Sonntag, 6. April 2014


Neues aus der Anstalt



Die letzten munteren Tage habe ich, schön auf dem Sofa in eine Zwangsjacke eingemummelt, mit der zweiten Staffel von American Horror Story verbracht. Zum einstigen Serienstart in Deutschland hatte sich Dietmar Dath ja euphorisiert in der FAZ geäußert, die Wallungen konnte ich für die erste Staffel allerdings nicht ganz teilen. Diese Ansammlung von Geistern in immer demselben Spukhaus, die sich aber nie zur selben Zeit auf den schlurfenden Schuhen standen, überzeugte nicht so recht, auch wenn das rothaarige Zimmermädchen eine Wucht war. Aber schon der von Dath gelobte Vorspann offenbarte ein Problem: die Serie ist handwerklich sehr gut ausgestattet, aber eben nicht wirklich genial. Mit flickernden Schockbildern (und einer unpassenden Typo) huschte das Intro durch einen mit medizinischen Präparaten im Einmachglas vollgemüllten Keller, "Serienmörder!", "Schockexperimente!" schreiend, dabei aus dem gängigen Repertoire einschlägiger Filme zitierend, aber weit davon entfernt, wirklich originell zu sein. Immerhin wurde aber auch nichts falsch gemacht, von den dünnen Stories abgesehen, und Jessica Lange spielt tatsächlich hübsch böse um ihr Leben.

Die - und etliche andere - ist auch in der zweiten Staffel dabei. Ein Ensemblestück, was ganz hübsch ist, wenn man die Leute mag. Wenn nicht, hat man eins von vielen Problemen dieser Serie entdeckt. Schauplatz ist Briarcliff, eine von der katholischen Kirche geführten psychiatrischen Anstalt in den 60er Jahren. Man stelle sich "Shutter Island" vor und fülle den Laden mit Szenen und Personal - das muntere Kinozitieren geht weiter - aus "Einer flog über das Kuckucksnest", "Der Exorzist" bis hin zu "American Psycho" und "Sucker Punch" - oder Versatzstücken aus einer berühmten US-amerikanischen TV-Mysteryserie aus den 90ern (ich sage nur "Entführungen durch Außerirdische"). Zu den Hauptpersonen gehören sadistische Nonnen, vom Teufel Besessene, freudlose Nymphomaninnen, menschenexperimentierende Nazi-Ärzte, perverse Frauenmörder, Borderlinerinnen und Selbstverletzer, machtgeile Kirchenvertreter und blutgierige Lümmel aus dem Mutantenkabinett. Eine streckenweise befremdliche Kuriositätenshow, weil man unbewußt immer klischeeermunternde Regieanweisungen ans Statistenpersonal mithört und daher all überall Insassen mit Köpfen gegen die Wände schlagen, wimmern und zappeln und religiöse Texte rückwärts sprechen.

Wie es halt so ist! Damals in den 60ern. Elektroschocks und Eispickel-Lobotomie dürfen nicht fehlen, Eis- und Hitzebäder, dazu einiges für Fetischfreunde: Fesselungen und Fixierungen, Doktorspiele und das gut gefüllte und eifrig genutzte Peitschenkabinett von Jessica Lange, die als Sado-Nonne die disziplinarische Oberaufsicht führt. Eine ziemliche Schlitterpartie am voyeuristischen Exploitation-Trash entlang. Dabei, von ein paar Durchhängerfolgen abgesehen, insgesamt tatsächlich recht spannend, auch wenn die zahlreichen Wendungen dieser irren Horrorcollage weniger glaubwürdig als eine durchschnittliche Folge "Akte X" sind. Ein großes Problem: anders als in besagter Mystery-TV-Serie fehlt eine durchgängige Identifikationsfigur. In American Horror Story agieren nur Unsympathen, da ist niemand, auf dessen Wertesystem man bauen könnte (das macht es so menschlich!). Schwierig also, aber atmosphärisch toll und voller Einrichtungsideen für morbideres Wohnen.

