Mittwoch, 20. November 2013


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Wir müssen die Welt vom Benzingeruch befreien. Erkläre ich Menschen, die nur noch für ihren Nachruf schreiben.

Wir sangen Texte, die wir nicht verstanden. Und hielten uns Tiermasken vors Gesicht. Eine Leberwurst.

Im Schwedischen gibt es das Wort Pysseltips. Das hat etwas mit Handarbeiten zu tun, woran man sieht, wie schön doch diese Sprache ist. Pusseln statt Gewehre durchladen, antworte ich.

Im Wintergarten sitzen, im Buch der Sieben und Dreißig Wollüste blättern. Ein Geheimnis ahnen.

Den Gedanken säuberlich die Haare kämmen, das Knacksen des Plattenspielers versteckt hinter der wuchernden Zimmerpflanze. Gut seht ihr aus, summe ich. Ganz proper.

Wie zwei Kinder, die vor einem Gebüsch kauern, sich einander an den Händen haltend. Einem Tier beim Sterben zuschauen.


 


Dienstag, 23. Oktober 2012


Blog auf Lunge

In meiner Zeit als Trash-Art-Filmer reüssierte ich mit Werken wie Die Melancholie der zarten Kannibalin, in stelzenhafter Eleganz ausdeklamierte philosophische Selbstbespiegelungen (entlarvender dann nur noch in meinem zweiten Film Bauchnabel der Bohème) mit grobkörnigem Sex und falschfarbenen Splatterszenen. Das kam im Uni-Filmclub vor anderen verklemmten Studenten und auf sogenannten Schalbierpartys zwischen welken Erdnußflips und abgestandenem Haarspray gut an. Wir haben sowieso viel gelacht.

Es war so die Zeit. Große Kunst, großes Leid, dann noch mehr Stuß und ein Spritzer Verachtung. Trümmerliteratur der Post-Boom-Jahre, zusammengedacht in schlecht gelüfteten Räumen, unbeheizten Kellerateliers, die möbliert waren mit alten Fischkonservendosen, die nun als Aschenbecher dienten. Manchmal waren auch Mädchen da, damals, als man noch nach Blättchen fragte. Aber nicht so oft, wie heute getan wird von Pete oder Mike oder Tom oder wie die damals so hießen.

So alle. Anders als heute war das Leben noch nicht ständig rot unterkringelt, das war alles noch sehr richtig dekliniert und wenn nicht, dann fiel das keinem auf. Die Kannibalin zum Beispiel. Ich sagte "Geh mal von links nach rechts" oder "Schau mal melancholisch aus dem Fenster", während ihr wegen der Scheinwerfer überdick aufgetragenes Make-up eben auch wegen der Scheinwerfer zu einem schwarzen Schlotz zerlief. eine zarte Kannibalin unter 2 mal 1000-Watt-Halogen. Das war dann schon auch Arbeit. Das war nicht nur einfach so. Gar nicht einfach so.


 


Samstag, 12. Mai 2012


Um/Bruch

Krisenzeiten, Umbruchzeiten, diese Zeiten, um zu schauen, wo man selber steht, wo andere stehen, wie andere zu einem stehen, wie es überhaupt so steht. Welche Wege man geht, wie schnell man sie geht. Ob man sie langsam geht. Oder überhaupt nicht mehr geht. Oder überhaupt nicht mehr kann.

Weil man nicht will. Weil man nicht kann. Weil man denkt, du kannst mich mal.

Nachschauen, welche Schublade man umdreht, welchen Schrank man umräumt, welchen Karton man wegwirft, die Sicherungen rausdreht, den Raum nicht mehr betritt, das Zimmer.

Die Gespinste entfernt, dem Bla und dem BlaBla nicht mehr zuhört, das Halbgare nicht mehr ißt, sich mit Unverbindlichem nicht mehr die Hände verbindet. Oder die Arme, die Haut, den brennenden Nacken.

Den Kontostand prüft, letzte Überweisungen rausschickt, die Defizite wegstreicht, einfach abstreichen den Scheiß, die offenen Rechnungen und Posten, auf deren Eingang man warten oder auch warten kann oder es lassen, weil ja doch nichts kommt.


 


Freitag, 15. April 2011


Wir sind alle ramponierte Sterne



Runter die Straße, Achtung Kopfsteinpflaster. Mein Himmel gekränkt, so ein Geruch von ungefähr an den Fingern, man will es nicht wissen. Ich zähle auf: Stich für Stich und Schnitt für Schnitt und Beule für Beule. Ein Auto weht Musik herüber, ein Pumpen und Drängen aus der frischgewaschenen Hamburger Nacht, der Atem versteift, es hat lang schon nicht mehr geregnet kurz bevor der Morgen kam.

Damals also, ich fuhr mit fremden Autos durch die Nacht, zog an fremden Zigaretten, krauchte in fremde Pullover, lutschte an fremdem Kaugummi. Wir stahlen uns Bedeutung, schlürften fahle Morgensonne, verbrannten Beton und falsche Utopien, küßten uns im Schatten der Industrieanlage, drehten unsere Schuhspitzen in Pfützen von Benzin, dachten an ein später, das gestern bereits war.

