
Dienstag, 14. Juli 2026

Nun begab es sich, dass ich am Ufer des Kanals einen großen Fisch fand, der – von den böse brennenden Strahlen der Sonne bereits arg zugerichtet und völlig zerschuppt – nach Luft schnappte und seine Kiemen bleckte, Zunge noch dazu. Ich packte den trockenen Burschen und hob ihn vorsichtig zurück ins Wasser, wo er erstmal einen tiefen Tauchgang nahm, um sein Fischleder an allen, auch den empfindlichen, Stellen zu glätten und alle Flossen zu strecken.
Alsbald tauchte er wieder auf und sprach zu mir, der ich am Ufer mit hoffnungsvoller Sorge wartete, ob die Rettung auch erfolgreich sein würde. Da sprach der Fisch zu mir und sagte, sein Name sei Tim und er sei in Wahrheit ein verzauberter Prinz, der mir einen Wunsch erfüllen könne. Ich überlegte und wollte fast schon sagen, ach, dafür nich, wie man das hier im Norden tut. Dann fiel mir das geflügelte Wort ein vom „den Butt beim Schopfe packen“ und kam zum Schluss, dass doch auch ich im Leben endlich mal Glück haben müsse. So wünschte ich mir einen Fisch, der ein ewig perlensprudelnder Brunnen sein sollte. Denn fehlt mir doch in meiner Küche ein Wasserspender, der mir milde mit Kohlensäure versetztes Wasser liefern würde und dabei zugleich ein gewisses interessantes und ungewöhnliches Design zum Darübersprechen hätte, sollte ich mal Besuch bekommen. Vielleicht eine Frau, der es nach Wasser dürstete und dann in meiner Küche stünde und sprechen würde: „Wie ungewöhnlich - ein Fischbrunnen! Das ist amüsant.“ Was natürlich auch mir als Besitzer eines solchen amüsanten Gegenstandes einen gewissen angenehmen Glanz verleihen würde, so wie ein frisch ins Wasser zurückgesprungener Fisch, um im Bild zu bleiben.
Das sei ein banniger Wunsch, japste der Fisch. Aber ich solle mal nach Hause gehen und schauen, was da nun auf mich warten würde. „Tränen des Glücks!“, murmelte er. „Tränen des Glücks!“ Dann spuckte er einen Strahl Wasser aus seinem Maul und flukte zuletzt mit einem eleganten Schwung von dannen. Sehr denkwürdig, dachte ich bei mir und drehte mich nur wenig weniger elegant zur Straße und eilte nach Hause.
Wie groß aber war meine Überraschung, als ich die Stube meiner kleinen windschiefen Behausung betrat. Ein großer ausgestopfter Fischkopf glotzte mich an mit stummen Blick. Aus seinem Maule aber tropften unablässig Perlen herab wie an einer Schnur aufgereiht. Oh, dachte ich. Was mache ich nun? Ein Perlenbrunnen ist es fürwahr, aber was, wenn einer Besucherin nach Sprudelwasser dürstete? Verächtlich würde sich mich anschauen und rufen „Das hat heute jeder, warum du nicht?!“ Und wenn ich ihr die Geschichte vom Fisch erzählte, würde sie vielleicht rufen, was ich doch für ein dummer Junge sei. Ich hätte mir doch eine lebenslange kostenlose Lieferung von Wasser aus der Bismarckquelle wünschen können! Und ob ich den Fisch nicht noch mal rufen könne.
Ich würde vielleicht „Manntje, Mantje Timmy Te“ verzagt am Ufer rufen, aber dann sehen, wie am Himmel langsam Sturm aufzieht.

Donnerstag, 25. Juni 2026
Eine kleine Homestory bei Michaël Borremans
Als ich jünger war - da ward ihr noch gar nicht wach – dachte ich, ich würde später mal abgeschieden in der Landschaft leben in einem Haus, bei dem man nicht wüsste, ob es vor oder nach mir zusammenfällt. Dort würde ich morgens, sagen wir vormittags, nach dem ersten Kaffee durch die Räume wandern, hier an einem Bild malen, dort an einem anderen, ein Buch lesen, entspannt gelaunt im Garten auf der Wiese liegen oder bei innerem Regen ein wenig verstimmt auf einem alten Klavier klimpern (wurde früher von angeblich verstimmten Klavieren weggejagt – dabei war es mein Spiel, das so klang). Solche Sachen.