Gedreht wurde nämlich zu meiner Überraschung nicht in einer aufgelassenen alten Einrichtung. Die mit Patina und vielfältigen viktorianischen und Art-Déco-Elementen versehenen Räume wurden allesamt im Studio nachgebaut, gekachelt, gefärbt und für einzelne Szenen vollgemüllt,wie die "Extras" enthüllen. Anregungen fand man unter anderem in dem tollen Bildband von Christopher Payne - Asylum: Inside the closed World of State Mental Hospitals. Payne hat über 70, meist seit den 60er-Jahren geschlossene, verfallene Anstalten besucht und (zum Glück ohne HDR-Scheiß!) beeindruckende Bilder mitgebracht. Architektonische Details, berührende Spuren und Hinterlassenschaften von einstigen Insassen (z.B. ein übergroßer Schlüsselschrank, in dem fein säuberlich aufgreiht Zahnbürsten hängen), kühle Interieurs zum Teil mit dem erschreckenden Nachhall (einst) üblicher Behandlungspraxis, zum Teil den Shabby Chic heutiger Inneneinrichtungskataloge atmend. Ein sehr unaufgeregtes, großartig fotografiertes Buch.

Wem das übrigens alles zu frivol scheint, dem sei die Doku empfohlen, die morgen im WDR gezeigt wird. Hölle Kinderpsychiatrie spürt dem echen Grauen der Zustände (und ihren bis heute nachwirkenden Folgen) in der Kinderpsychiatrie* in Marsberg im Sauerland nach. Nadja Kerschkewicz, Anne Kynast und Martin Suckow sprachen mit ehemaligen Insassen, die in den 60er Jahren vieles von den oben erwähnten Zuständen - Zwangseinweisungen, Gewalt und Mißbrauch durch Pfleger und Nonnen - am eigenen Leib erdulden mußten.

(Christopher Payne. Asylum: Inside the closed World of State Mental Hospitals. Cambridge, Ma.: MIT-Press, 2009.)

* Spiegel Online zu den Anschuldigungen gegen das nordrhein-westfälische St. Johannes-Stift

Super 8 | von kid37 um 15:48h | 27 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 12. März 2014


Knitterfalten

Lange haben wir nichts mehr gehört von der US-amerikanischen Hausfrauenromanze 50 Shades of X. Nicht, daß ich Beschwerden gehört hätte, aber Trotz und Eigenwille halten mich wie einen festgebissenen Kampfhund beim Thema. Natürlich haben die sich auch Dinge an den Kopf geworfen, von unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt war die Rede, gestritten haben die wie die Kesselflicker. Aber eines geschah nie, also daß Scully zum Beispiel Mulder im Stich gelassen hätte. Oder umgekehrt.

Das mag auch der wahre Grund sein, warum manche entnervt behaupten, wie unrealistisch dies alles sei. Nicht etwa wegen geheimer Regierungsverschwörungen (die ja mittlerweile als wahr akzeptiert sind), frei herumlaufender Monster (man muß nur morgens mit der S-Bahn fahren), geheimer Geheimexperimente, todbringender, genveränderter Bienen oder Abwesenheiten wegen "fremder Männer" von fernen Sternen (alles schon dagewesen, kenn ich).

Die Jahre ohne Mulder zeigen aber, wie verhärtet und kalt und vielleicht ein bißchen auch überheblich sie in The Fall geworden ist.

Über Dana Scully, die gerade runden Geburtstag feierte, muß man aber sagen, daß sie einerseits nicht vor Vorgesetzten buckelt und Außerirdischen gut eins in die Fresse hauen kann, was längst nicht selbstverständlich ist. Andererseits kann sie aber auch nicht alles. Bügeln zum Beispiel. Man muß sich nur mal ihre Garderobe genauer anschauen. Das macht sie wieder sehr menschlich.

Super 8 | von kid37 um 23:23h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 14. Februar 2014


Die süßen, traurigen Spiele der Kindheit

Ach, wie romantisch. Zum heutigen Valentinstag (ihr habt sicher eure Mailingliste mit der Massenaussendung schon aktiviert?) möchte ich auf den entzückenden Festivalfilm Skin von Jordana Spiro verweisen. In diesem Kurzfilm gibt es diesen kleinen einsamen Jungen, der bei seiner Familie im Ödland vor der Stadt wohnt. Seine einzigen Spielkameraden sind tote Tiere, Eichhörnchen etwa, denn sein Vater ist der Tierpräparator der Gegend. Da der Junge zart verliebt ist in ein Mädchen an der Schule, gibt er sein unbeholfen Bestes, ihre Trauer über den Tod ihres Hundes mit einem außergewöhnlichen Liebesbeweis zu lindern. Ah! Und auch oh!

