Dienstag, 24. März 2026


Bin ich ein Magnet?



Als Kind hatte ich mal einen Magneten verschluckt, und das war zwar Physik, aber gleichzeitig eine unschöne Sache. Ich durfte nicht mehr in die Küche, weil dann die Besteckschublade aufsprang und mir Messer und Gabel und auch die kleinen Löffel, die man für den Nachtisch benutzt, entgegenflogen. Ich durfte zudem auch nicht Fernsehen, weil die Magnetwellen das Fernsehbild verzerrten, und zwar so, dass mein Vater Angst hatte, dass das Bild so bliebe (wie beim mutwilligen Schielen), bis man die Bildröhre wieder mit einer Spule entmagnetisiert habe. Einen Vorgang, den man nicht beliebig oft wiederholen konnte (austherapiert). Der hinzugezogene Arzt, ein älterer, unangenehmer Mann mit möglicherweise finsterer Vergangenheit, gesichert aber kühlhausempathischer Wesensart, meinte, nachdem er mir einen hölzernen Spatel tief in den Mund gerammt hatte (immerhin keinen aus Metall), „was reinkommt, kommt auch wieder raus“ (magisches System).

Und tatsächlich, der Magnet zerbrach wohl in viele kleinste Teile; so gingen wohl nach und nach und das auch völlig unbemerkt alle Partikel „ab“, wie man in Fachkreisen sagt, und glücklicherweise, man muss auch solche Details festhalten, hatten wir keine Toilettenschüssel aus Metall.

Magnetisch bin ich seither nur noch für eines: Pech aller Art. Erst passiert dies, und dann kommt auch noch das dazu. „Beim Versuch, sich mit dem Rücken an einer Wand abzufangen, rutschte die Person mutmaßlich unglücklich seitlich zu Boden, so dass in der Folge eine Verdrehung des rechten Knies“ eintrat (Polizeibericht). Seither bin ich beim Ballett (Timothée Ch. spitzt gerade die Ohren) nur noch als Kapitän Ahab besetzbar. An meinem Auftritt dabei muss ich allerdings noch arbeiten. Schmerz (Knie) und Schschsch (zusammengebissene Zähne) sind nun meine treuen Begleiter, ich würde sagen, wir sind per Du und vielleicht sogar Freunde. Glücklich, wer so etwas hat in diesen auch menschlich verhärteten Zeiten. Ich humple derweil pechverfolgt herum, verwünsche Wale und starken Seegang, verschiebe vage angedachte Termine in eine noch vagere Zukunft, kühle, salbe und lege das Bein hoch vor dem (entmagnetisierten) Fernsehgerät.

Gerne sehe ich ja, manche erinnern sich, die Sendung „Wunderschön“ mit Reisejournalistin Tamina Kallert. Sonntagabends führt sie Zuschauer an interessante Ferienziele, macht allerlei wagemutige und manchmal auch gewagte (Sauna in Norwegen) Sachen, Paragliding, Turmspringen usw. und ist insgesamt so freundlich, begeisterungsfähig und interessiert, dass es mir beim Zusehen eine Freude ist. Ich bin sicher, die würde mir nicht sagen, dass ich und mein kaputtes Knie ihr nur ein Klotz am Bein seien. Im Gegenteil, sie wäre optimistisch und einladend: ach was, das machen wir schon, das kriegen wir hin, Knie hin oder her, wir machen eine tolle Reise und erleben gemeinsam was. Sollte sie mich mal einladen. Sie hat den Dreh auch selber raus: Denn jetzt am Sonntag war sie auf Zeeland und musste sich bei sportlichen Aktivitäten und Turmtreppensteigen zurückhalten, weil haltet euch fest wie sie an ihrer Orthese – sie hat wie ich ihr Knie verdreht!

Mir schossen die Tränen ein vor so viel unvermuteter Gemeinsamkeit. Ich bin nicht allein. Ich habe Compañeros, Menschen, die mich VERSTEHEN. Nimm mich mit, Tamina!, rufe ich. Und ich bin überzeugt, am Ende der Sendung zwinkerte sie mir heimlich zu.

>>> Geräusch des Tages: Die Braut haut ins Auge, Ist sie ein Magnet?


 


Montag, 9. März 2026


Betrachtung I

Manchmal denke ich, morgendlich erwacht: Was, wenn der Himmel Haare hätte wie eine ungekämmte Männerbrust?

Wie eine Tageslosung knete ich diesen Gedanken durch die folgenden Stunden, versuche, die Welt ganz neu zu denken, haariger, brustiger, suche Muster und Analogien und Beweise für einen Riss in der Realität, der solche Bilder überhaupt erst zulässt.