Dazu hätte ich aber nach Belgien ziehen müssen und nicht ins fast schon quirlige Hamburg. Wie Michaël Borremans, dessen Bilder ich sehr mag. Der lebt in der Nähe von Ghent mit Hund und zerbeultem Jaguar (Auto), denn das braucht man da. Eine alte Gitarre, ein Plattenspieler, eine möglicherweise sehr gute Espressomaschine, gerne hätte ich seine Bibliothek gesehen. Apropos: Von Borremans gibt es derzeit leider keine erschwingliche Publikation und Werkschau, der Kunstbuchmarkt knüllt sich zusammen, die Jüngeren interessiert das nicht, und die älteren Sammler sterben weg. Jedenfalls wirkt diese provinzielle Einöde als verlockender locus amoenus für geplagte Städter, die neben dem eigenen vor allem den Lärm anderer Leute ertragen müssen. (So schon der Titel meines Debütromans Den Lärm anderer hören.) Alles toll, solange man nicht zum Arzt muss oder zur Packstation oder erstmal zu Penny.
Jedenfalls hat Michaël Borremans nicht nur ein Auto für all so was, sondern ein Werk von ganz unaufgeregt verspinsterten Bildern (hier zum Beispiel bei Zwirner), die neben Ruhe auch eine gewisse Unheimlichkeit ausstrahlen, gerade so, dass man denkt, da liegt nicht nur ein Apfel im Raum, sondern da ist gerade eine Geschichte passiert. Das liegt auch an den Fehlstellen. Personen sind in merkwürdige Kleidung gehüllt, aber herausgenommen aus jeglichem Kontext, sind mit irgendetwas beschäftigt oder wiederum bloß Teil einer Inszenierung. Der Schnappschuss einer Erzählung, wie das leere Fach im Kühlregal, wo das Eis stehen sollte, das man kaufen wollte.
Auch ein Schock, der sich am besten in Ruhe auf dem Land bewältigen lässt.

Freitag, 19. Juni 2026

Entwurf für ein Brautkleid im Blaublumenmuster (div. Stoffe, 1000,- Mark)
War ins Sprachlose gedrängt und musste ein wenig Pausieren. Versuchte in der Zeit aber fleißig und unermüdlich, ein neues Berufsfeld einzuschlagen und bewarb mich mit einer eigenen Linie als Modedesigner für einen bekannten deutschen Porzellanhersteller. Ein „Zwiebellook“ sozusagen, aber ironisch. Am Ende abgelehnt, aber das kennen ich und meine guten Ideen gut.
In meiner demnächst hingegen vielbeachteten wissenschaftlichen Arbeit Die Mauer muss weg: Analyse der „Durchreiche“ als kulturhistorisches Phänomen und architektonische Besonderheit im bundesrepublikanischen Eigenheim der 1970er-Jahre [Diss. Hamburg, 2027.] untersuche ich die eigenheimmodische Eigenheit der Summer-of-Wohlstandjahre in der BRD, als man die Wand zwischen Küche und Essraum wie in einem Landgasthof durchbrach, um Speisen ohne Umwege über die braungeflieste Diele vom Herd zum Tisch zu bringen. Wurde natürlich nur einmal benutzt, weil viel zu hampelig, und außerdem standen in der kleinen mit einem Fensterladen verschließbaren Nische bald Blumen (Usambaraveilchen) und anderer Nippes.
Nun hat ja alles eine Sprache und ein System und hier lag natürlich der kompensatorisch ausgeführte Wunsch vor, eine solche Durchreiche auch in der anderen großen Mauer, die Deutschland von Küche oder Essplatz trennte, rauszustemmen. Der kleine Durchbruch, wenn die Mauer schon nicht fällt, Willy Brandts Ostpolitik und beginnende Reiseerleichterungen spiegelten sich so am heimischen Käseigelbuffet.
Heute spiegeln Wohnungen ja nichts, weil die Visionen fehlen. Und so sind sie meist leer, skandinavisch karg bis auf irgendwas mit Stahlrohr, einem Bild, das mal ein Freund oder eine Freundin gemalt hat, und ein kleiner Korb aus Filz, in dem zwei Äpfel liegen und eine Fernbedienung. Außer man lebt wie ich in den Außenstellen vom Naturhistorischen Museum Wien und Harrys Hafenbasar und kann sich in der eigenen Wohnung jeden Tag aufs neue erstaunen lassen.
