Freitag, 20. Januar 2012


Immerhin schon wieder Bilder sehen



Vor längerer Zeit bereits habe ich Joann Sfars Comicreihe Professor Bell vorgestellt. Der französische Strip-Auteur gilt vielen ja als die große Hoffnung des Comics, und allein seine manische Arbeitsweise (er betreut gefühlt 30 verschiedene Serien und Einzelwerke und führte zudem Regie bei der tollkühn-großartigen Biografie Gainsbourg) holt die neunte Kunst aus etwaig gefühltem Stillstand. Ich bin kein Freund von Funnys, an denen Sfar auch in vielfälitger Weise beteiligt ist, lese überhaupt wenig Comics, mal von Loustal abgesehen. Dessen grafisch-malerisches Werk bestimmte für mich die Grenzen der Kunstform in den 80er Jahren neu, die Melancholie, die klaren Linien, die Atmosphäre einer ewigwährenden Nachsaison, so auch der Titel eines seiner Büsher, die lakonischen Eisbergsätze, die die darunterliegende Tragik und von Stuab bedeckte Wucht bloß andeuten ("Der Onkel aber stellt Ansprüche.")

Sfars mittlerweile auf fünf Bände angewachsene Reihe Professor Bell hat seinen Titelhelden nach dem Lehrer von Arthur Conan Doyle (der im fünften Band einen Kurzauftritt hat) gezeichnet, dem jener schottische Pathologe und Forensiker wiederum Vorbild für seine berühmteste Romanfigur Sherlock Holmes war [*]. Der Comic-Bell ist ein von Obsessionen und Albträumen geplagter Einzelgänger, dessen Frauengeschichten tragisch enden, der mit Geistwesen und geistigen Substanzen verkehrt, eigenwillige moralische Vorstellungen hegt, sich allerlei devianten Neigungen und Nachstellungen erwehren muß und quasi als Ablenkung von allem persönlichem Kummer und Gram Monster und Verbrecher jagt.

Gleich der zweite Band fällt innerhalb der Reihe extrem ab, ich führe Arbeitsüberlastung des Schöpfers entschuldigend ins Feld. Seither betätigt sich Sfar nur noch als Szenarist und überläßt die zeichnerische Arbeit Hervé Tanquerelle, der den berühmt-berüchtigten Krikel-Krakel-Stil Sfars in geduldigere Linien überführte und die einzelnen Charaktere schärfer herausgearbeitet hat. Jedenfalls war Band 3 gleich wieder sehr versöhnlich, der extrem surrealistisch verträumte (Unterwasserstädte, schräge Sexpraktiken, bunte Tentakelmonster, die nicht mal meine Albträume kennen, und ein skrupelloser, brutaler Gegenspieler) vierte Band, Die Gesellschaft der toten Königinnen, ist für mich ein Höhepunkt der Reihe. Der rührige Berliner Avant-Verlag ließ sich für die deutsche Ausgabe besonders viel Zeit, legte nun aber den fünften (gerüchteweise auch letzten?!?) Band relativ zügig nach.

Der trumpft mit einer Radtour auf (leider durch Irland, einem Land, zu dem ich überhaupt keinen Zugang finde), einem extrem angeschlagenen, substanz- und vergangenheitsgeschädigten Titelhelden und allerlei frivolem Elfen-Schäferidyllen-Spiel auf. Shakespeare- und Lewis-Caroll-Zitate wabern durch den Subtext, der eigentlich Grundton der Geschichte, und das ist die gute Nachricht, ist aber extrem düster. Bell, heutzutage würde man ihn als Burnout-Opfer bezeichnen müssen, kann nur mit Mühe gerettet werden - und das zu einem hohen Preis. Leider schlägt sich die französische Unart des albernen Witzes in diesem Band extrem nieder, etwa in einem kleinen Potpourri an pubertären Anal-Witzen, die rasch ermüden. Da hätte man sich mehr psychologische Tiefe in der Ausgestaltung von Bells Niedergang gewünscht. Der brillante Geist ist geistig völlig im Arsch, um im Thema zu bleiben, paranoid und möglicherweise vom jahrelangen wissenschaftlichen Drogenabususexperiment körperlich und psychisch zerrüttet. Dieses Leben in verdunkelten Arbeitszimmern, Radtouren im Regen, dann dieses Geheule um Frauen aus seiner Vergangenheit - irgendwie erinnert der mich an jemanden, ich komme nur gerade nicht drauf.

