Eine sachliche Romanze

Man muß sich das mal vorstellen. Da wird ein Konvolut aus einer Haushaltsauflösung versteigert, eine Aktentasche kommt mit unter den Hammer. Darin findet sich erstaunliches. Dokumente aus einer Zeit, als in der Bundesrepublik die Frisuren und Träume höher wuchsen, die Autos größer, aber auch schicker wurden und die Vorstellung vom "Wohlstand für alle" plötzlich erreichbar schien. Die Bonner Republik blühte auf, die Provinz träumte von Teilhabe (heute von DSL), und wer nicht doof war oder verklemmt, nahm sich einfach ein Stück Bienenstich. Notfalls von fremden Tellern.

Die Aktentasche gehörte Günter, Geschäftsmann mit Lebensart zwischen Piccolo und klaren Zielen. In ihr verwahrte er hunderte Dokumente aus seiner Zeit mit Margret: seine junge Sekretärin, Bienenkorbfrisur, Minirock, erst keck, später gelangweilt. Anderthalb Jahre hatten die beiden eine heimliche Affäre, beide waren verheiratet, und irgendwann bemerkte Margrets Schwiegermutter zu ihrem Sohn Lothar: "Die Margret ist aber oft mit dem Günter zusammen." Das waren sie in der Tat. Gemeinsam fuhr man im dicken Auto über die Lande, ins Casino nach Wiesbaden, kehrte in Landgasthöfen ein, traf sich in einer kleinen Wohnung, die Günter offenbar für Überstunden aller Art unterhielt.

Er schenkte Margret Blusen und Kleider und fertigte akribisch und besessen Dutzende Fotos an, Porträts, intime Einblicke, pornografische Posen. Er sammelte Haare, Schamhaare, Pillenpackungen, Fetische und Trophäen, dazu Quittungen von Lokalen und Hotels und andere Erinnerungsstücke. Archiviert wurden die mit buchhalterischer Akribie, aufgeklebt auf Karton, in Berichtsbögen mit Datum und Ort versehen. Auch über ihre Aktivitäten wurde in präziser Sprache Bericht geführt. 17.45 Uhr aufs Zimmer, lauteten etwa die mit Schreibmaschine verfaßten Protokolle. Zwei Mal gesteckt. Bis 18.15 Uhr.

Wo und wie und wie oft man sich berührte, ob in der "normalen" Position oder in "Speziallage", ob Margret ihre Tage hatte oder nicht, die Pille nahm oder wie es gegen Ende geschah, eine Abtreibung unternahm ("500 Mark") - alles wurde bürokratisch festgehalten: Beide Busen nacht[s] angefasst mit Warzen.. Danach gab es die große, weite Welt: einen Sekt und eine Zigarette, die Heiterkeit.

Diese gruselig-unpersönliche Mensch-Verwaltung entlarvt den pedantischen Gefühlsbürokraten, der seine Devotionalen als Trophäen archiviert, ohne Zärtlichkeit in den Begleittexten. Sachlich, faktisch, es fehlen nur noch Stempel und notarielle Beglaubigungen. Unangenehm im Privaten, ist das Ganze doch ein faszinierender Bericht über bundesrepublikanische Verhältnisse. Die junge Gier nach dem "Besseren", nach Flucht und plüschigem Kunstpelzglamour einerseits, die (k)alten Strukturen von Überwachung und Kontrolle auf der anderen Seite. Etwas mehr Welt wagen, aber nur im Geheimen. Vielleicht haben die in Wahrheit aber auch viel gelacht.

Hier sind ein paar Seiten abgebildet.

Nicole Delmes, Susanne Zander [Hrsg.]. Margret: Chronik einer Affäre. Mai 1969 – Dezember 1970. Köln: Verlag Walther König, 2012.

Ex Libris | 11:09h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
kristof - Freitag, 15. März 2013, 13:07
Ist das jetzt "nur" ein Katalog zu einer Ausstellung oder auch ein richtiges Buch? Klingt spannend ...

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kid37 - Freitag, 15. März 2013, 13:32
Das ist der Katalog zur Ausstellung und enthält - so weit ich das sehe - den kompletten Satz Fotos, dazu Faksimiles der "Berichte" und gesammelten Fundstücke. Erweitert um einführende Essays und einer Rekonstruktion der Chronologie dieser Affäre. Ziemlich gut aufgemacht und eine faszinierende Lektüre irgendwo zwischen Bildband und Aufarbeitung. Der Link oben zeigt ein paar Scans.