>>> Skin (Vimeo)

Kummer schwimmt oben wissen Leser von Irvings Hotel New Hampshire, in dem eine recht ähnliche Szene beschrieben wird. Dabei ist es bloß unschuldige und besonders herzige Liebe. Mir ging es oft ähnlich. Unverstandene, mißtrauisch beäugte Geschenke, schüchterne Gaben. Ach.

Super 8 | von kid37 um 10:10h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 20. Januar 2014


Dinge zwischen W und Y

Wahrheit, die liegt häufig draußen, auf Parkplätzen bei Nacht oder abends auf fernen Sendern. Also nicht, daß einer noch sagt, ich würde auf Dingen herumreiten und zwar endlos oder immer wieder. Ich kann nichts dafür, empfehle aber doch dem ein oder anderen, sich die nächsten Montage frei zu halten. Ab heute nämlich wiederholt der digitale, frei empfangbare Kultursender Pro7Maxx (liegt genau zwischen 3sat und Arte) paketweise die ersten vier Staffeln dieser US-amerikanischen Agenten-Romcom, die das Fernsehen vor 20 Jahren verändert hat. Und mich auch. Und zwar nachhaltig. Beide jetzt.

Von wegen Ach-so-90er! Wer wissen will, wie es letzten Endes zu Serien wie Breaking Bad kam oder besser noch, was es heißt in einer guten Freundschaft, meinetwegen Liebesbeziehung, den Partner ins Krankenhaus zu fahren, schaut noch mal genau hin. Sonst passiert ja erstmal nichts. Da gehen zwei in ein dunkles, verwinkeltes Haus oder ein geheimes Geheimlabor und am Ende liegt einer im Krankenhaus. (Außerdem kann man studieren, wie sowohl Brillengläser wie auch Mobiltelefone immer kleiner werden. Unheimlich!)

Wie im richtigen Leben eben. Kaum blinzelt man oder stellt das Mobiltelefon aus, schon ist wieder einer weg. Wie die nette Frau M. aus dem Penny bei mir ums Eck. Die nette Frau M. nämlich, eine mit Kirschen und Würfeln und allerlei Zierrat schwertätowierte sehr junge Rock'n'Roll-Frau saß dort immer an der Kasse oder füllte das Flaschenregal oder die Brotbackmaschine und sorgte für Umsatz. Wenn sie so mein Bund Sellerie, die Literpackung Milch und zwei Joghurts über den Scanner zog, dachte ich bei mir manches Mal Komm Baby, klemm die Kasse unterm Arm und steig zu mirin den Wagen. Wir fahren einfach weg.. Laut sagen traute ich mich das aber aus Schüchternheit nicht, denn in ihrem Blick las ich etwas freundlich Mitleidiges, so als wollte sie sagen Ich mag ja Metall, das hat was. Aber ich steig doch nicht in so einen dämlichen Einkaufswagen! Fahr einen dunkel blubbernden V8er vor die Filiale, und wir reden noch einmal über den Plan. All das lag in dem wochenendverhangenen Blick der mit allerlei Zierrat schwertätowierten Frau M. Aber nun ist sie verschwunden, nicht mehr dort in der Filiale, vielleicht in ein Auto gestiegen. Ich gehe mittlerweile zu Sky.

>>> Dokumentation Inside the X-Files

Super 8 | von kid37 um 14:20h | 17 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 29. Oktober 2013


Wenn Frauen weinen



Manches bleibt natürlich, wie es ist. So wollte ich (spaßeshalber) nach den kältedruchwehten Tagen zuletzt die Heizung laufen lassen. Aber wie jedes Jahr zu Beginn dieser Periode läuft die nicht richtig. Das kalte Herz dieser Wohnung. Gut, daß ich keine Katze habe, die schaute mich sicher ungnädig an. Oder schlimmer. Dann heißt es, der Mann, der Katzen zum Weinen bringt.

Manchmal nämlich werde ich gefragt, Herr Kid, was ist eigentlich ihr spezielles Kung Fu? Die eine besondere Fertigkeit? Nun, die Antwort ist einfach: Ich kann schöne Frauen zum Weinen bringen.