Romantisch an einem Gestade auf dem Rücken liegen, Sätze wie "Sieh die schönen Wolken am Himmel!" kommentieren mit "Ja, wie eine haarige Männerbrust" als unwillkommenen, mindergeschätzten Gesprächseinstieg aus Unterbrechungen und Zurückweisungen empörter Art.

Das ist natürlich nur eine Metapher für etwas Verhangenes, das noch mal anders formuliert sein will. In Wahrheit sind ganz andere Sachen passiert. Doch dazu mehr an einem anderen Tag.


 


Mittwoch, 14. Januar 2026


Wäschewechsel


Heute sagt man Dashboard, es ist aber ein Waschboard. Bedienfeld der Siemens Siwamat Plus 3733

22 Jahre haben wir gemeinsam verbracht. Meine längste Beziehung, das muss man sich mal vorstellen. Und die glücklichste wohl dazu. Zusammen zogen wir, beide nicht mehr ganz jung, aber doch voller Hoffnung und festem Blick in die Zukunft, in diese Wohnung hier. Zwei junge kräftige Männer wuchteten sie damals ganz außer Atem, aber doch munter, die vier Etagen hoch. 200,- Euro, ein paar freundliche Worte, dann stand sie da. 3733, solide gebaut, wie man so sagt. Nix dran, ein paar kleine Kratzer im Lack, die mit entsprechendem Stift schnell ausgebessert waren. Auch kein großer Schnickschnack, dafür Tasten, die sich gern auch etwas fester drücken lassen. Erfahren und kaum aus der Ruhe zu bringen.

Nur selten mal tanzte sie durch das Badezimmer. Oft legte ich dann meine starken Arme beruhigend um sie und hielt sie ganz fest. „Komm, wir schaffen das“ murmelte ich. „Wir stehen das gemeinsam durch“, bis sie sich gefangen hatte und mit einem letzten Schluchzergeräusch das Wasser abpumpte.

Anders als andere Menschen, also Helfer im Haushalt, meckerte sie auch nicht. Kein „Was hast du denn da gerade in mich reingestopft?“ oder „Ist das neu, was ist das denn für ein Mist?!“ Sie sezierte und sondierte nicht, war nicht „smart“ und wusste alles besser, sondern nahm klaglos alles an und stellte nichts und vor allem mich nicht in Frage. Herrlich! Einfach Programm auswählen, „Gardinen“ oder „Oberbekleidung“ etwa, Temperatur einstellen auf einer Skala von „da bleib ich kühl/kein Gefühl“ bis zu „Hot, hot, Baby“ (90°C habe ich allerdings nie benutzt, glaube ich).

Zwei Jahrzehnte ging das so. In guten, wie in schlechten Tagen. Ein einvernehmliches Glück. Sicher wurde auch mal schmutzige Wäsche gewaschen, das liegt in der Natur der Sache. Aber immer ein verlässliches Team, das sich Waschladung um Waschladung und gegenseitig respektierend eine gemeinsame Geschichte aufgebaut hatte. Doch am Ende, eines Tages, machte sie einfach still schlapp. Durchlief brav noch ihre Programme, die Trommel allerdings, ach, ach, bewegte sich kein Stück. Ich sprach zu ihr, fragte, ob ich sie verletzt hätte, tätschelte sie (durchaus auch etwas fester), kippte sie leicht nach vorne und wieder zurück, schraubte sie schließlich auf, um fachmännisch („Ham wir gleich“), aber ahnungslos, Keilriemen und weitere Lage zu testen. Vielleicht fehlte am Motor die Kohle, am Schluss geht es ja oft auch darum.

Erneut kamen zwei kräftige junge Männer, etwas arg außer Atem diesmal, wuchteten eine neue gebrauchte Maschine erst durch Eis und Schnee, dann hoch zu mir und betrachteten meine alte. „Da können Sie sich echt was drauf einbilden“, lobte der eine (ich wollte ihn gleich heiraten). Sie sei in einem ungewöhnlich gut gepflegtem Zustand. Ich streichelte sie noch mal (schon auch mit einem gewissen Stolz) und wollte sie gern auch ausführlicher und anekdotenreich erklären, ist ja sicher für so Leute auch kein alltägliches Modell, aber man unterband mich rasch mit „Wir nehmen die jetzt mal raus“. Und obgleich ich mich innerlich auf sie werfen und Protest! rufen wollte, Nein! Nein! Nein! schluchzen vielleicht, trugen sie meine innig geliebte Maschine, was sage ich, meinen Schatz hinaus ins Treppenhaus. Vom Fenster aus sah ich die beiden Männer mit meiner Maschine durch den Schnee ziehen. „Bringt sie zurück!“ wollte ich rufen. „Es war doch Bestimmung mit uns zwei!“ Und sank erschöpft zurück.

