Freitag, 3. Februar 2012


It Doesn't Matter If You're Black And White



If you were born on October 23-28 [...] your first order of business should be to take steps to take good care of your health. [Q] Die Sterne funken mir durch die Lebensplanung, und Saturn, die bleierne Bremse, kann sich gleich mal gehackt legen. Unangemessene Überraschungen jedenfalls hatte ich genug. Denn eigentlich wollten "wir", in diesen medizin-majestätischen Pluralis will ich das Sondereinsatzkommando aus Arzt und Patient mal locker zusammenfassen, wollten "wir" also endlich mit der Behandlung beginnen. Aber, Uranus, dieser Ü-Ei-Planet, zog ein neues Kaninchen aus dem Zauberhut. Denn nebenher hatte meine Ärztin mit einem Kollegen noch lange über dem mittlerweile auf Bibelformat (gut, Neues Testament) angeschwollenen Stapel Bilder gehockt, und - drei Mediziner, vier Meinungen - eine neue Idee entwickelt. Man denke mal nicht, nur ich hätte Schwierigkeiten, mich festzulegen.

Mein Lieblingswort in den letzten Monaten wurde ja "atypisch". Atypische Symptome, atypische Signale, atypisches Verhalten. Kaum hatte man einen Sinnzusammenhang gemäß ICD oder sonstwie überlieferten apokryphen Diagnosekriterien erstellt, grätschte irgendwas aber so was von atypisch (wahlweise: unsymptomatisch) dazwischen, daß es gestern wie im Film hieß: Alles auf Anfang. Dieser Schatten dort, und meine Ärztin kringelte um dieses längliche Gebilde, sei "atypisch groß". Eine Bemerkung, über die man sich als Mann normalerweise freut, aber da wo es sitzt, ist es wirklich zu nichts nutze, außer mich einzuschränken. Wieder kringelte und zeigte sie auf die großformatigen Schwarzweißausdrucke, die mich mehr und mehr an das Grabtuch von Turin erinnern. Wobei ich denke, dessen wolkiges Geheimnis ist sicher leichter gelöst als die Interpretation meines magnetresonanzdokumentierten Innenlebens.

Nun also, ich hatte mich schon halb an die erste Diagnose gewöhnt, wollte ihr bald auch das "Du" anbieten, eine neue Spur: Ein "seltenes" So-und-so-Syndrom, also "möglicherweise", im Internet nachlesen solle ich mal lieber nicht, aber "das läßt sich alles behandeln!" Nun sind die Zeiten, da ich mir von Frauen alles ergeben erzählen lasse, lange vorbei, so hakte ich nach, verlangte gar nach einer genauen Erklärung. Die Antwort lehrte mich, daß man in einer guten Arzt-Patienten-Beziehung wie in einer Ehe vorgehen sollte: Längst nicht alles will man wirklich wissen.

Betrüblich, denn wie heißt es so schön: "Freude ist nur ein Mangel an Information." Mittlerweile, das bleibt aber unter uns, bin ich ein wenig mürbe geworden. Diese Krankheit benimmt sich zusehends wie eine zickige Frau, der man hier und da im Leben begegnet. Erst heißt es, man sei eigentlich zu alt, dann bleibt man aber doch, dann weiß man wieder nicht, taucht ab (möglicherweise lockt irgendwo ein im Inneren schönerer Patient) oder will dann doch erst mal sichergehen... Man hört sich das eine Weile an, haucht auf seine Fingernägel, hält sie gegen das Licht, putzt die Brillengläser, obwohl sie es gar nicht nötig hätten, bis man irgendwann einfach selbst die Zügel in die Hand nimmt, seinen Hut in die andere und sagt: Adieu, Chérie, war schön mit dir, aber irgendwie auch anstrengend.

Ich meine, es nicht so als seid nur ihr von dieser Geschichte gelangweilt.


 


Montag, 9. Januar 2012


Parole: Durchhalten!



Völlig richtig wurde konstatiert, daß es im Krankenhaus schnell langweilig wird, schon allein, was die Fotomotive angeht. Nicht fotografiert, weil ich die Kamera nicht unters Flügelhemdchen schmuggeln konnte, habe ich das Schild: "Dieser Aufzug ist für Patienten da und nicht für junge, gesunde Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen". Völlig begeistert auch war ich von einem Trimrad aus den 70ern, viel Chrom, wenig Gepluster, das halb Deko, halb noch in Benutzung war.