Wer sich in die tolle Serie einkaufen möchte, sollte beim Verlag bestellen. Kostet nicht mehr, wird portofrei geliefert und unterstützt ein editorisch wirklich lobenswert agierendes Kleinstunternehmen und Kulturinstitution.

Zum anderen gelangte in meinen Besitz diese hübsche Ausgabe einiger der bekanntesten Stories von Edgar Allan Poe (zumeist in der Schmidt/Wollschläger-Übersetzung). Die kann nun jeder auswendig, aber die Ausgabe Unheimliche Geschichten von Jacoby & Stuart glänzt mit den extrem aufwendigen pop-surrealistischen, morbiden Illustrationen von Benjamin Lacombe. Man stelle sich Burtons Sleepy Hollow vor und findet eine ähnliche Atmosphäre in den Bildern und Geschichten wieder. Hier gibt es einen kleinen Trailer zum Buch. Ein schönes Gefühl, wenn man das alles sehen kann.


 


Montag, 19. Dezember 2011


Elephant House



Eigentlich kenne ich niemanden, der nicht ein Fan von Edward Gorey ist, was beweist, daß ich in der Auswahl meiner Mitmenschen nicht immer ein unglückliches Händchen habe. In einer Art verfrühtem Weihnachtsgeschenk erstand ich mir nun Kevin McDermotts Band "Elephant House". So lautet der Name von Goreys Haus auf Cape Cod, ein altertümliches Gebäude, das er mit dem Geld seiner ersten Erfolge erstand, aber erst Jahre später, immer noch weitgehend unrenoviert, bezog. Gorey mochte den Verfall und ließ daher Fenster- und Türrahmen lieber verwittern als mit frischem Lack zu erschrecken. Der Fotograf und Gorey-Vertraute McDermott erhielt nach Goreys Tod die Erlaubnis, das Haus mit der Kamera zu erkunden.

Ein Bildband als Haustour: Da gibt es das von Katzen beherrschte Wohnzimmer, die Küche mit ihrer Steinsammlung, die Bibliothek mit 25.000 Bänden, das ein wenig merkwürdig wirkende Reliquienzimmer, in dem Gorey Plüschtiere sammelte, das im Vergleich beinah karge Schlafzimmer (das Bett hat nur wenig mehr als 90 Zentimeter Breite, ich sag es ja, mehr braucht man nicht, wenn man kreativ ist) und das Fernsehzimmer mit der Sammlung von weiteren Büchern und VHS-Kassetten. Gorey sammelte alles - Steine, blaue Glasflaschen, Schmuck, Bücher, Ausgestopftes, Gefundenes - und sortierte es in Gruppen geordnet innerhalb und außerhalb des Hauses, auf die Fensterbänke, Holzbalken, Nischen und Regale. Auch seine am Ende des Lebens (Gorey starb 2000) zahlreicher gewordenen Pillendöschen stehen akribisch auf der Fensterbank im Bad aufgereiht. Das Haus ist mittlerweile zu einem Museum umgebaut worden, die Fotos werfen also einen letzten intimen Blick auf Goreys Welt, in einer mir sehr angenehmen stillen Art. Menschenleer und ohne Sorge. Beschaulich nannte man das früher.



(Kevin McDermott. Elephant House: Or, The Home of Edward Gorey. San Francisco 2003.)