Jetzt die neue hier ist empfindlich. Merkt man gleich. In der aus dem Internet heruntergeladenen Anleitung gleich die Warnung: „Die Maschine hat Sensortasten. Sie brauchen nicht drücken“. Wobei das wohl heißen soll: Bloß nicht drücken, dann weint sie! Gefühlig also. Dann piepst sie auch. Wenn man eine Sensortaste sacht streichelt, vor allem aber, wenn sie fertig ist mit ihrer Arbeit. Sie piepst dann drei Mal, wie ein kleines Kind, das ruft, „Hab fertig gemacht!“ Wie ein kleines Kind auch will sie nicht ignoriert werden. Denkt man im Stillen, „Prima, gut gemacht, Wäsche hol’ ich nachher raus“, geht es zwanzig Sekunden später von neuem los. Piep, Piep, Piep. So lange, bis man entnervt, aber natürlich äußerlich gefasst und bloß nicht fest drückend, den Ausknopf betätigt. Mit Hilfe der Anleitung, drei gleichzeitig berührten („Berühren und gedrückt halten“ – auf einmal also doch!) Tasten und zwei Versuchen konnte ich die Sensorlautstärke reduzieren und die eigenlobende Abschlusskundgebung bei ihr ganz abstellen.

Alles andere muss man ihr leider zwei Mal sagen. Bei ihrer Vorgängerin stellte ich die Schleuderzahl EINMAL ein – und dann blieb das auch so. Eine kräftige, mechanische Taste war das. Die neue tut blöd und hat beim Neustart alles vergessen. JEDESMAL muss man ihr wieder neu erklären, wie schnell die Trommel drehen soll. Da rolle selbst ich – der geduldigste Mensch zwischen Waschpulver und Aquastopschlauch – mit den Augen. Gutes Personal gibt es eben nicht mehr so einfach, Fachkräftemangel auch in meiner Waschküche.

Die Vorbesitzer hatten zudem einen Spleen mit Weichspüler. Im Bad hat sich ein süßlich-seifiger Geruch breit gemacht. Edgar Allan Poe schrieb darüber schon ein metaphernverwrungenes - „a saintly soul floats on the Stygian river“ – aber gut zu entschlüsselndes Gedicht, „Lenore“. Eine Zeitlang muss wohl auch meine „saintly“ Wäsche“ noch durch den „Stygian river“ alter Weichspülerreste dümpeln, ehe Zeit und verdünntes Essigwasser sie von „grief and groan“ befreien.

Ein neues Jahr, ein neuer Anfang. Hauptsache dicht, sagt man in Klempnerkreisen. Immer weiterwaschen, sage ich. Mir bleibt sonst nichts.


 


Mittwoch, 7. Januar 2026


Jahreswechsel



Zum Jahreswechsel hat sich Hamburg ein Winterkleid gegönnt. So viel Schnee wie seit Jahren nicht mehr, alles ruhig, nur noch wenige Autos fahren hinter meinem Haus. Der restliche Lärm wird gänzlich vom kalten, weißen Pulver aufgesaugt. Man sollte Schnee sammeln und als Trittschalldämmung in Fußböden verlegen, es gibt kaum etwas besseres. Solche völlig natürlichen Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich im neuen Jahr morgens an der Wasserpumpe im Hof stand und meinen bis auf die Unterhose entblößten Körper mit Schnee einrieb.

Jetzt aber vier lange Treppen höher langsam die karge Weihnachtsdeko zusammenräumen. Dieses Jahr habe ich es erstmals baumlos versucht, auch sonstige Schmückung weitgehend („weitgehendst“) vermieden. Ab und zu vielleicht leise gezischelt, wie eine Adventskerze, die im eigenen Wachs erlischt. Mich dafür an vielen Weihnachtskarten erfreut, versendete Grüße und dann natürlich ganz besonders an dem tollen Adventskalender, den ich dieses Jahr hatte. Für jeden Tag eine Karte mit einer schönen Zeichnung aus der Welt der Mumins, begleitet jeweils von einem Zitat aus den Büchern. Am 24. (Spoiler!) steht dann auf einmal ein großer Baum im Garten, mit vielen schönen Sachen geschmückt. Freue mich schon aufs nächste Mal, denn der Kalender ist, anders als viele menschlichen Beziehungen zum Beispiel, wiederverwendbar.