Beim nächsten Mal. Ich bin also wieder entlassen, aber - nun zur schlechten Nachricht - nicht wieder gesund. Das wird auch nichts mehr, denn die Diagnose ist wahlweise niederschmetternd, beängstigend, absurd, noch ein bißchen unklar, aber nur in Details, und vor allem: niemals von mir bestellt worden. Ich meine, wenn ich nicht gerade von mehreren Litern Kortison aufgedunsen an die Decke starre, könnte ich glatt als agiler Silver-Ager durchgehen, fit im Beruf, Segeln vor Sylt, Rumtollen am Strand mit so einem schottischen Hirtenhund, kluge Frau mit einem dampfenden Becher schonend gerösteten Vorzugskaffees in der Hand dabei - also ein vitalstoffangereichertes Werbeweltleben leben und möglicherweise auf die alten Tage noch ein iPhone kaufen.

So ähnlich immerhin sehen auch die Leute in der Patientenzeitschrift aus, die ich heute bei meiner Ärztin mitnahm als ersten Schritt, die Diagnose dann auch zu akzeptieren. Symbolfotos voller junger, fitter Menschen, Best-Agers mit gebleachten Zähnen und gesund wie frische Landäpfel. Die Wahrheit sieht möglicherweise anders aus, kenne ich das Krankheitsbild, die alte Arschgeige, nur in Zusammenhang mit der stehenden Wendung "heimtückisch".

Meine Ärztin, die heute Geburtstag hat, sich aber zugleich sehr geerdet optimistisch um meinen nicht ganz unkomplizierten Fall kümmert, will noch das ein oder andere abklären. Es wird also noch ein MRT und noch ein CT gemacht, dann aber dürfte man alles von mir wissen. Ich glaube, seit dem letzten halben Jahr bin ich dann vom Kopf bis hinunter zum rechten Knie zu Genüge geröntgt, gescannt und gemustert worden. Und wer meint, ich hätte dunkle Seiten, der kann die auf den Bildern invertiert als helle Bereiche sehen, bei den meisten weiß man sogar, worauf sie hindeuten. Der Rest ist Dunkelfeldforschung.

Akut plagen mich einige Symptome, die auch ein wenig angst machen, denn arbeiten könnte ich damit wohl nicht. Kurze Werbeeinblendung: Dich lockt das neue iPhone? Denk auch mal daran: Berufsunfähigkeitsversicherung ist das neue Schwarz! /Werbeeinblendung
Meine Ärztin jedenfalls, die leider schon verheiratet ist, aber offenbar sonst in jeder Hinsicht ein großer Glücksfall, zählt mir auf, was "junge Leute wie wir" (süß!) schon alles haben könnten und mitunter haben und wie gut... also im Vergleich... Ich stimme im sachlichen zu, bin emotional aber nur eingeschränkt überzeugt. Immerhin, zurück zu besagten Symptomen, besteht eine gute Chance, das diese besser werden. Hat sie gesagt, und wer seine Daumen noch nicht platt hat, mag ihn gerne noch mal einsetzen, sonst sehe ich am Ende noch schwarz. Sozusagen.

Überhaupt, vielen Dank noch einmal für die Kommentare, die Mails, Nachrichten, Besuche im Krankenhaus, geschmuggeltes Essen (es zahlte sich aus, im Herbst die Bilder vom Krankenhausessen gepostet zu haben) und kleineren und größeren Hilfen. Es ist wie beim Spendenmarathon: jede kleine Geste zählt! Gut auch erlebt zu haben, daß ich Menschen um mich habe, die schnell eine Reisetasche mit dem nötigen Kram packen und ins Krankenhaus bringen, einkaufen oder sonstwie parat stehen und nicht erst lange Fahnen schwenken. Es gibt Leute, die haben nicht einmal das, und gerade Männer sind da oft besonders hilflos, wie eine Kollegin sehr gut beobachtet in der New York Times schrieb. Psychosozial also alles gut, und die menschlichen Enttäuschungen, die man in solchen Situationen, ob es nun die einen oder die anderen Unfälle sind, ja auch immer wieder mal erlebt, fallen nicht wirklich ins Gewicht. Wie ich immer sage: Hauptsache, man kann noch mit den Schultern zucken. Oder: Hauptsache gesund! Oder: Immer weitermachen.

So. Muß mich wieder hinlegen.