>>> siehe auch Goreyana


 


Samstag, 29. Oktober 2011


Jahreszeitenkommentare



Fordern und fördern heißt es ja, so wurde ich also gedrängt eingeladen, passend zur Jahreszeit, die der US-Amerikaner Fall nennt, ein wenig fröhliche Schwermut zu verbreiten und vor Publikum zu Jammern. Ansporn also, bis dahin nicht hin- und in der Kaschemme nicht weiter unangenehm auf- oder mißmutig aus dem Rahmen zu fallen. Den Ardi-Fledermaus-Saft darf ich zwar nicht trinken, ärztliches Verbot, es wird dort aber, keine Sorge, mehr als Brackwasser geben!

Ich freue mich also, Isa und den Herrn Buddenbohm begleiten zu dürfen, Musik macht Dragana, durch den Abend führt Friederike Moldenhauer.


 


Samstag, 15. Oktober 2011


Rost schläft schließlich auch nicht



Eine dieser landlustigen Landzeitschriften wirbt derzeit mit "182 Seiten Herbststimmung" auf der Titelseite. Gefühlte 182 Jahre Herbststimmung könnte ich entgegensetzen, und humpelnd wie ein detektivischer Fernsehdoktor durch knirschendes Laub schlurfen, mit dem Gehstock, der mir allerdings noch fehlt, im Unrat wühlen und Dinge zutage fördern. Dinge, aus denen man wiederum andere Dinge machen kann.

Zeit also, die derzeitige Mobilitätseinschränkung zu bedenken und das Nahen langer Abende vorzubereiten. Mehr Rost, mehr nutzloser Kram. Töpfern klingt so nach Toskana, aber mit Rost und Schrott und Abfall assembliert es sich doch gleich ganz entspannt. Ich erwarte ätzende Dämpfe und funkenschlagende Multitool-Trennscheiben, verklebte Finger und entzückend dilettantische Ergebnisse. Darin bin ich ja besonders gut. Kleine Bewegungsübungen für starke Nerven. Die Bücher sind übrigens höchst entzückend, voller Basteltipps und ganz erstaunlichen Kreationen zwischen Kitsch und Komm-an-mein-Herz.

>>> Das Blog von Jane Ann Wynn, die hier ihre hübschen Kästchen zeigt.


 


Dienstag, 30. August 2011


Lebendigtote Tiere



Zuletzt kehrte ja so etwas wie Totenruhe ein in der ansonsten so ausgelassen und munter synkopierten Reiehe Mit toten Tieren durch das Jahr, so daß ich mich genötig sehe, wenigstens ein paar Eindrücke und Schätze zu teilen, deren ich in letzter Zeit habhaft werden konnte. Die beiden Bildbände Die präparierte Welt und Animalia eint eine der Zeit enthobene, nostalgische Ästhetik, die an sepiagetönte Plattenkameraufnahmen erinnert. Geringe Tiefenschärfe und ein Schwerpunkt auf Details führen den Blick ins Imaginäre, in die Schattenzonen, den unwirklichen Zwischenbereichen, bei denen man unsicher ist, ob wir uns noch im Diesseits oder Jenseits befinden. Im Fall von Die präparierte Welt fällt die Entscheidung noch leicht, die Fotos von Philippe Bréson sind im Naturhistorischen Museum in Wien entstanden. Diese Tiere sind ganz sicher tot, wirken aber oftmals wie lebendig.

Anders bei Henry Horenstein. Seine Fotos sind in Zoos und Aquarien aufgenommen worden, und doch sehen die porträtierten Tiere oft starr und unwirklich aus, wie in einem schweren Traum erstarrt, daß man meint, sie seien Präparate. Horenstein, der sich einen Namen als (Country-)Musikfotograf gemacht hat, läßt eine auffällige Ruhe in seine Tierfotografien einfließen, so als hätte er bei der Arbeit hundert Jahre Zeit gehabt und verlange dies nun auch von uns. Ein kontemplativer Zoobesuch, wie man ihn sonst nur in den Sälen der letzten Dinge im Wiener Prachtbau der Naturhistorie erlebt. Schöne Ergänzungen also, am besten zur beginnenden Nacht betrachtet.

Henry Horenstein. Animalia. Rom: Contrasto, 2008.
Philippe Bréson. Die präparierte Welt. Wien: Brandstätter, 1994.