Jahresende heißt auch Vorbeischauen zur gut besuchten Eröffnung bei Feinkunst Krüger, immer noch wohl Hamburgs wichtigster Galerie fürs Besondere, das jährliche Klassentreffen internationaler Popsurrealisten steht an. Diesmal mit einem Jubiläum: „Don’t Wake Daddy“ zeigte sich in der 20. Ausgabe, kaum eine Beziehung oder Waschmaschine hält so lange, ein Meilenstein also für Kunstbetrachter und Liebhaber. Zu sehen gab es erneut eine illustre Auswahl Künstler und Künstlerinnen, darunter moki, Fred Stonehouse, Ryan Heshka, ATAK, Brad Woodfin, Elmar Lause, Femke Hiemstra, Heiko Müller, der die Ausstellung wie immer auch mitkuratiert hat, Marc Burckhardt, Paul Chatem, Skot Olsen und viele mehr.

Eine Wanderung durchs Traumland: Hier sanfter Schwung, dort knisterndes Aufeinandertreffen, mythische Wesen und schräge Vögel, kurze Verzerrung, humorvolle Verwirrung, gedankliche Vernebelung. Eine Reise für den, der sonst keine macht. Im Untergeschoss zeigte Galerist Ralf Krüger sozusagen als Bonbon zudem eine Einzelausstellung mit Werken von Gregory Hergert.

Jetzt also reinschleichen ins neue Jahr, keinen Lärm machen, nicht schliddern hoffentlich, gestreute Wege suchen. Aber immer weitergehen.


 


Donnerstag, 25. Dezember 2025


Merz/Bow #83


Das Kupferphon, ein dem Waldhorn entfernt verwandtes
Blasinstrument (Skulptur. Kupfer, Messing. 1000,- Mark)


Besinnlicher Spaziergang am Weihnachtstag. Still und starr ruht der Lidl-Parkplatz. Die Kälte zwackt in die Ohren und tief hinein in die Fächer der Packstation. Der Drucker fürs Versandetikett summt sein eigenes Weihnachtslied. Beim Gang um den Block fällt auf, dass viele Menschen offenbar neue Sessel geschenkt bekommen haben. Überall stehen die nunmehr aussortierten am Straßenrand, groteske Muster auf den Bezügen, Nadelstiche ins Auge ästhetisch Sensibler.

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Werkzeug fliegt in Koffern durcheinander/
Ein Handwerker setzt fluchend ab und seufzt oh, oh.

(Gelegenheitsgedicht aus meinem Lyrikdebütband Liebe in Worst Performing Buildings.)

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Zu Weihnachten bekam ich von den freundlichen Installateuren, dir mir – Halleluja! – noch vor Heiligabend den Durchlauferhitzer im Bad austauschten, ein wunderbares Musikinstrument geschenkt. Das Kupferphon wird meine kleine Sammlung an Avantgarde-Instrumenten erweitern. Derzeit komponiere ich unter der warmen Dusche eine Étude dafür, in der Hoffnung, vielleicht eines Tages im Wechsel mit dem berühmten Turmbläser vom Michel den Hamburgern darauf vorspielen zu können. Man muss Träume haben.

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Sonst haben eben die Objekte ihre Träume. When Objects Dream heißt die Ausstellung mit Arbeiten von Man Ray, die derzeit im Metropolitan Museum of Art in New York City (das ist eine große Stadt in den USA) zu sehen ist. Mit Glück wandert die von der MET auch nach Europa („über den Teich“), dann kann man auch gefahrlos mitträumen.

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Träume sind auch der Stoff für obskure Musikprojekte in einer Weihnachtshöhle, wie sie David Lynch 2002 fürs französische Fernsehen demonstrierte. Irgendetwas Geheimnisvolles, Unerklärliches, vielleicht etwas mit Musik auf einem Kupferphon. Etwas schwitzend Gearbeitetes.

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Frohe Weihnachten allen. Es muss weitergehen.

>>> Geräusch des Tages: Schrank/Simons/Benjamin, Internet des Waldes

MerzBow | von kid37 um 18:20h | 23 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 25. November 2025


Somnambulismus



Punkrock ist natürlich auch, wenn hinter einem die Bruchbuden zusammenfallen (Fenster, Wasserleitungen, Waschmaschinen, ganze Länder, dies, das, "die Hütte") und man sich mit emotionslosem Gesicht an die Wand klebt (unisoliert). So irgendwo ähnlich bei Acht Eimer Hühnerherzen zu hören. Schrammelmusik für angeschrammte Personen. Abends dann Thunfischbrot mit Gürkchen.