 


Samstag, 31. Dezember 2011


Du muß knallen, Rakete!



[hier steht eine lange Geschichte über eine Silvester-all-inklusive-Party mit jungen, fremden Frauen in Krankenschwesternkostümen]

Hatte ich mir anders vorgestellt, als ich noch keine Vorstellungen hatte. Jetzt also wieder Krankenhaus. Man arbeitet dran.

Allen einen guten Rutsch, und ein gesundes Jahr 2012.


 


Montag, 26. Dezember 2011


Kein gutes Weihnachten für alte Männer



Eigentlich sollte Weihnachten ja so aussehen, ein bißchen bunt, ein bißchen nostalgisch, ein bißchen voller Zauber. Nun geht es aber Prinz Philip nicht gut, gar nicht zu sprechen von Jopie oder mir jetzt. Kein gutes Weihnachten für alte Männer. Waren im Herbst noch die Ärzte pragmatisch-pessimistisch und ich der Optimist, ist es jetzt eher andersherum. Die Ärzte wissen aber auch nicht alles. Weil ich manches für mich behalten habe, denn schweigen kann ich auch. Ich warte jetzt erstmal ab, und wenn, dann ist es eben so.

Am Weihnachtstag vor 55 Jahren ging Robert Walser in den Wald, ein wenig spazieren, und kehrte bekanntlich nicht zurück. Heuer liegt kein Schnee, es konnte also nichts passieren, als ich reichlich wacklig ein paar Schritte um den Block wagte, feuchte Luft und diesiges Licht atmend, Sehen, solange man noch Sehen kann. Ein bißchen mit den Geschenken spielen. Zu Walser war der Umweg zu den Filmen der Brüder Quay nicht weit, haben die sich ja auch einmal an Jakob van Gunten gewagt. Ich hatte die Sammlung schon mal auf VHS, aber die Doppel-DVD-Edition des British Film Institute ist doch ein wenig praktischer. Letztlich aber nur Augenfutter, an ihr großes Vorbild Jan Svankmajer reichen die Zwillinge dann doch nicht heran. Die heruntergekommen Settings aber passen zur ganz großartigen Francesca Woodman, eine dieser frühvollendeten (und leider, mit 22, auch früh verstorbenen) Fotografinnen. Ihre oft verhuschten Bilder über Verschwinden und das sich-Auflösen sind trotz des jugendlichen Alters der Autorin häufig sofortige Klassiker mit ihrer nebulösen, melancholischen, sehr ernsten Atmosphäre. Der Bildband ist jetzt neu aufgelegt worden, eine gute Gelegenheit für einen Einstieg in dieses zwischen unfertig, tastend und genial flirrende Werk.

Väterchen Kid schickt eine Sammlung alter Bakelitschalter, vielleicht sollte ich sie gleich in Kniehöhe anbringen, könnte noch sinnvoll sein. "Die späten Ängste großer Jungs" lautet der recht passende Untertitel von Joachim Seidels Himbeer Toni. "Altpunk kriegt die Wehen - wer nicht mehr gut hören kann, soll lesen", wird Frank Schulz zum Buch zitiert. Werde ich notfalls mit dem Fadenzähler hinbekommen. Statt eines bunten Tellers machte ich mich endlich mal an Die Regenschirme von Cherbourg, die ich aber, es mag meiner Stimmung geschuldet sein, ein wenig anstrengend fand. Dabei ist der Film sehr gut, tolle Musik, tolle Farben, ein hübsch melodramatische Geschichte. Mir war nur nicht nach Gesang zumute, lag ich doch eher wie der selbstmitleidige Gregory Peck in Schnee am Kilimandscharo auf der Pritsche, den eigenen Erinnerungen an die Liebe und das Leben nachhängend.

In meinem Zimmer hängt nun eine fleischfressende, obszöne Sackpflanze. So nenne ich sie einfach mal. Melde mich ab. Ist spät jetzt. Muß noch meine Übungen machen.


 


Freitag, 23. Dezember 2011


Eine Weihnachtsgeschichte

Bevor es heißt, der Herr Kid der bloggt aber auch nur noch nach dem Mondkalender, möchte ich eine kleine Geschichte erzählen. Meine Lieblingsweihnachtsgeschichte ist ja bekanntlich "Wie die Bethelkinder Weihnachten feiern", ein melodramatischer Tearjerker wie ihn nur ein Douglas-Sirk-Film übertreffen könnte. Wenn das arme kleine Mariechen mit dem Wasserkopf dem Kriegskrüppel erklärt: "Ach, sagte Mariechen, und ihre helle Stimme schallte durch den ganzen Raum, "man muß eben geduldig sein" - da bleibt kein Taschentuch trocken.