Letztes Jahr, als ich vorgab unpässlich zu sein, bin ich in Wahrheit ja nach Kanada gereist, um dort einen Traum zu verwirklichen, der mich diffus seit den 90er-Jahren verfolgte. Ich, mittlerweile ein seriöser älterer Herr geworden, traf dort also diese schöne Frau. Um mich aufzuplustern und Eindruck zu schinden, zeigte ich ihr in aller Ruhe mein besonderes Kung Fu. Wir haben nie wieder von einander gehört.

>>>Übrigens, Empire hat zum 20. Jubiläum ein umfangreiches Dossier über die allseits beliebte TV-RomCom (auf die komme ich aber später noch einmal zurück) zusammengestellt.

Super 8 | von kid37 um 20:51h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 27. Oktober 2013


What is left to believe in



Manches klingt zu absurd, um noch in normale Denkmaßstäbe zu passen. Gillian Anderson und David Duchovny lassen sich das Ende von "Akte X" erklären. Denn es hat ja alles auch ein Ende. Da lacht man sich tot, schüttelt den Kopf, alles ab, sieht zu, wo das Team steht, die letzten Verbündeten, der Kratzbaum, an dem man sich beruhigt die Krallen wetzen kann.

Ab dann nur noch Fleckenverwaltung, jedermann ran an die Sauerstoffbleiche, das Glasklar, den Essigreiniger. Das kann doch, so denkt man still, bislang nur ein Witz gewesen sein. Interessant gedacht, aber von sehr weit hergeholt. Die meinen das aber ernst, also die Schienbeintreter, der Stamm Wohlmein, die Hausbewohner am Vielleichtmalspäterplatz. Man muß sich seine Gespenster immer genau aussuchen. Es könnten Freunde sein.

Super 8 | von kid37 um 13:37h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 12. Oktober 2013


Schöner Töten

Ich will nicht sagen, ich sei angefressen. Aber enttäuscht, das ein wenig schon. Auch wenn ich kein wirklicher Freund von Serien bin, hatte ich Hannibal lange erwartet, bin letztlich vorgestern ein wenig zufällig hineingestolpert. Na ja. Ich weiß jetzt gar nicht, was genau ich erwartet habe. Mir war es zu glatt. Zu sehr aus dem Baukasten. Jede Szene zeigt in erster Linie ihre Gemachtheit, da ist kein sinnvoller Fluß. Ein mörderisches Rezept, aber zu kalt serviert.

Das Casting, wie es in den USA halt sein muß. Wir brauchen einen Schwarzen in leitender Position, wir dürfen einen Asiaten nicht vergessen, am besten eine Frau, dann haben wir das auch gleich. Das Ermittlerteam beim FBI spiegelt brav die gesellschaftlichen Verhältnisse. Nicht aber die Vorschriften. Der Mann am Schießstand trägt Hörschutz. Die Frau, die direkt neben ihm und der Waffe steht, aber keinen.

Nur ein Beispiel. Medizinische Details, noch so ein Thema. Hanebüchene Erklärung der Ketoazidose. "Er erhöhte die Insulindosis". Ist klar. Mich wundern diese Schludrigkeiten bei Filmen, die ansonsten so über ihre ausgefeilten production values wirken. Der Kannibale im Schöner-Wohnen-Katalog mit Eileen-Gray-Beistelltischchen. Perfekt getönte Wände, ich habe gleich überlegt, meine eigenen noch einmal anzupassen.

Zeugen und Opfer tauchen auf und sind gleich wieder verschwunden ("ist verstorben"), halten den Plot nur auf oder schieben ihn unmotiviert weiter, vielleicht sollte man da aber bei der ersten Folge nicht zu hart urteilen.

Sowieso versuchte der Kollege mir mildernde Umstände unterzujubeln. Nicht jeder der jüngeren Zielgruppe kenne schließlich die Vorbilder, da könne man die alten Pointen ("Ich lade Sie und ihre Frau zum Essen ein") ruhig noch mal bringen. So wie den Einfall mit der "lebenden Leiche", den man schon aus Sieben kennt. Die Idee mit der Pilzkultur hingegen fand ich ganz originell. Ein schönes Bild, wie eine organische Skulptur. Dafür nervte rasch diese hingetupften, angestrengt auf "surreal" getrimmten Bilder von Hirschen, die durch Krankenhausflure wandern, überhaupt diese Super-Empathie als Behauptung. So als hätten wir nicht alle mal einen bösen Gedanken.