Das ganze schlaflose Jahr die Spannung halten und am Ende noch mal anknüpfen, von vorne denken ins Futur Zwei einer leisen Hoffnung, eines rostigen Widerstands, einer bereits gelebten Utopie. Die Niederlagen ins Poesiealbum kleben, die guten Momente ungelenk mit einer Sonnenblume ummalen, alles für später. Sich wie im Kindergarten ein Haus rauskratzen aus buntbemaltem und mit schwarzem Wachsmalstift kaschiertem Papier. Kritz und kratz. Nur immer schön auf die Linien dabei achten. Jetzt bloß nicht wild werden, keine Wunderwunschgedanken hegen, sondern mit vorsichtig vorgeschobener Zunge konzentriert aus dem Nichts heraus arbeiten.

„Wir konstruieren einfach“, wie es im Video heißt. Sortieren Katastrophen in alte Kartons für den Keller, kehren ein Jahr aus oder die staubbelegte Stube, geben der Zimmerpflanze eine allerletzte Chance, vertrippste Scheiße, führen vielleicht ein Festnetztelefonat. Hören das Lied noch mal von vorne, vernageln die Türen, fassen trotzig einen guten Vorsatz, packen kleine Koffer. Singen ein Lied mit lakonischen Reimen unter der Dusche, jedenfalls dann, wenn der Durchlauferhitzer geht.

Was du brauchst, ist ein guter Mantel. Eine warme Mütze. Zwei, drei zerlesene Bücher. Irgendwo ein Taschentuch und einen Kaugummi. Los geht's.

>>> Geräusch des Tages: Acht Eimer Hühnerherzen, Somnambulismus


 


Freitag, 14. November 2025


Mit feiner Klinge


Line Hovens kratzige Katzen wollen adoptiert werden.

Letzte Woche war ich im Sexshop. Geradeheraus aus dem „Belly of the Beast“ weiter in einen anderen Untergrund – dem Unterleib St. Paulis und der Boutique Bizarre. Dort in der Galerie in Europas größtem Erotikfachgeschäft stellt derzeit die wunderbare Line Hoven einen schönen Querschnitt ihrer ebenfalls wunderbaren und oft skurrilen Grafiken aus. Einige erinnern vielleicht noch ihre Reihe „Dudenbrooks“ mit Jochen Schmidt, die einst in der FAZ erschien und auch als Buch erhältlich ist. Die Meisterin des Schabkartons arbeitet mit allerlei spitzen Instrumenten und scharfen Klingen ihre Bilder aus schwarz beschichtetem Karton heraus, wir denken an Holzschnitte, nur anders, und das alles filigran und geduldig und im Ergebnis entsprechend pointiert und scharfsinnig und höchst verblüffend, wie ein Blick auf ihre Website offenbart. Eine schwarze Kunst an den schwarzen Wänden der Boutique, dabei nicht düster, sondern mit feinem Witz.

Zwei, drei Menschen wissen, dass ich – nicht allzu rigoros, aber doch beständig – insbesondere eine Serie von ihr sammle, bei der sie luftig bekleidete Damen in ihren Salons und Boudoirs Anfang des letzten Jahrhunderts zeigt. Bei der Hausarbeit vielleicht oder dem entspannten Päuschen danach, also nach der Hausarbeit. Immer dabei aber: Katzen. Verspielte, verschmuste, argwöhnische, oft verstörend interessiert, also neugierig. Und um Katzen geht es in der Serie eigentlich, sind die Grafiken doch allesamt Anzeigen einer – wenn auch imaginären - Katzenvermittlung, wie man aus herrlich lakonischen Texten erfahren konnte, die den Bildern einst in einer Ausgabe des ganz großartigen Magazins Spring zugeordnet waren.

Also steht man da mit Ah! und Oh! im Sexshop, unterhält sich angeregt mit Künstlerin und Leuten vom Laden, beschaut die Siebdrucke an den Wänden von Weitem, von Nahem und von schräg, trifft tatsächlich auch noch – ach, du auch hier! - unerwartet Bekannte unter den Besuchern, was ja ein weiterer Anekdotenklassiker solcher Lokalitäten ist. (Die andere war, Wie ich einmal fast in einem Sexshop einschlief.) Ein munterer Abend also, und das Schöne ist: Die Ausstellung läuft noch länger, und die Drucke kann man vor Ort kaufen.

Line Hoven in der Boutique Bizarre. Reeperbahn, Hamburg. (Ich glaube, noch bis in den Dezember 2025.)


>>> Geräusch des Tages: Mola, Keine Zeit