Jetzt ahmt das Leben die Kunst nur in Maßen nach, dennoch wankte ich also ganz trocken doch wieder zum Arzt, denn was ich lange im Verdacht hatte, war kaum noch wegzudiskutieren. Kurz: Wir sind einigermaßen wieder da, wo wir im September waren. Kein zweiter Schub, wie wir uns gegenseitig versicherten. Das Alte ist einfach nicht ausgeheilt - und in nicht augeheilten alten Dingen, das glaube man mir, kenne ich mich aus. Unter dem knappen Dutzend Ärzten, denen ich zuletzt begegnet bin, zählten ja einige zur Fachrichtung Dr. med Flitzpiepe, aber bei meiner Ärztin nun fühle ich mich gut aufgehoben. Wir haben nicht ganz denselben Humor, sie ist mehr so der sachliche Typ, unterbricht mich aber an den richtigen Stellen und kommt schnell auf den Punkt. Gestern, beim Pläneschmieden, als es darum ging ambulant oder Krankenhaus, überlegte ich nur kurz. Zwar ist auch Altkanzler Schmidt im selben Hospital abgestiegen, in dem ich zuletzt war, aber so richtig wohl habe ich mich da - zumal ohne Netzanbindung! - nicht gefühlt. Eine Herberge ward also gesucht.



Gestern und heute gab es erst einmal Infusionen in der Praxis, aber zu Hause ist es doch am Schönsten, wie Dorothy schließlich zurecht sagt, und so klappte meine Ärztin die roten Schuhe zusammen und erlaubte mir über die Feiertage die Selbstmedikamention. Leider keine Infusionen, dabei dürfte das doch nicht so schwer sein, Braunüle und Tropf anzulegen. Etwas konsterniert zeigte sie sich allerdings, als sie hörte, daß ich dieses Jahr Weihnachten weitgehend unbeaufsichtig verbringen werde, mir folglich keine drei Weisen aus fernen Ländern Myrrhe, Weihrauch (desinfizierend!) und Spezereien bringen werden. Bedenken hin- und herwälzend, wollte sie mich fast doch noch ins Kanzleramt zu Herrn Schmidt schicken, aber ich konnte sie beruhigen, als ich ihr erklärte, daß in meinem Blog quasi so etwas wie ein Totmannschalter angebracht sei, und sollte der Impuls erlöschen, stünde aber sofort ein Riege medizinisch-technisch ausgebildeter Blogleserinnen mit Ringelstrümpfen und Weihnachtsengelflügeln und dampfenden Suppen, Tupfern und Tabletten vor meinem Stall der Tür. Das überzeugte sie, wenn auch nur unter Restzweifeln. "Ich mache so was normalerweise nie", flüsterte sie vertraulich. "Aber ich gebe ihnen mal meine private Handynummer." Oh, sagte ich, errötend. Ich würde das auch nicht ausnutzen, also gewiß nicht anrufen. "Machen Sie ruhig, wenn was ist. Wenn ich nicht rangehe, bin ich in der Küche."

Eine Frau, die kochen kann! Hätte mich nicht der Infusionsschlauch oben gehalten, ich wäre glatt in die Knie gegangen. Jetzt aber bin ich versorgt mit Instruktionszetteln, alle zwei Stunden dies, morgens das und abends zur Sicherheit noch mal was anderes. Und hübsch bewegen, damit ich nicht wie Herr Schmidt eine Thrombose entwickle.

Mein Vater hatte auch noch gleich einen guten Hinweis. Er wäre ja in fernen Zeiten auch einmal dem Stern von Bethlehem hinterhergeirrt und hätte Heiligabend tatsächlich noch eine offene Kneipe gefunden. Die lag gegenüber vom Krankenhaus und dort hätten die Schwestern und Pfleger in ihrer Nachtschichtpause hübsch die Christmette gefeiert, lustig sei das gewesen. Die Tipps der Väter sind oft Gold wert, wie man meist später erst erkennt, sollte ich also medizinischen Beistand brauchen, werde ich einfach die Klinikkneipen abfahren.