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clara_ - Freitag, 15. März 2013, 14:29
Kaum zu glauben
Ist das "echt" oder hervorragende Kunst?
Und gibt es wenigstens ein einziges Foto von Günter, dem buchhalterischen Liebhaber?

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kid37 - Freitag, 15. März 2013, 15:20
Auch "Günter" ist ein, zweimal beim Fotografieren im Spiegel zu sehen. Er trägt ein Pyjamaoberteil. Mehr aber auch nicht.

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schneck - Freitag, 15. März 2013, 17:41
Vorhin bestellt, morgen ists da. In der Buchhandlung fragte man mich, woher ich denn vom Buch erfahren habe. "Na, Kid37 natürlich!" meine Antwort, daraufhin ein Raunen im Saal. Danke für den Tip, klingt sauspannend.

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kid37 - Freitag, 15. März 2013, 20:49
Spannend ist das wirklich. Man ertappt sich mitunter, vor Schreck die Hand vor den Mund zu halten, weil man nicht weiß, ob man lachen darf oder soll. Reine Übersprungshandlung. So gruselig das in Details ist, so komisch ist es eben auch.

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carodame - Freitag, 15. März 2013, 21:25
Retrovoyerismus. Da bekommt man wieder rote Ohren. Günter nur mit Schlafanzugjacke. Huh. Schwellkörperromantik pur.

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maphisti - Freitag, 15. März 2013, 22:21
.... irgendwie so niedlich ... irgendwo so unschuldig ... irgendwo so menschlich ... so verklungen ...

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kid37 - Samstag, 16. März 2013, 00:10
Schwellkörperromantik? Nun ja. Ich formuliere es mal so: Es war sicher recht kalt in dem Hotelzimmer. Dafür konnte er ausweislich seiner eigenen Berichte zweimal kurz hintereinander. "Stecken", wie es bei ihm heißt.

@Maphisti: Es ist ganz interessantzu beobachten, wie sich Margrets Gesichtsausdruck im Laufe der Monate wandelt. Anfänglich noch sehr neugierig und offen, später dann in sich gekehrt.

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nnier - Samstag, 16. März 2013, 00:22
Das alles ist sehr beeindruckend. Dieses Karteikartenwesen, das akribische Notieren, Kontrollversuch, Lustbürokratie. Dann wieder: Der Wunsch, etwas Flüchtiges festzuhalten, das einem viel bedeutet, und wenn es die eigene Bedürfnisbefriedigung ist. Abheften und stempeln. Mit der Schreibmaschine auf Pappe sieht das ganz weit weg aus. Vielleicht sind die ganzen Handykameras im Konzert und Facebookupdates davon gar nicht so verschieden.

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kreuzbube - Samstag, 16. März 2013, 09:17
Ist mir neulich irgendwo im Radio begegnet. Zuerst dachte ich, "interessant", und dann recht bald, dass ich mir das doch lieber nicht anschauen möchte. Zu viel Muff und Mief, vermute ich.

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 11:48
Gerade das emfpinde ich als die Stärke dieses Funds. Sonst liest und hört man ja nur von den 68er-Glamour-Zeiten. Aufbruch, Kommune, Obermayer, RAF. Alle haben vor Springer demonstriert, standen im Minirock auf den Barrikaden und knutschten zu den Rolling Stones. Günter hörte am liebsten "Du" von Peter Maffay. Der war die Gegenkultur zur Gegenkultur, bürgerliche Kleingröße. Rheinland statt Berlin.

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novesia - Samstag, 16. März 2013, 11:58
Muss ich mir anschauen. Bin gespannt, ob ich es dann eher abstoßend oder faszinierend finden werde. Toller Tipp mal wieder.

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maphisti - Samstag, 16. März 2013, 14:56
.. eben das ewig Mystische ( = Animalische?) im Menschen ..

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 11:41
Also "schön" ist es nicht immer. Günter nimmt kein Blatt vor den Mund. Andererseits ist genau das auch ein Glücksfall. Ein Einblick in das Leben anderer "68er" (Margret war damals 24, Günter 39).

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montez - Samstag, 16. März 2013, 16:27
Oh ja, ein reizvoller Grusel. Toll. Wird beschafft.

Zu irgendeinem Geburtstag habe ich mal ein gefundenes Fotoalbum geschenkt bekommen, das genau diese Epoche dokumentiert. Aber ohne Sex. Dafür mit eingeklebten Eintrittskarten, Essensrechnungen, Prospekte und dergleichen. Reisen in den Harz und so. Bei jedem Umzug denke ich, jetzt werf ich's weg. Dann nehme ich es doch mit.