Generell reicht man oft auch nicht mehr durch. Der eine passt nicht ins akkurat und unnachgiebig geplante Programm, die andere nicht in den entspannten Sonnenuntergang. Im Alter wichtig: Auch mal alle 37 artifiziell erzeugten Ausstülpungen gerade sein lassen. Großzügigkeit, Toleranz und Achtsamkeit nicht nur Matcha gegenüber.
Die Hitze aber brüllt die Menschen an. Draußen auf der Straße wird man wie eine menschliche Cyanotypie – ein altes fotografisches Verfahren, bei dem Objekte durch Sonnenbestrahlung auf lichtempfindliches Papier belichtet werden - auf den Asphalt gebrannt. In den Dachkammern tropfen Schweiß und Kondensat von der Decke auf gelbgeränderte Zimmerpflanzen, Geckos huschen über die Wände, aus einem alten britzelnden Lautsprecher tropfen Dschungelklänge. Oder aber das letzte Album von Reiko Kudo, eine japanische LoFi-Indiemusikerin, die Anfang der 80er ihre Karriere begann. Rice Field Silently Ripening In The Night [Bandcamp] ist es ganz poetisch benannt, und ebenso leise, unprätentiös und nachtverloren kommt auch die Musik daher, Misstöne und Gestaltlosigkeit, einzelne Trompetentöne aus dem Nachbarzimmer inklusive. Hört sich am besten, wenn man leise schwitzend auf dem Rücken liegt und träge der Wanderung einer Fliege auf dem nackten Unterarm folgt, die ein kompliziertes Muster in die Härchen schlägt.
Ich baue mir jetzt ein Kopfkissen aus einem Stapel Kühlakkus, hülle mich in ein Fächerkleid und mache regelmäßig Trinkpause („hydration breaks“), dem mot de saison.
>>> Geräusch des Tages: Reiko Kudo, Lily

Dienstag, 24. März 2026

Als Kind hatte ich mal einen Magneten verschluckt, und das war zwar Physik, aber gleichzeitig eine unschöne Sache. Ich durfte nicht mehr in die Küche, weil dann die Besteckschublade aufsprang und mir Messer und Gabel und auch die kleinen Löffel, die man für den Nachtisch benutzt, entgegenflogen. Ich durfte zudem auch nicht Fernsehen, weil die Magnetwellen das Fernsehbild verzerrten, und zwar so, dass mein Vater Angst hatte, dass das Bild so bliebe (wie beim mutwilligen Schielen), bis man die Bildröhre wieder mit einer Spule entmagnetisiert habe. Einen Vorgang, den man nicht beliebig oft wiederholen konnte (austherapiert). Der hinzugezogene Arzt, ein älterer, unangenehmer Mann mit möglicherweise finsterer Vergangenheit, gesichert aber kühlhausempathischer Wesensart, meinte, nachdem er mir einen hölzernen Spatel tief in den Mund gerammt hatte (immerhin keinen aus Metall), „was reinkommt, kommt auch wieder raus“ (magisches System).
Und tatsächlich, der Magnet zerbrach wohl in viele kleinste Teile; so gingen wohl nach und nach und das auch völlig unbemerkt alle Partikel „ab“, wie man in Fachkreisen sagt, und glücklicherweise, man muss auch solche Details festhalten, hatten wir keine Toilettenschüssel aus Metall.
Magnetisch bin ich seither nur noch für eines: Pech aller Art. Erst passiert dies, und dann kommt auch noch das dazu. „Beim Versuch, sich mit dem Rücken an einer Wand abzufangen, rutschte die Person mutmaßlich unglücklich seitlich zu Boden, so dass in der Folge eine Verdrehung des rechten Knies“ eintrat (Polizeibericht). Seither bin ich beim Ballett (Timothée Ch. spitzt gerade die Ohren) nur noch als Kapitän Ahab besetzbar. An meinem Auftritt dabei muss ich allerdings noch arbeiten. Schmerz (Knie) und Schschsch (zusammengebissene Zähne) sind nun meine treuen Begleiter, ich würde sagen, wir sind per Du und vielleicht sogar Freunde. Glücklich, wer so etwas hat in diesen auch menschlich verhärteten Zeiten. Ich humple derweil pechverfolgt herum, verwünsche Wale und starken Seegang, verschiebe vage angedachte Termine in eine noch vagere Zukunft, kühle, salbe und lege das Bein hoch vor dem (entmagnetisierten) Fernsehgerät.