Damals, mit dir, wollte ich alles stehlen. Das Oben, das Unten, den Glanz und den Zuckerguß für unser Stück vom Kuchen, für die Blicke unter schräg geschnittenen Haaren, dem Hallo unter Nebelmaschinen.

Leisere Parole also, den Kofferraum voll mit Gelumpe der Vergangenheit und ein Leben nun im comme ci, comme ça. Die Alterskrankheit des mal-so-mal-so, diese Münze mit zwei Seiten, und heute weinst du, morgen lachst du, und alles und auch das andere läßt sich immer auch mal anders sehen. Mal bist du oben, mal bist du unten, Tralala, du buntes Karussell. Hinter jedem Ende wartet eine offene Tür. Und auf Regen folgt einfach noch mehr Regen.


 


Donnerstag, 24. März 2011


Liebe mit schwarzem Herzen

Und wie sie da so sitzt mit ihrem Miniverstärker auf dem Schoß wie ein vergessenes Fräulein mit abgeschabter Kunstlederhandtasche. Man möchte ihr sofort eine Blume schenken, eine neue Tasche oder ein selbstgeschmiertes Butterbrot.

Als ich heute morgen am Stutzflügel saß und ein paar Mollakkorde klimperte, dachte ich an all die anderen Sentimentalreisenden in den Wohnwagen und Eisenbahnwaggons, an den Schreibtischen und Datensammelstationen. Wie einzelne langsamer gehen, still stehenbleiben, gesichtslos, mundlos, augenlos. Wie hingetuscht mit flüchtiger Hand, dunkle Silhouetten auf den schwarzen und weißen Streifen eines Fußgängerüberwegs. Schmutzige Finger, die über eine Tonleiter huschen.


 


Montag, 7. Februar 2011


Baby, dein Hase ist irgendwie nass

In die Person, mit der man einst Twin Peaks
sah, ist doch jeder heute noch verliebt.

(Diane, per Mail)



Über der Stadt liegt ein modriger Geruch. Über der Stadt fällt ein grauer Dauerregen, der treibt das Wasser aus den Gullys, der fällt über verbeulte Container und Wellblechsilos, über sumpfige Wiesen, auf klebrige Straßen und verhuschte Gestalten, in linke wie rechte Schuhe, die Strümpfe hinauf, kriecht hinein in den Nacken, den man hängen läßt.

In den Wäldern flüchten sich Tiere in tropfende Zweige. Auf den Etiketten, die an ihren Ohren haften, steht "Ich bin stumme Klage". In den Wäldern bilden sich Sümpfe und tiefer Morast, darin greifen Wurzeln nach den schlickenden Stiefeln der schweigenden Wanderer. "Gestohlen! Alles gestohlen!" wispern trunkene Käfer, die gelblichen Bäuche gewölbt vom zu vielen Wasser, ein Reh glotzt melancholisch. Ich öffne den Rucksack, hole hervor eine Kanne aus Stahl mit heißen Getränken, eine oxidierte Brotdose, darin eine weitere Sorge, ein klammes Hemd, Stifte und ein gewelltes Notizbuch, verquollen wie die Augen einer umherirrenden Frau.

Später, im vollverfliesten Haus, am Telefon, ein Handtuch auf dem Kopf wie ein verwüsteter Beduine, sage ich: Regenschirme! Die Welt und ihre Seziertische brauchen einfach mehr Regenschirme!


 


Sonntag, 19. Dezember 2010


Ihr könnt euch alle mal...

...gehackt legen.

The transformation of waste
is perhaps the oldest
preoccupation of man.

(Patti Smith)

Badlands. Fahle Nachtstraßen, durch die nur der Geruch von toten Fischen fiel, der Schein einer gelben Straßenlaterne, ein glänzender Ölfilm auf dem Kopfsteinpflaster, dein gewispertes Versprechen, ein Hauseingang, in den ich dich zog.

Der Geschmack auf der Zunge, eine Erinnerung an Kerosin, ich sagte, laß uns ein Kunstwerk sein oder überhaupt gar nichts, dein Feuerzeug flammte auf, du sagtest, gut, los geht's und ich, also bitte, das war jetzt nur ein Gedankenspiel.

Die Feigheit der Männer, und wie die mit der schönen Stimme Jahre und Jahre später sagte, pff, du hast dich halt nicht getraut, und wir nicht einmal mehr über Freundschaft reden mußten, denn nach Abschied und Trennung geht das Eigentliche doch erst los. Und wie ich feststelle, daß ich am schönsten mit denen zusammen bin, mit denen ich längst nicht mehr zusammen bin. Weil man nur da unverwundbar lacht.

Wie über das Pflaster der Straße die zerbrochenen Splitter gestreut lagen, wie ein halber Mond über unsere Jugend schien, unser Heulen, unser Klagen, weil draußen ja immer mehr zu liegen schien als in unsere klammen, diebischen Hände paßte. Wie man nie genug einatmete.