Hannibal scheint mir was für Leute, die, sagen wir mal, auch Coldplay gut finden. Rundgefeilte Ecken, Darsteller statt echter Charaktere, gutgekleidete Modemenschen, die tun als kennten sie sich in der Küche aus - und natürlich Klassik zum Essen hören, damit man als Zuschauer weiß: Da ißt ein Kannibale! Hopkins war schon etwas kippelig in seiner leicht affektierten Schauspielkunst, Mikkelsen sieht so gefährlich aus wie ein Männermodel auf den Einstiegseiten der Vogue. Bei The Fall beeindruckte mich, wie das Töten als umständliche, schweißtreibende-langwierige und abstoßende Handwerksarbeit gezeigt wurde. Nicht als eitle "Kunstform" für Menschen, die auch überdesigntes Küchengedöns im Hause haben, weil es sonst nicht mit dem Kochen geht. Lecter, der Manufactum-Killer mit der Klassik-CD-Sammlung von Zweitausendeins.

Ich hoffe, wenn Scully dazustößt, heizt sie ihm ordentlich ein.

Super 8 | von kid37 um 19:50h | 33 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 11. September 2013


Re:visited Akte-X

It's the truth or a white whale.
What difference does it make?
I mean, both obsessions are impossible
to capture, and trying to do so will only
leave you dead along with everyone else
you bring with you.

(Scully in "Quagmire")



Absent. Ein UFO, so ist zu vermuten, hatte mich die Tage entführt und in die Zeit zurückgeworfen. Gestern vor 20 Jahren nämlich war der Tag, an dem sich das Fernsehen für immer änderte. Oder wie es neulich hieß: davor gab es nur "Matlock", dann kam "Akte X". Am 10. September 1993 wurde die erste Folge dieses US-amerikanischen TV-Melodrams ausgestrahlt, von der alle zuerst dachten, es ginge darin um Ufos und Aliens, Monster, Verschwörungstheorien und geheimen Regierungsaktivitäten, die sich gegen die Bevölkerung richten. Dinge, also, von denen wir alle wissen, daß es sie nicht gibt.

Jetzt kann man natürlich sagen, "Mensch, Moby Dick, das ist so 19. Jahrhundert!" oder "Akte-X, so 90er-Jahre!", unterschlägt dann aber entweder die Wahrheit, sein popkulturelles Wissen oder, schlimmer, die eigene Geschichte. So waren es Autoren von Akte-X, die später hochgelobte Serien wie Homeland oder Breaking Bad schufen, und selbst Großregisseure wie Ridley Scott bedienten sich für (den insgesamt leider recht mäßigen) Prometheus eifrig bei den X-Akten, von einzelnen Ideen wie dem "schwarzen Öl" bis hin zur Übernahme kompletter Sequenzen aus dem ersten Kinofilm.

Akte X (dazu aber später mehr) hat am Ende Wahrheiten auf mehreren Ebenen gefunden. So wurde tatsächlich aufgedeckt, daß es eine Regierungsverschwörung gibt, die wiederum deckt, daß an der Bevölkerung medizinische Experimente durchgeführt werden, Big-Data gesammelt und... na ja, Dinge, die sich so Spinner, die beim Fernsehen arbeiten, halt ausdenken. Ein bißchen Quatsch ist immer. Im Serienableger von den "Einsamen Schützen", wo es um die drei Hacker aus der Hauptserie geht, wurde im Frühjahr 2001 sogar eine Folge gezeigt, in der ein Flugzeug in das World Trade Center... na ja, Quatsch halt. (Die Folge sorgte trotzdem für eine Menge Irritationen auch bei sogenannten "höheren Stellen".)