Gerne sehe ich ja, manche erinnern sich, die Sendung „Wunderschön“ mit Reisejournalistin Tamina Kallert. Sonntagabends führt sie Zuschauer an interessante Ferienziele, macht allerlei wagemutige und manchmal auch gewagte (Sauna in Norwegen) Sachen, Paragliding, Turmspringen usw. und ist insgesamt so freundlich, begeisterungsfähig und interessiert, dass es mir beim Zusehen eine Freude ist. Ich bin sicher, die würde mir nicht sagen, dass ich und mein kaputtes Knie ihr nur ein Klotz am Bein seien. Im Gegenteil, sie wäre optimistisch und einladend: ach was, das machen wir schon, das kriegen wir hin, Knie hin oder her, wir machen eine tolle Reise und erleben gemeinsam was. Sollte sie mich mal einladen. Sie hat den Dreh auch selber raus: Denn jetzt am Sonntag war sie auf Zeeland und musste sich bei sportlichen Aktivitäten und Turmtreppensteigen zurückhalten, weil haltet euch fest wie sie an ihrer Orthese – sie hat wie ich ihr Knie verdreht!
Mir schossen die Tränen ein vor so viel unvermuteter Gemeinsamkeit. Ich bin nicht allein. Ich habe Compañeros, Menschen, die mich VERSTEHEN. Nimm mich mit, Tamina!, rufe ich. Und ich bin überzeugt, am Ende der Sendung zwinkerte sie mir heimlich zu.
>>> Geräusch des Tages: Die Braut haut ins Auge, Ist sie ein Magnet?

Montag, 9. März 2026
Manchmal denke ich, morgendlich erwacht: Was, wenn der Himmel Haare hätte wie eine ungekämmte Männerbrust?
Wie eine Tageslosung knete ich diesen Gedanken durch die folgenden Stunden, versuche, die Welt ganz neu zu denken, haariger, brustiger, suche Muster und Analogien und Beweise für einen Riss in der Realität, der solche Bilder überhaupt erst zulässt.
Romantisch an einem Gestade auf dem Rücken liegen, Sätze wie "Sieh die schönen Wolken am Himmel!" kommentieren mit "Ja, wie eine haarige Männerbrust" als unwillkommenen, mindergeschätzten Gesprächseinstieg aus Unterbrechungen und Zurückweisungen empörter Art.
Das ist natürlich nur eine Metapher für etwas Verhangenes, das noch mal anders formuliert sein will. In Wahrheit sind ganz andere Sachen passiert. Doch dazu mehr an einem anderen Tag.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Heute sagt man Dashboard, es ist aber ein Waschboard. Bedienfeld der Siemens Siwamat Plus 3733
22 Jahre haben wir gemeinsam verbracht. Meine längste Beziehung, das muss man sich mal vorstellen. Und die glücklichste wohl dazu. Zusammen zogen wir, beide nicht mehr ganz jung, aber doch voller Hoffnung und festem Blick in die Zukunft, in diese Wohnung hier. Zwei junge kräftige Männer wuchteten sie damals ganz außer Atem, aber doch munter, die vier Etagen hoch. 200,- Euro, ein paar freundliche Worte, dann stand sie da. 3733, solide gebaut, wie man so sagt. Nix dran, ein paar kleine Kratzer im Lack, die mit entsprechendem Stift schnell ausgebessert waren. Auch kein großer Schnickschnack, dafür Tasten, die sich gern auch etwas fester drücken lassen. Erfahren und kaum aus der Ruhe zu bringen.
Nur selten mal tanzte sie durch das Badezimmer. Oft legte ich dann meine starken Arme beruhigend um sie und hielt sie ganz fest. „Komm, wir schaffen das“ murmelte ich. „Wir stehen das gemeinsam durch“, bis sie sich gefangen hatte und mit einem letzten Schluchzergeräusch das Wasser abpumpte.