 


Freitag, 20. Mai 2011


Der gefundene Satz, #53

Die Nachfolgeband New Order war auf jeden Fall in allen Belangen besser als Joy Division, vor allem musikalisch. [Q]


 


Dienstag, 25. Januar 2011


Formicabel



Wenn ich als Kind bei meiner Großmutter war, gab es dort einen Schwung zerlesener und obskurer Kinderbücher, ein kleiner Schatz für neugierige Kinderaugen . Andererseits waren die wirklich obskur, denn sie kamen mir damals schon äußerlich und innerlich verstaubt vor. Es waren viele dieser Göttinger Jugendbücher darunter, ein Verlag, der sich auf Kinderbuchversionen von (Erwachsenen-)Klassikern (Der letzte Mohikaner und Der weiße Wal), Mädchenbüchern (Barbara, dir winkt das Glück oder Sonja braucht 400 Mark), Weltraumabenteuern (Mondrakete E4 überfällig) und eine Reihe "Für Jungen" (Störtebeker, der Seeräuber) spezialisiert hatte. Zu Hause besaß ich später noch einen Band Das Abenteuer kommt ungerufen, ein Titel, der mich damals schon wenig begeisterte. "Ungerufen?" dachte ich. Wie doof. Was, wenn gerade Daktari im Fernsehen läuft? Oder man draußen, mit den anderen kleinen Lesern der Göttinger Jugendbücher (ein paar versnobte Schneider-Buch-Leser waren auch darunter) zum Nachspielen vom Lederstrumpf verabredet war? Kann sich so ein Abenteuer nicht lieber anmelden? Das Buch war allerdings recht spannend, irgendwas mit einem Jungen, der in Indien wilden Tigern begegnet. Wie das halt so war, damals nach dem großen Krieg.

Ein Autor ist mir im Gedächtnis geblieben, das war der Gubener Kurt Knaak. Seine Bücher hießen Ferien im Forst oder eben Formica die Emsenkönigin. Hinten gab es immer ein kleines Glossar mit Jagdausdrücken (äsen = "fressen"), was meinem naturkundlichem Interesse zu dieser Zeit immensem Auftrieb [!] gab. Überhaupt, eine recht faszinierende Welt mit ganz vielen toten Tieren. Staatenbildende Insekten hatten es mir damals schon angetan, Ameisen zumal. Mich beeindruckten die wie Sandhügel aufgetürmten Bauten, die selbst in Bewegung zu sein schienen, je näher man an sie herantrat. Die geschäftigen Ameisenstraßen, auf denen selten bloß zu Späßen aufgelegte Arbeiter ächzend und schnaufend ihr viel zu schweres Zeug umherschleppten. Die unterirdischen Bauwerke können, wie jedermann weiß, gigantisch sein, es ist wie bei einem Eisberg: unter dem Tannennadelhaufen liegt eine Megalopolis mit Wolkenkratzern, Schächten, Stollen und Schnellstraßen.

Natürlich besitze ich zu Studienzwecken Sim Ant, die (insgesamt enttäuschende) elektronische Ameisenkolonie. Vor ein paar Jahren, ein wunderbares Geschenk, fiel mir das Buch von Bert Hölldobler (zusammen mit Edward O. Wilson) in die Hände. Ein spannendes Werk, gefüllt mit hochinteressanten (und damals) neuesten Studien und Erkenntnissen zum Thema "Superorganismus".

Jetzt, zurück zu den Göttinger Jugendbüchern, habe ich - Achtung, aufpassen jetzt! - antiquarisch spottbillig eines dieser alten Bücher ergattern können, das ich zuletzt vor Jahrzehnten bei Frau Großmutter gelesen habe. Formica die Emsenkönigin, ein Titel aus reinem Klang, ihr seid da sicher ganz bei mir. Packende Abenteuer, Regen, Räuber und Rabauken, die den kleinen Staat bedrohen, kriegerische Beutezüge und vielleicht sogar eine Hochzeitsszene. Daran erinnere ich mich nicht mehr genau. Ich werde das emsig nacharbeiten. Was für ein Abenteuer.