Wichtiger, und das muß man keinem Fan oder aber mir erklären, ist natürlich die andere Wahrheit, die sieben (plus zwei weitere) Staffeln lang verfolgt wurde. Von den FBI-Agenten Edward Sno Fox Mulder und Dana Scully, die mit riesigen Drahtlostelefonen und ebenso großen Brillen (ja, es waren wirklich die Neunziger) das taten, was man zu zweit so sieben Jahre lang erleben kann. Sie unternahmen Ausflüge in die Umgebung, kleinere Städte und Dörfer meist, besichtigten dort einsame Gehöfte oder verlassene Industrieanlagen, übernachteten draußen oder in Höhlen, trafen verschrobene Gestalten, hörten sich Legenden der Umgebung an, jagten Tiere, Außerirdische und Verbrecher, überlebten Krankheiten, richtig bösartige Krankheiten, mörderische Bienenschwärme, tödliche Infektionen und Verbrennungen, Schußwunden und Krankenhäuser. Am Ende gibt es ein Kind, dann aber (wir sind im verflixten siebten Jahr) auch die Trennung, Mulder muß mal Zigaretten holen, einen wichtigen Auftrag erfüllen, untertauchen, kurz: die beiden durchlitten Dinge, wie jedes andere Paar auch.

Eine dramatische Liebesgeschichte also, verpackt in eine freilich absurde Rahmengeschichte, nach der es (hahaha) eine Verschwörung geben soll, bei der die Regierung (also bitte!) die eigene Bevölkerung an extraterritorial operierende Organisationen verrät. Und weil es eine Liebesgeschichte ist, kann sich auch jeder damit identifizieren. Selbst Menschen, die damals, also den furchtbar passé-seienden Neunzigern, noch gar nicht geboren oder viel zu jung für Akte waren. Wer bei Youtube mal unter "X-Files" sucht, wird Tonnen von Videos entdecken, die - auf der Suche nach der Wahrheit - Schnipsel und Fakten aus der Serie neu zusammenschneiden, ikonische Szenen zusammensuchen wie die berühmte Tanzszene aus "The Post-Modern Prometheus" oder die berühmte Szene, in der Mulder Scully zeigt, wie man Baseball spielt, oder die berühmte Szene... überhaupt: die Blicke. Also die berühmten Blicke. Es gibt Tonnen von Fan-Videos, die sich auschließlich mit den Blicken beschäftigen, die sich Mulder und Scully im Laufe der Jahre zugeworfen haben.

The Philosophy of the X-Files versammelt hochinteressante Essays über Denkmuster und Struktur der Serie, so wie den Aufsatz über Abduktion als dritte Möglichkeit der Schlußfolgerung neben Induktion und Deduktion - und zugleich ein hübsches Spiel mit einem zentralen Motiv der Serie, der alien abduction. Mulder, der übrigens am 13.10. Geburtstag hat, weil die Mutter des Serienschöpfers Chris Carter an diesem Tag Geburtstag hat*, was eine interessante Verbindung ist, weil nämlich Mütterchen Kid... aber gut, es hängt eben alles mit allem zusammen. Mulder also gilt seinen bausparkassenbiederen Kollegen beim FBI ja als ein bißchen überdreht mit seinen Fotosammlungen von toten Kühen und Geraune von unerklärlichen Phänomenen, ist im Grunde ein ganz dufter Typ, der sein Büro im Keller hat ("weil mich keiner leiden kann", wie er etwas selbstmitleidig sagt) und ganz in seiner Arbeit aufgeht. Der also liebt, was er tut und tut, was er liebt.

Scully ist eine Frau wie du und ich, ihre Arbeit schrieb sie über Einsteins Ideen zum "Zwillingsparadoxon", selbstverständlich wie wir alle mit Auszeichnung, wurde dann, was modernen Frauen immer zu empfehlen ist, wegen der vielen wehleidigen Männer und Unfällen im Haushalt, Medizinerin und ist folglich eine hochpatente, streng rational denkende Kollegin und Kritikerin an Mulders Seite. (Irgendwann, in einer emanzipatorischen Sequenz der Serie, begehrt sie auf, weil sie nie einen eigenen Schreibtisch besessen habe - auch das einer gewissen Lebens- und Serienwirklichkeit abgeschaut.) Gegen Ende der Serie zeigt sie nebenbei, wie schwierig es übrigens ist, ein kleines Kind allein aufziehen zu müssen und gleichzeitig als FBI-Agentin zu arbeiten.