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maphisti - Samstag, 16. März 2013, 23:13
Und wer schreibt nun ebenso pedantisch - aber irgendwie anders - das Pendant ( made im 21. Jahrhundert) dazu? Aber eventuell würde dann solch ein ähnlicher Katalog ( wenn es ihn dann überhaupt gäbe) auch zum Ladenhüter? ... oder er wäre der Seller, weil sich bald keiner mehr traut, allzu Privates zu dokumentieren ...

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 11:38
Blogger. Das wird dann im Museum gezeigt. ich glaube, das wird immer interessant sein, weil der Mensch halt gern seinen Mitmenschen beobachtet und sich vergleichen will.

Ich besitze ebenfalls ein paar solcher Fotoalben, Frau Montez. Zum Teil vom Sperrmüll, zum Teil vom Flohmarkt von irgendwelchen Wohnungsentrümplern erstanden. Ich habe mal eine kleine Tüte Fotos vom Müll gerettet, da standen aber gefüllte blaue Säcke voll davon. Eine ganze Familiendynastie von 19.00 bis in die 60er Jahre. Faszinierend, wie man anfängt, darum Geschichten zu bauen, selbst wenn man die Leute gar nicht kennt.

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ana - Sonntag, 17. März 2013, 17:32
Toll, wie in einem solchen Bilderbogen nebenbei das Zeitkolorit durchschimmert. Beispielsweise der Strauß aus roten und weißen Nelken, damals so beliebt wie Rosen als Geschenk. Mich würden zudem die alten Speisekarten der Landgasthöfe interessieren, durchzogen vielleicht mit einstigen Protzgerichten wie Königinnenpastetchen oder Krabbencocktail. Und welche Zigarettenmarke wurde geraucht?

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 11:32
Der Höhepunkt war "MM"-Sekt zum grünen Wildlederkostüm. Margret kochte manchmal in der kleinen Wohnung, bodenständig Rind und Suppen. Zum Abschluß wahrscheinlich "Schlehenfeuer", aber das ist jetzt meine Vermutung. (Gab es das damals schon?)

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ana - Montag, 18. März 2013, 12:54
Oder, was es zu der Zeit sicher gab, 1969, "Nur Küsse schmecken besser", Eckes Edelkirsch. Zum Sekt mit dem "gewissen Extra" wurde vielleicht an einer Peter Stuyvesant gezogen, die warben mit "Der Duft der großen weiten Welt."
http://www.eckes-edelkirsch.de/historie/fernsehwerbung/detail.asp?aktion=3

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 14:12
Haha. Mad Men's Delight. In so einer Werbung ist das natürlich auch alles drin. Schauder.

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frau eff - Sonntag, 17. März 2013, 20:45
Wenn das Kunst ist, also alles erfunden und gut (nach-) gemacht, dann ist das großartig.

Wenn aber die wenigen Infos stimmen, dass jemand das alles gefunden hat und alleine der Tod der beiden eine Veröffentlichung legitimieren soll, dann finde ich das schon ziemlich widerlich. Das ist dann die junge Gier nach dem Authentischen. Da nimmt sich dann jemand ein Stück Bienenstich von fremden Tellern, und muss noch nicht einmal etwas dafür bezahlen.

Bezahlen tut vielleicht nur die spätere Tochter von Margret, die von all dem nichts wusste, die Mutti aber jetzt auf den Fotos erkennt. Die 100 Erinnerungen mit dem verbindet, was sie dort über ihre Mutter findet (ihre unerklärliche Abneigung gegen Nelken oder gegen Wiesbaden). Die auf einmal weiß, dass sie eine Halbschwester hätte haben können.

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maphisti - Sonntag, 17. März 2013, 20:57
@ana: ... kann man sicherlich ermitteln. Auch äußerst interessant. Nur wurden in diesem Sex-Dossier offensichtlich andere Prioritäten gesetzt.

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 12:09
Ob diese Gier ausschließlich "jung" ist, bezweifle ich. Der Mensch ist fasziniert vom Authentischen, vielleicht wirklich neuerdings in unserer Photoshop- und Medienwelt noch mehr. Soweit im Buch beschrieben, gab es keine Erben (Margret hatte eine Tochter? ist das Fakt?), daß irgendwann mal (auch unangenehme) Tatsachen und Lebenslügen ans Licht kommen, weiß wohl jeder, der mal einen Nachlaß sortieren mußte. Als Zeitdokument hat das Ganze ja eine Bedeutung, die über das Private hinausgeht. Und dann muß man ja fragen, ab wann "darf" man das präsentieren? Nach 40 Jahren, so wie hier? Oder erst nach 200 Jahren? Was ist mit Pepys Tagebüchern, die als literarisch-authentische Chronik zum Kanon gehören? Was ist mit Tagebüchern und Briefen, die von den Erben (aber möglicherweise entgegen den Wünschen des Autors) freigegeben werden?

