. Dann zurück in die langsam herabsinkende Sonne, an auf Weiden niedergesunkenen Kuhherden vorbei und durch tiefergelegte Mückenschwärme, die sich unter den Bäumen am Radweg sammeln. Mein Hemd sieht aus bald wie ein Insektenrechen, alles voller Straßenverkehrspunkte. Meine Brille aber auch, den Mund halte ich ausnahmsweise geschlossen. Wie ein Walfisch Plankton schlürfend könnte ich mich nahrungsammelnd durch die milde Herbstluft schieben, nicht ganz so pfeilschnell mehr wie zu Beginn, aber mit munterem Tritt.

52 Km also. Auch wenn ich mehr Zeit dazu brauchte als vor zwei Jahren. (Deshalb ist mir unterwegs auch dieser Bart gewachsen, ich muß mich entschuldigen.) Aber umgerechnet auf ein schwerstählernes Hollandrad mit Gepäck und Fahrer sind das sogar viel mehr als auf einem Ultraleichtgeschoß. Sehr viel mehr. Mit der einfachen Formel Pi * Drehmoment geteilt durch Reifengröße multipliziert mit der Wurzel aus Packgewicht plus Windwiderstand (Punkt vor Strich und Klammer zuerst) kommt man da auf ganz andere Werte. Wenn man es denn erstmal in Ruhe durchgerechnet hat. Ich aber pfoff lieber ein Abendlied (nun aber adagio) und malte mir überbordende neue Ziele aus. Niemals klein denken! Das nächste Mal nehme ich ein fesches Görl auf dem Gepäckträger mit. Einfach so! Läßt sich sicher leicht in die Formel mit einbeziehen.

>>> Geräusch des Tages: The Fall, Victoria


 


Samstag, 27. September 2014


Glades



Da war ich übrigens auch. Zum Eröffnungswochende am ersten Septemberwochenende nach der Sommerpause war dies natürlich der Höhepunkt. Die erste Einzelausstellung von Lokalmatador Heiko Müller bei Feinkunst Krüger setzte gleich mal ein Ausrufezeichen für die neue Galeriesaison. Nach Beteiligungen an zahlreichen Gruppenausstellungen nun also solo.

Der Mann war fleißig gewesen und zeigte gleich eine ganze Reihe großartiger neuer Sachen: Bilder von aufgeschreckten Tieren, abgekämpften Kämpfern und irritierenden Widersprüchen in scheinbar idyllischer Natur. Eine souveräne Schau ohne übertriebenen Klimbim, sondern Auge in Auge mit sanfter Verstörung und bezaubernden Wandlungen. Auch toll: Mit der neuen Brille konnte ich noch die verstecktesten Geheimnisse und prominentesten Gäste entdecken.

(Heiko Müller: Glades. Feinkunst Krüger. 6.-27.9.2014.)

>>> Bilder der Eröffnung
>>> Bilder zum Nachschauen

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Sonntag, 21. September 2014


Ich kann klar sehen, jetzt wo der Regen vorüber ist

Da mußte ich doch tatsächlich für gut zwei Wochen die Türe zum Internetbetriebsraum (s. Symbolbild) hinter mir schließen und alles mal sich selbst überlassen. Mit der frisch erworbenen Brille sah ja auf einmal alles so klar und deutlich aus. Scharf. Also schaute ich mir schnell alle Filme der letzten verschwommenen Jahre noch einmal neu an, lernte meine Grünpflanzen von einander unterscheiden, las laut glucksend die Hinweise auf den elektronischen Anzeigetafeln im öffentlichen Nahverkehr und fand die Welt neu und wie frisch gezeichnet vor. Dann klingelte ich nacheinander an den Türen meiner Exfreundinnen und stellte fest, die sind tatsächlich so hübsch, wie ich immer vermutete, kaufte dann, es geht ja kein Ding über die grüne Erde ohne Folgekosten, neue Sachen ein, die ich um meine neue Brille zu drapieren gedenke bis hinunter zu den Schuhen.

Erstmals drängten sich auch Zustände an mein nun scharfzeichnendes Auge. Das Elend der Welt, namentlich meine Fußböden. Da möchte man ja nun auch niemanden drüberkriechen sehen, nicht einmal zum Spaße. Zum Glück erlaubte es mir meine Brille, mich bis in den Westflügel meines Etablissements durchzuschlagen, wo weiland Blaubarts achte Kammer sich befand, nun aber bloß ein Abstellraum mit Kehrgerät. Alles blitzblank nun oder wie die jungen Leute sagen: tippitoppi.

Und gegen Tetanus wurde ich geimpft. War dann wohl auch nötig. Immer weitermachen.


 


Freitag, 19. September 2014


Vielleicht mal alles neu denken

Kurze Pause. Warum eigentlich. In meinem Ranzen befindet sich doch bestimmt ein Liebesbrief mit Elfenohren. Oh. Tatsächlich. Ein Liebesbrief mit Elfenohren. Und eine Packung TicTac. Kurze Pause also, geht gleich weiter. System wird gerade rebootet. Stellt euch die Welt derweil einfach mal ganz anders vor.

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