Einmal versuchte ich, die Energie dort am Rand zu erklären, den Geruch von Schweiß und Ozon und Blut da vorne, wo es fast gefährlich wird. Wo die kräftig gebauten Männer sofort untergehen, weil sie an ihre eigene Stärke glauben und nicht eins werden können mit den Elementen, der Energie und der Hingabe.

Now I'm ready to close my eyes. Now I'm ready to close my mind. Wie man alles haben kann, wenn man sich erst traut, nichts und niemandem zu trauen. Wie die Asche zum Leben taugt. Wie die Schätze verschenkt werden. Ihr glaubt das nicht. Ihr habt die Demut nicht. Ihr habt die Lautstärke nicht richtig aufgedreht.


 


Dienstag, 7. Dezember 2010


#37 Turistas

Maybe I've forgotten
The name and the address
Of everyone I've ever known
It's nothing I regret

(New Order, "Regret")



Nur für den Fall, daß sich jemand fragt, welche Hausnummer dies hier war.

Dort, wo wir die Herzen zeichneten, uns Schnurrbärte malten. Dort, wo wir uns Hüte aufsetzten, durch dunkle Gassen flohen, die immergleichen Fragen nach dem "what's your name? where are you from?" mit immer wilderen Geschichten beantworteten. Wie wir uns einander als Touristen vorstellten, und ich vor lauter Zurechterfundenem irgendwann deinen wahren Namen nicht mehr wußte. Der Rost wird bleiben, die Narben auf der Wand. Ein paar Zahlen werden bleiben und Antworten, die ich mittlerweile weiß. Wo du damals herkamst, an diesem Tag im Café, wohin du gingst. Warum das Telefon drei Tage schwieg und was hinter der verborgenen Türe war. Das alles weiß ich. Sag nicht, daß da nichts gewesen sei.


 


Donnerstag, 21. Oktober 2010


1000 Km ohne Stereo



Kalte Tage. Irgendwo im Land fiel Schnee. Es wird lange dunkel sein und nur noch Musik, die aus einem winzigen Lautsprecher dringt.

Projektor | von kid37 um 10:36h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 8. Oktober 2010


Tick. Tick.

We can't help but feel
That something has been lost.

(Smashing Pumpkins, "Perfect")

Nicht wahr, ist doch so. Ticker, ticker, das neue System wird verkündet und einer fragt, wo bleiben die Schreibmaschinengeräusche. Wir sind doch so daran gewöhnt, wie die Affen, die das 37. Stück von Shakespeare schreiben. Ava.

You'll be a lover in my bed and a gun to my head. Ehrlich, das heißt so. Tick. Tick. Wenn die Verstärker nicht richtig geerdet sind, spürt man einen kleinen elektrischen Schlag, der von den Saiten springt. Das 50-Hz-Brummen, wenn man das Kabel einsteckt, das Kratzen der Regler, die viel zu lange nicht bewegt wurden. So müssen sich Gelenke anfühlen.

So müssen sich alte Gefühle anfühlen, die man in neue Richtungen lenkt. Die Woche über glaube ich, wieder in der Pathologie zu arbeiten, wie damals im Nebenjob im Studium. Wie die Ärzte über ihren Präparaten hockten, fasziniert von Epithelien, Kongo-Rot-Färbungen und Zellabstrichen, die längst nichts mehr mit Menschen zu tun hatten. Meine Kollegen sezieren, pathologisieren, suchen nach Schwachpunkten, prüfen, ob mit genügend Sicherheitsabstand im Gesunden geschnitten wurde, breiten die einzelnen Präparate vor sich auf den Untersuchungstischen aus, bis sie das Ganze nicht mehr sehen. Freitags stehle ich mich hinaus und gehe hinüber zur Geburtsstation, zähle die Zehen, die kleinen Fehler, höre das Geschrei und wünsche allen, wenigstens 33 zu werden und dann noch vier.

Was wir für eine Zeit hatten. Die einzelnen Momente, die wie Früchte vor uns hingen. Wie wir uns manchmal nicht trauten zu essen, wie wir manchmal aßen wie die Tiere, nackt, wie manchmal so viel Dunkelheit war. Wie wir unsere Tätowierungen leckten, verschwitzte T-Shirts und Unterarme, auf denen die Härchen senkrecht standen.

Wie keine Hilfe kam. Die Stille der blauen Lichter in der Nacht, der Geruch von Ozon und zerborstenem Metall und das Mädchen, das weinte.

Wie ich aus dem Auto stieg, unter Tränen, und du sagtest, ich dich auch. Wie meine Knie weich waren wie die ganz dicken Turnmatten und die Matten hart wie Beton. Wie man immer hinfiel. Voller Trotz.

Wie ich nie weiß, wie ich es zu Ende bringen soll. Wie ich nicht mehr weiß, ob die Puzzleteile, die ich streute, noch aus einem einzigen Spiel stammen.

>>> Geräusch des Tages: Smashing Pumpkins, Stand Inside Your Love