Die Dokumente sind, so weit Nachnamen auftauchen, übrigens anonymisiert, das nur als Fußnote.

Es stimmt aber, die Sache hat etwas Unangenehmes, weil wir dabei selbst zum Voyeur werden. Weil man in Sachen stöbert, die einen nichts angehen. Über die Befriedigung plumper Neugier hinaus verrät das aber so viel Exemplarisches über die Zeit und über das Leben an sich, daß es die meisten Schulbücher ersetzt.

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mark793 - Montag, 18. März 2013, 12:40
Es stimmt aber, die Sache hat etwas Unangenehmes, weil wir dabei selbst zum Voyeur werden.

Aus ebendiesem Grunde kann ich mir es auch gut verkneifen, mich da reinzuvertiefen. So genau will ich das alles gar nicht wissen.

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 14:24
Ja. Oder man setzt sich dem aus und beobachtet sich selbst dabei. Sophie Calle beispielsweise geht ja den anderen Weg und nutzt Privates ganz bewußt. Letztlich leben wir ja in genau solchen Zeiten: Beobachten und beobachtet-werden, Privates in Talk-Shows vs. Bemühen um Datenschutz. (Um den Kontext jetzt mal ganz weit zu spannen.) Und man selbst spielt ja nicht nur eine passive Rolle darin.

Wir finden auch nichts dabei, die Toten fremder Kulturen auszugraben und ins Museum zu hieven, so fern sie nur lange genug tot sind. Hier kenne ich die Leute nicht, und ihre Chronik ist ein Stück Alltagskultur, wie es sie dann als Dokument aber doch selten gibt.

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mark793 - Montag, 18. März 2013, 15:14
Ich wollte da jetzt auch nicht vorwurfsvoll klingen. Dieses Projekt passt ja unbestreitbar in unsere Zeit, in der das Verhältnis von Privatheit und Präsentation in der Öffentlichkeit neu ausgehandelt wird (auch von uns Bloggern).

Von dem "wir finden nichts dabei..." möchte ich mich aber schon distanzieren, denn tatsächlich gruseln mich die ausgestellten Toten aus fernen Zeiten und Kulturen nach wie vor ein bisschen. Und ich persönlich habe auch keinen ausgebuddelt (das Loch, in dem mir ein verrosteter Wehrmachtshelm entgegen kam, habe ich wieder zugeschippt - aus Sorge, da könnte noch mehr sein).

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maphisti - Montag, 18. März 2013, 16:05
@ mark793: Und wie steht es um Petrefakte, z.B. Spurenfossilien? Man sollte vielleicht nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten!?
Zu Ihrem Beispiel: Ich hätte den gewissen Fund gemeldet, um evtl. Betroffenen Klarheit zu verschaffen.

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mark793 - Montag, 18. März 2013, 16:32
@maphisti: Äh, hallo? Wo habe ich denn nach Verboten oder Ächtungen paläontologischer Ausstellungen gerufen? Ich bin im Untergrund von Paris kilometerlang an gestapelten Schädeln und Knochen vorbei gelaufen und habe mich nebenbei bemerkt noch nicht mal gegen die Körperwelten-Ausstellung ausgesprochen, die in meiner Heimatstadt debütierte. Anders gesagt, ich schütte hier gar nichts aus, wenn ich sage, in diese Wanne muss ich nicht unbedingt reinsteigen.

Ich hätte den gewissen Fund gemeldet, um evtl. Betroffenen Klarheit zu verschaffen.

Die Sache war die: Wenn meine Eltern damals erfahren hätten, dass ich überhaupt bei der alten Flakstellung rumbuddle, hätte es was gesetzt. Aber eine Hundemarke oder sonst etwas, das irgendwem hätte Klarheit verschaffen können, hätte ich wohl nicht wieder eingebuddelt.