 


Dienstag, 11. Oktober 2011


Spinalspital

Die Krankheiten alle, dünne Marionetten,
spazieren in den Gängen. Eine Zahl
hat jeder Kranke.

(Georg Heym, "Das Fieberspital")




Hier ist wieder der Bordcomputer der Nostromo. Man hat mich vorerst nach Hause entlassen, Rückkehr vom Alienplaneten, Wiedervorstellung zur Kontrolle in sechs Monaten. Ein Ausflug war das nicht. Wo andere ihren wohlverdienten Urlaub machen und hübsch unschuldig in der Sonne liegen, habe ich zuletzt wohl ein Händchen für eine Art defekten Sommer entwickelt. Wenn ich es recht erinnere, war ich in Lissabon zuletzt in einem als solchem gefühlten Urlaub. Aber das ist schon Jahre her und war sowieso ein anderes Leben. Abenteuerlich ist es schließlich genug, wenn man sich nicht nur gelähmt fühlt, sondern so auch eines morgens erwacht. Der erste Arzt ist noch unbeeindruckt, der nächste, weil da irgendwas immer weiter durch den Körper schleicht und Türe um Türe schließt, aber wird hektisch, und plötzlich geht alles ganz schnell.

Wenn man dann so in der Röhre liegt, und ich kann nun verschiedene MRT-Typen und Modellreihen allein am Sound unterscheiden, und den Top-40-Schmusesoulbrei im Kopfhörer für die größte Folter hält, kennt man einfach den Überraschungsmoment nicht, wenn sie statt der Lendenwirbel auf einmal anfangen, den Kopf zu scannen. Man ahnt dann auch ohne weitere medizinische Grundausbildung, sie werden dort keine Bandscheibe finden, die suchen etwas anderes. Es ist diese Szene aus Alien³, als Lt. Ripley in den Untersuchungsscanner steigt, weil sie schon einen Verdacht hat und tatsächlich das Alien in ihrem Körper entdeckt. Man kann dann lange überlegen, wie Steve McQueen in einem solchen Augenblick reagieren würde. Mir jedenfalls wurde es doch recht eng, eingepfercht in diesem Stahlgitter auf Kopf und Brust und einem Konzept namens Scheißangst.

Man spricht dann von einer "Struktur", die man gefunden hat, drückt sich um das T-Wort und das K-Wort, der Überweisungsschein aber verrät deutlich mehr und mir schon zuviel, nur wirklich eilig sei es jetzt nicht, man will am Montag weitersehen. Beherzt humpel ich übers Wochenende an die See, da war ja noch diese Idee von Urlaub und dringend nötiger Erholung, noch einmal bitteschön die Füße ins Wasser tauchen und im Schnelldurchlauf überlegen, wer später mal die E-Gitarre und die Bücher bekommen soll. Ob es noch lohnt, offene Rechnungen zu begleichen, sich irgendwo zu entschuldigen oder einen Streit anzufangen.

In der Klinik dann feste Händedrücke, wieder Bilderschau, wieder wackeln Köpfe über weißen Kitteln. Man redet über Risiken, die Sau sitzt im Rückenmark, ich mache mit den Händen rollende Bewegungen links und rechts vom Stuhl, der eine weiße Kittel nickt, der Neurochirurg indes blickt noch mal schräg auf die Bilder und sagt, so als betrachte er die Schluchten am Hindukusch, also irgendwie glaubt er nicht daran. Aus der anderen Ebene sehe es doch eher aus wie... und so lerne ich auf meiner Reise quer durch den Pschyrembel die nächste Abteilung kennen. Hier hat man auch ein Bett, was nicht selbstverständlich ist im großstädtischen Spitalbetrieb. Zurück ins Lumbale: die Punktion bringt weitere Aufschlüsse, der Schatten ist auf einmal transzendend, da hat sich doch tatsächlich eine andere Sau getarnt. Wie in einer flackernd belichteten Herbstpantomime holen die Ärzte wieder ihr ernstes Gesicht hervor und munkeln die nächste auch nicht wirklich frohe Diagnose. Ich bin Melancholiker, erkläre ich, aber doch nicht krank und versuche eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Ich kann aber mittlerweile den Arm nicht mehr gut bewegen.