Diese höchst unterschiedlichen Denkweisen führen vor allem zu Beginn zu Reibereien, aber auch später noch zu kritischen Auseinandersetzungen und Streitereien (bei denen man als Zuschauer ja dazwischenfahren und alle unter die kalte Dusche schicken möchte, aber egal), wenn Scully als Pathologin bis zu den Elllenbogen in irgendwelchen Kadavern oder Leichen steckt und Fakten sammelt, während Mulder seinen schrägen Hypothesen nachhängt. Aber auch zu bissigen Witzeleien, wie in der Szene, in der Mulder Scully parodiert. Am Ende einer Reihe höchst unerklärlicher quasi-apokalyptischer Ereignisse, angesichts derer sich Scully aber eisern "wissenschaftlich" zeigt, fallen plötzlich hunderte tote Frösche vom Himmel. Mulder sagt so was wie, sollen wir jetzt was Essen gehen? Scully ist total entgeistert und ruft, Mulder, hier sind gerade jede Menge tote Frösche vom Himmel gefallen. Und Mulder, ganz trocken, das läge wahrscheinlich daran, daß sich ihre Fallschirme nicht geöffnet hätten. Kommt Leute, das ist sehr, sehr hübsch.

Überhaupt der Humor. Kenne ich einerseits keine Serie, in denen den Helden physisch und emotional so brutal und übel mitgespielt wird (und die Staffeln 4 und 5 sollte man keinesfalls allein im Dunkeln schauen), sind es die vielen ironischen und selbstironischen und parodistischen Folgen, die zu Klassikern der Serie geworden sind. So gibt es eine "Jackass"-Parodie, eine "Reality-TV"-Folge, in der ein TV-Team Mulder und Scully auf Schritt und Tritt folgt, eine Episode, in der Hollywood einen "Film" über die berühmten Ermittler dreht - kurz, wo sich das Medium selbst bespiegelt. Höhepunkt ist darunter wohl die groß-großartige und komplett in Schwarzweiß gedrehte Folge "The Post-Modern Prometheus", in der "Frankenstein" nacherzählt wird. Das ist auch die Folge, in der Mulder und Scully miteinander Tanzen gehen, etwas, das ja nicht alle Paare miteinander, manchmal aber mit anderen machen.

Nach wie vor schwebt die Idee eines dritten "Akte-X"-Kinofilms wie ein irrlichterndes UFO im Raum. Der könnte die vielen immer noch losen Fäden der Serie zusammenführen und neue Fragen aufwerfen. Dieser Film war ursprünglich mal zum 21.12.2012, dem Weltuntergang also, geplant. Aber eine Regierungsverschwörung... nun ja.

>>> Mitschnitt der Frage- und Antwortrunde zum 20. Jubiläum mit Gillian Anderson, David Duchovny, Chris Carter und anderen auf der ComicCon 2013

>>> Dean A. Kowalski (Hrsg.). The Philosophy of the X-Files. (Lexington: The University Press of Kentucky, 2009. Erw. Aufl.)

>>> Zusammenschnitt von Scullyismen und Mulderismen

Super 8 | von kid37 um 13:10h | 23 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 24. August 2013


The Fall

Entschuldigung. Ich war gerade 305 Minuten abgelenkt. Und muß nun erst einmal Luft holen. Und das Licht anmachen. Und die Türschlösser kontrollieren. Und dann meine Empörung eindämmen. Ich meine, das können die doch nicht machen!

Die BBC meine ich. Ich habe jetzt hier die DVD vor mir liegen mit allen fünf Folgen von The Fall. Es gibt ja viele neuere, sehr spannende Krimiserien. Ihr kennt die alle, seid Fans von den Skandinaviern und den US-Amerikanern und den Briten, berichtet von neuen Erzählformen, nie gesehenen Brutalitäten und großer Lebensechtheit. Aber in The Fall spielt Dana Scully Gillian Anderson. Gillian Anderson also spielt eine Polizeikommissarin in Belfast (BBC Northern Ireland hat produziert), die eine Sonderkommission leitet, nachdem klar wird, daß eine Handvoll Frauenmorde in der Stadt zusammenhängen. Ein Frauenmörder also. Und Dana Scull Gillian Anderson.