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frau eff - Montag, 18. März 2013, 17:18
Ob Margret eine Tochter hatte, weiß ich natürlich nicht. Aber sie könnte eine gehabt haben. Wenn den Ausstellungsmachern keine Erben bekannt sind, heißt das nicht, dass es keine Erben gab (Erbe abgelehnt z.B.). Mein einziger Punkt: Fände ich es okay, meine Mutter auf solchen Bildern zu erkennen? Könnte ich meinem entsetzen und beschämten Vater (der von all dem nichts ahnte) gegenüber damit argumentieren, dass die Fotos und Texte, die seine verstorbene Frau in einer sehr intimen, teilweise entwürdigenden Objektsituation darstellen, ein bedeutendes Zeitdokument sind und deshalb im Museum hängen?

Ausgegrabene Tote und Kunst, die den Betrachter als Voyeur zum unfreiwilligen Hauptbestandteil des Kunstwerks macht - können wir gerne drüber reden. Ohne es genau formulieren zu können, ist mir diese Margretsache aber zu billig, zu sehr sex sells. Ich sehe diese Kölner Galeristin vor mir, wie sie mit schauderndem Entzücken die Sammlung sichtet, den Skandal schmeckt, und so gar nicht an Schulbücher denkt.

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kid37 - Montag, 18. März 2013, 21:22
"Skandal" sehe ich da eher nicht, den Geruch der Goldader schon. Aber ehrlich, Ausstellungen und Bücher machen sich ja nicht von selbst. Natürlich steckt da (auch) Geld drin. Prestige für die Macher usw. Ich möchte noch mal ein anderes Beispiel nennen: Es werden auch Kriegsschicksale "einfacher" Soldaten rauf- und runterverhandelt. Liebesbriefe und Fotos veröffentlicht, Funde gesammelt, im Fernsehen versendet.

(Und weil der Link bei diesem Artikel auftaucht: "Die Nitribitt" wurde auch deshalb postum zur öffentlichen Person, weil ihr "Fall" ein Aspekt bundesrepublikanischer Sittengeschichte ist. War für die Angehörigen sicher auch nicht einfach.)

Vielleicht gibt es wirklich keine klare Position, was die Aneignung fremden Materials angeht. Vielleicht ist das eben ein Spiegel für uns selbst. Vielleicht bin ich in der Hinsicht auch beruflich deformiert.

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ana - Montag, 18. März 2013, 22:08
Die Problematik wurde ja kürzlich groß von der Süddeutschen bis zur Zeit anlässlich der Ausstellung PRIVAT in der Schirn diskutiert. "Post privacy" ist dabei zu einem Schlagwort geworden. Gezeigt wurde in Frankfurt nicht nur modernes, sondern auch altes Material. Marylin Minter hat zum Beispiel just 1969 ihre suchtkranke Mutter photographiert, wie sie ihr Leben im Bett mit Schönheitsritualen verbrachte. Und in der Frankfurter Allgemeinen hieß es zur Ausstellung:
"Wer heute noch behauptet, er hätte mit alldem nichts zu tun, weil er weder twittere noch Fotos oder Videoclips ins Netz stelle, ist naiv.
Wie naiv, beweist der Künstler Mark Wallinger. Er fotografierte schlafende Menschen in U-Bahnen und Zügen. Er fotografierte sie also bei einer intimen Angelegenheit, und zwar ohne deren Wissen. Die Münder der Fotografierten stehen meistens offen, was, wie sich jeder denken kann, wenig vorteilhaft aussieht. Nun hängen diese Menschen übergroß in der Schirn, und wir begutachten ihre Zahnreihen, Poren und die Form ihrer Augenbrauen. Diese Fotos, das sind wir alle. Jeder Einzelne von uns könnte auf einem von ihnen sein." ("Vielleicht ist das eben ein Spiegel für uns selbst.")

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maphisti - Dienstag, 19. März 2013, 16:00
Der ganzen Problematik zum Trotze habe ich für mich positiv entschieden, mir das bewusste Teil bei Thalia zu bestellen (Punkt).
Richtig schämen muss ich mich immer bei dem Anblick preisgekrönter Pressefotos und bei Fotos "gekrönter" Häupter.

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maphisti - Dienstag, 19. März 2013, 18:18
P.S.: .. muss doch die Entwicklung in Margrets Blicken beobachten ..

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maphisti - Donnerstag, 21. März 2013, 21:33
Ich glaube, dass auch Liebe dabei war.

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kid37 - Freitag, 22. März 2013, 15:13
Sie hat sogar für Günter in der kleinen Wohnung gekocht. Wo gibt es das heute noch?

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maphisti - Freitag, 22. März 2013, 17:28
Hot, so hot!

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