Anders als andere Menschen, also Helfer im Haushalt, meckerte sie auch nicht. Kein „Was hast du denn da gerade in mich reingestopft?“ oder „Ist das neu, was ist das denn für ein Mist?!“ Sie sezierte und sondierte nicht, war nicht „smart“ und wusste alles besser, sondern nahm klaglos alles an und stellte nichts und vor allem mich nicht in Frage. Herrlich! Einfach Programm auswählen, „Gardinen“ oder „Oberbekleidung“ etwa, Temperatur einstellen auf einer Skala von „da bleib ich kühl/kein Gefühl“ bis zu „Hot, hot, Baby“ (90°C habe ich allerdings nie benutzt, glaube ich).
Zwei Jahrzehnte ging das so. In guten, wie in schlechten Tagen. Ein einvernehmliches Glück. Sicher wurde auch mal schmutzige Wäsche gewaschen, das liegt in der Natur der Sache. Aber immer ein verlässliches Team, das sich Waschladung um Waschladung und gegenseitig respektierend eine gemeinsame Geschichte aufgebaut hatte. Doch am Ende, eines Tages, machte sie einfach still schlapp. Durchlief brav noch ihre Programme, die Trommel allerdings, ach, ach, bewegte sich kein Stück. Ich sprach zu ihr, fragte, ob ich sie verletzt hätte, tätschelte sie (durchaus auch etwas fester), kippte sie leicht nach vorne und wieder zurück, schraubte sie schließlich auf, um fachmännisch („Ham wir gleich“), aber ahnungslos, Keilriemen und weitere Lage zu testen. Vielleicht fehlte am Motor die Kohle, am Schluss geht es ja oft auch darum.
Erneut kamen zwei kräftige junge Männer, etwas arg außer Atem diesmal, wuchteten eine neue gebrauchte Maschine erst durch Eis und Schnee, dann hoch zu mir und betrachteten meine alte. „Da können Sie sich echt was drauf einbilden“, lobte der eine (ich wollte ihn gleich heiraten). Sie sei in einem ungewöhnlich gut gepflegtem Zustand. Ich streichelte sie noch mal (schon auch mit einem gewissen Stolz) und wollte sie gern auch ausführlicher und anekdotenreich erklären, ist ja sicher für so Leute auch kein alltägliches Modell, aber man unterband mich rasch mit „Wir nehmen die jetzt mal raus“. Und obgleich ich mich innerlich auf sie werfen und Protest! rufen wollte, Nein! Nein! Nein! schluchzen vielleicht, trugen sie meine innig geliebte Maschine, was sage ich, meinen Schatz hinaus ins Treppenhaus. Vom Fenster aus sah ich die beiden Männer mit meiner Maschine durch den Schnee ziehen. „Bringt sie zurück!“ wollte ich rufen. „Es war doch Bestimmung mit uns zwei!“ Und sank erschöpft zurück.
Jetzt die neue hier ist empfindlich. Merkt man gleich. In der aus dem Internet heruntergeladenen Anleitung gleich die Warnung: „Die Maschine hat Sensortasten. Sie brauchen nicht drücken“. Wobei das wohl heißen soll: Bloß nicht drücken, dann weint sie! Gefühlig also. Dann piepst sie auch. Wenn man eine Sensortaste sacht streichelt, vor allem aber, wenn sie fertig ist mit ihrer Arbeit. Sie piepst dann drei Mal, wie ein kleines Kind, das ruft, „Hab fertig gemacht!“ Wie ein kleines Kind auch will sie nicht ignoriert werden. Denkt man im Stillen, „Prima, gut gemacht, Wäsche hol’ ich nachher raus“, geht es zwanzig Sekunden später von neuem los. Piep, Piep, Piep. So lange, bis man entnervt, aber natürlich äußerlich gefasst und bloß nicht fest drückend, den Ausknopf betätigt. Mit Hilfe der Anleitung, drei gleichzeitig berührten („Berühren und gedrückt halten“ – auf einmal also doch!) Tasten und zwei Versuchen konnte ich die Sensorlautstärke reduzieren und die eigenlobende Abschlusskundgebung bei ihr ganz abstellen.