Ja, die Serie ist sehr brutal. Dabei gibt es nur wenig Blut zu sehen. Und keinerlei Mystery-Mumpitz. Die Spannung und der Grusel stammen eher aus der allgegegenwärtigen kalten Berechnung, der fast nüchternen Konsequenz, mit der die Taten vorbereitet und durchgeführt werden. Mit allem Ächzen und Gurgeln und Stöhnen. Töten als finstere, aber emotionslose Arbeit, nicht als Kunstform, wie es so oft im Film vorgeführt wird. Eine Kälte und Präzision, die aber auch auf Seiten der Polizei herrscht. Detective Super Intendent Stella Gibson (Dana Scully Anderson) agiert fast emotionslos, ist in charge, führt ihr Team mit klaren, präzisen Anweisungen, versucht sich in den Täter zu versetzen, sammelt akribisch die wenigen Spuren, die es gibt. Die Atmosphäre ist geprägt von großer Tristesse. Keine pittoreske Morbidität wie in Sieben oder dem Schweigen der Lämmer. Über der Serie hängt die grau-braune Trostlosigkeit Belfasts, die latente und hier und da eruptive Aggression in den Reihenhaussiedlungen, die alltägliche Gewalt in Familien, das mickrige Sterben in Krankenhäusern, das Milieu aus Korruption, Prostitution und Drogen als Nebenstrang - und mittendrin ein Mörder, dessen Handeln in vielen geschickt gegeneinandergestellten Szenen parallel zur Ermittlungsarbeit der Polizei zu sehen ist.

Beklemmenderweise ist der Mörder derjenige in dieser deprimierenden Gemeinschaft, der Emotionen zeigt, zarte Gesten zuweilen, befremdend, es macht ihn nicht sympathisch, denn man weiß, wie selbstbezogen all seine angebliche Empathie im Alltagsleben ist. Doch die Beziehungen der anderen Figuren ist nicht anders durch Nutzen und Benutzen geprägt, auch bei Scully Gibson, die sich gleich zu Beginn einen Liebhaber nimmt, zur unsentimentalen Ablenkung und die dabei kühl, desinteressiert und unnahbar bleibt.

So aber auch die Polizisten mit ihren kriminellen "Nebengeschäften", ihren Verstrickungen in den politischen und religiösen Auseinandersetzungen in Nordirland. Ein vermintes Terrain für Verbrecher und Polizei, wenn sie durch regennasse, nächtliche Straßen schleichen, immer darauf bedacht, im richtigen Viertel zu sein. Glücklicherweise aber ist die Serie mit solchen Subtexten nicht überfrachtet, es sind Andeutungen, Stoff vielleicht für später. Sollte man das Atemanhalten während der fünf Folgen überleben. Oder sich aus dem Haus trauen. Oder überhaupt ins Haus.

So. Und jetzt kommt nämlich die BBC und lässt die Staffel mit einem Cliffhanger enden, der einen über Monate nicht ruhig schlafen lassen wird. Ich habe die fünfte Folge aus Versehen noch mal gestartet, weil ich dachte, ich hätte mich vertan. Aber nein, es ist der Clifffhanger. Da sitzt man dann mit halb ersticktem Schrei vor dem Bildschirm... aber nein, ist Ende jetzt. Erst im Januar 2014, das ist im nächsten Jahr, beginnen nicht etwa die neuen Ausstrahlungen, nein überhaupt erst die Dreharbeiten zu einer zweiten Staffel! Januar! Bis die fertig sind, ist es März. Dann Post-Produktion, nationales und internationales Marketing, dann ist schon Sommer und erstmal die Midem oder was weiß ich. Dann startet die erst im Herbst! Das können die nicht ernst meinen, können die? The Fall. Fünf Folgen. Nehmt euch gleich 305 Minuten Zeit.

>>> Trailer

Super 8 | von kid37 um 22:37h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 19. August 2013


Pearls of Wisdom

Jewish Care - Pearls of Wisdom

Montag. Der Tag in der Woche, an dem man über die Woche nachdenkt. Manchmal schon über die nächste Woche. Oder sogar über den großen Rest. Ich für meinen Teil kann mit den Worten der berühmten Rheinländer sagen, ich kenne das Leben, ich bin bei Vimeo gewesen. Die meisten werden es ebenfalls bereits kennen, der Film ist schon zwei Jahre alt. Ab und an aber darf man sich ruhig daran erinnern lassen, wenn man den eigenen Eltern schon nicht zuhören will. Also Achtung, kurz mal die Longboards anhalten: Diese älteren Damen und Herren haben wichtige Botschaften zu überbringen.

Super 8 | von kid37 um 11:11h | 17 mal Zuspruch | Kondolieren | Link