Übers durch den Feiertag verlängerte Wochenende wartet man die Laborergebnisse ab. Vorsichtshalber beginnt man mit Infusionen gegen dieses und jenes und alle möglichen bekannten und noch unbekannten Viren, es käme auch einer in Betracht, meint der Arzt, den man sich quasi nur auf Frachtern auf der Linie Java - Sumatra zuziehen könne, aber in einer Hafenstadt wüßte man ja nie. Auf dem Tropf steht "... in Ringel-Lösung", was wahrscheinlich auch Steve McQueen sehr witzig finden würde. Leider heißt es in Wahrheit "Ringer-Lösung", und darum geht es dann wohl: ein Ringen um Antworten, um Bewegungsfähigkeit, um ein Behaupten und das große Überhaupt.

Am Ende bleibt alles vorerst unspezifisch, was nichts daran ändert, daß ich mich derzeit wahlweise fühle als sei ich unter einer Müllauto geraten oder wie das Müllauto selber. Ich bin um viele Dinge froh. Zum Beispiel, daß ich meinen Arm wieder bewegen kann und einige andere Dinge auch. Daß da ein langer Weg liegt, aber immerhin ein Weg. Das Daumendrücken hat offenbar geholfen, dafür noch einmal von Herzen vielen Dank. Ich war in den ersten Tagen wirklich orientierungslos. Schön, daß so viele plötzlich links und rechts standen. Danke.


 


Sonntag, 2. Oktober 2011


Bulletin



Turbulente Tage. Ich kenne jetzt Stationen im Krankenhaus, die gibt es quasi gar nicht. Also, dachte ich. Ernst schauende Chefärzte, die über Bildern vom MRT hocken, Diagnosen, Spekulationen, Schatten, Strukturen. Am Ende wohl doch was anderes, so richtig endgültig hat man es nicht. Etwas Mysteriöses, nicht Schönes. Ich kann nicht mehr gut gehen, vielleicht, weil so vieles nicht mehr gut geht. So ähnlich suggeriert die sehr schöne Frau™. Überhaupt, der viele Zuspruch, die Besuche, Anrufe, Mails und Gedanken. Vielen Dank. Das hält den Rost fern, sagt man. Und Ängste.

Muß irgendwie weitergehen. Einen Punkt kann ich nicht machen


 


Donnerstag, 22. September 2011


Peroneus



Auf zwei Beinen stehen wie ein unzerkloppbarer Roboter. Oder die einfach stehenlassen, rostige Anker, und mit dem Luftschiff übers Packeis, schwimmende Kühlverbände, am Steuer ein Mann mit klarem Blick und Nerven wie Stahl.

Unsere Abzeichen, LWS, golden in polarblauer Luft, ruhiges Atmen im scharfen Wind, an den Sternbildern orientieren. Unser Auftrag: neue Grenzen erkennen, für mich also eine Versetzung ins Strafbataillon. Mühsamer Rückzug, neu aufstellen, weiterhumpeln. Spaß hatten wir einst mal anders buchstabiert, das waren die Spring-ins-Feld-Jahre, jetzt heißt es, ruhige Durchblutung, mein Freund, sonst bringen wir dir noch das Kriechen bei. Scheiß Sache, wird aber.

Muß.


 


Freitag, 9. April 2010


Stehenbleiben, weiterfahren



Ach, nach all den Jahren schien es doch aber fast egal zu sein. Andererseits, wie praktisch wäre es, im Leben all das, was nicht so innerlich und äußerlich schön geraten ist, einfach löschen zu können, mit einem Knopfdruck sich rausschwingen aus dem Fahrgeschäft oder bloß mal umsteigen. Die taube Stelle rausreißen, da im Herzen, wenigstens überlackieren also, Oberflächlichkeiten schaffen, sich selbst alles Mögliche zusprechen, in unbeirrter Vergnüglichkeit. Drei Runden, eine Freifahrt, drei Tage Party, ein Fest fürs Leben.

So hat jeder die Erinnerungen, die einem wichtig scheinen. Turmhohe Stapel für die fernere Sicht oder die steilere Schußfahrt.

>>> Geräusch des Tages: The Step and the Walk


 


Freitag, 27. März 2009


...

Am Anfang, damals, unter den Bäumen als uns die Wölfe heulten, bis das Licht verblasste. Aber nicht du. Am Ende, später, als wir wie Wölfe heulten, das Zerfleischen übten, das Knurren um die letzten Hühnerknochen. Bis kein Licht keine Wälder kein

Man soll in die Wälder nicht gehen. Niemals allein.

The Mercy Seat | von kid37 um 16:14h | | Link