Alles andere muss man ihr leider zwei Mal sagen. Bei ihrer Vorgängerin stellte ich die Schleuderzahl EINMAL ein – und dann blieb das auch so. Eine kräftige, mechanische Taste war das. Die neue tut blöd und hat beim Neustart alles vergessen. JEDESMAL muss man ihr wieder neu erklären, wie schnell die Trommel drehen soll. Da rolle selbst ich – der geduldigste Mensch zwischen Waschpulver und Aquastopschlauch – mit den Augen. Gutes Personal gibt es eben nicht mehr so einfach, Fachkräftemangel auch in meiner Waschküche.
Die Vorbesitzer hatten zudem einen Spleen mit Weichspüler. Im Bad hat sich ein süßlich-seifiger Geruch breit gemacht. Edgar Allan Poe schrieb darüber schon ein metaphernverwrungenes - „a saintly soul floats on the Stygian river“ – aber gut zu entschlüsselndes Gedicht, „Lenore“. Eine Zeitlang muss wohl auch meine „saintly“ Wäsche“ noch durch den „Stygian river“ alter Weichspülerreste dümpeln, ehe Zeit und verdünntes Essigwasser sie von „grief and groan“ befreien.
Ein neues Jahr, ein neuer Anfang. Hauptsache dicht, sagt man in Klempnerkreisen. Immer weiterwaschen, sage ich. Mir bleibt sonst nichts.

Mittwoch, 7. Januar 2026

Zum Jahreswechsel hat sich Hamburg ein Winterkleid gegönnt. So viel Schnee wie seit Jahren nicht mehr, alles ruhig, nur noch wenige Autos fahren hinter meinem Haus. Der restliche Lärm wird gänzlich vom kalten, weißen Pulver aufgesaugt. Man sollte Schnee sammeln und als Trittschalldämmung in Fußböden verlegen, es gibt kaum etwas besseres. Solche völlig natürlichen Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich im neuen Jahr morgens an der Wasserpumpe im Hof stand und meinen bis auf die Unterhose entblößten Körper mit Schnee einrieb.
Jetzt aber vier lange Treppen höher langsam die karge Weihnachtsdeko zusammenräumen. Dieses Jahr habe ich es erstmals baumlos versucht, auch sonstige Schmückung weitgehend („weitgehendst“) vermieden. Ab und zu vielleicht leise gezischelt, wie eine Adventskerze, die im eigenen Wachs erlischt. Mich dafür an vielen Weihnachtskarten erfreut, versendete Grüße und dann natürlich ganz besonders an dem tollen Adventskalender, den ich dieses Jahr hatte. Für jeden Tag eine Karte mit einer schönen Zeichnung aus der Welt der Mumins, begleitet jeweils von einem Zitat aus den Büchern. Am 24. (Spoiler!) steht dann auf einmal ein großer Baum im Garten, mit vielen schönen Sachen geschmückt. Freue mich schon aufs nächste Mal, denn der Kalender ist, anders als viele menschlichen Beziehungen zum Beispiel, wiederverwendbar.

Jahresende heißt auch Vorbeischauen zur gut besuchten Eröffnung bei Feinkunst Krüger, immer noch wohl Hamburgs wichtigster Galerie fürs Besondere, das jährliche Klassentreffen internationaler Popsurrealisten steht an. Diesmal mit einem Jubiläum: „Don’t Wake Daddy“ zeigte sich in der 20. Ausgabe, kaum eine Beziehung oder Waschmaschine hält so lange, ein Meilenstein also für Kunstbetrachter und Liebhaber. Zu sehen gab es erneut eine illustre Auswahl Künstler und Künstlerinnen, darunter moki, Fred Stonehouse, Ryan Heshka, ATAK, Brad Woodfin, Elmar Lause, Femke Hiemstra, Heiko Müller, der die Ausstellung wie immer auch mitkuratiert hat, Marc Burckhardt, Paul Chatem, Skot Olsen und viele mehr.
Eine Wanderung durchs Traumland: Hier sanfter Schwung, dort knisterndes Aufeinandertreffen, mythische Wesen und schräge Vögel, kurze Verzerrung, humorvolle Verwirrung, gedankliche Vernebelung. Eine Reise für den, der sonst keine macht. Im Untergeschoss zeigte Galerist Ralf Krüger sozusagen als Bonbon zudem eine Einzelausstellung mit Werken von Gregory Hergert.
Jetzt also reinschleichen ins neue Jahr, keinen Lärm machen, nicht schliddern hoffentlich, gestreute Wege suchen. Aber immer weitergehen.