 


Dienstag, 14. Dezember 2010


Empfehlungen

Und dann sage ich, da habe ich von gehört, das lesen nicht nur Freunde von mir, sondern sogar Leute, die ich schätze. Und vielleicht sollte ich also auch einmal einen Versuch wagen. Heimlich natürlich, damit nicht gleich wieder eine unkontrollierte, hysterische Begeisterungswelle über mir zusammenschwappt, alles zu verderben.

Man will doch die eigenen weißen Flecken der Kulturlandkarte ungestört entdecken, mit einer Machete das Dickicht der eigenen Unkenntnis selbst durchtrennen und nicht wie auf einer Festtagswiese oder wie im Sportstadion in dichtgedrängten, schubsenden Massen gaffen. Die Stille des Staunens sich bewahren, das Leise.


 


Freitag, 26. November 2010


Hackfresse, Tristesse, wann kommst du geschneit?



Donnerstag dann doch noch mit spitzen Ellenbogen einen freien Abend herausgekeilt, um die traditionelle Herbstlesung bei der netten Wirtin zu besuchen. Wieder Gesichter zu Namen gefunden, die sympathische Frau Kink zum Beispiel, die eigentlich immer noch bloß Kippen holen ist und auf diesem Wege bereits bis Hamburg gekommen ist. Viel Guten-Tag-sagen auch unter den Gästen, jemand komplementierte zu später Stunde, meine Brille hätte sich seit dem Blogmich '05 in Berlin kaum verändert. Viel Schlaf, emotionale Ausgeglichenheit und nur mäßig Alkohol beim Gläserreinigen sind mein Rezept. Man darf andererseits niemals das Porträt von Dorian Brill betrachten, das verhüllt bei mir auf dem Speicher hängt. The horror, the horror.

Solcherart Artigkeiten also wurden geschichtet, Landarbeitern bei der Heuernte gleich. Anekdoten-Tag-Clouds, wie wir waren, wie wir hierherkamen, wo wir jetzt sind. Als ich hinaustrete, hat es geschneit. Jetzt werden sein sechs Monate Eis und Schnee und Dunkelheit.


 


Mittwoch, 22. September 2010


Lesarten

Hochgelobte Bücher können, das weiß man eigentlich, trotzdem enttäuschen. Nachdem mir schon auf Seite eins der belesenheitskraftstrotzende Ton auf den intertextuellen Sender geht, auf Seite zwei dann wichtigtuerisch witzelnd auf Jakob van Hoddis' "Weltende" angespielt wird, so als wolle mir der Autor verschwörerisch den Ellbogen in die Seite stupsen, dabei noch einmal nachfragen, den Witz, den habe man aber verstanden oder, haha? und mich dazu zwingen, mit ihm Brüderschaft zu trinken - dabei kennen wir uns doch gerade erstmal zwei Seiten lang! - lege ich Arno Geigers "Kleine Schule des Karussellfahrens" nach Seite drei entnervt zur, nun ja, Seite. Dieses postmoderne Reflektionsgehampel erinnert mich, je länger ich weg von der Uni bin, immer öfter an diese Demonstrationsschauen von überwältigend alleskönnendem Technikspielzeug im Baumarkt. Es erinnert mich zudem an diese unangenehmen Menschen, die man auf Partys trifft, solche, die einem nach fünf Minuten schon ihre angenommene geistige, soziale und kulturelle Überlegenheit und dazu ihre wirtschaftliche Potenz unter die Nase reiben. Lautstark.

Mag sein, daß der Roman noch richtig gut wird, und ganz so schlimm wie diese Partybesucher sind die ersten drei Seiten wahrlich nicht, und ich glaube zudem, der Autor sieht sich sicher mehr als eine Art moderner Laurence Sterne und ist ebenso sicher im Privaten grundsympathisch. Aber mein Mentor Raymond Chandler sagte einst zurecht, wenn es auf Seite 50 noch keine Leiche gibt, taugt der Krimi nichts. Ich selbst erlaube mir den höchstpersönlichen Luxus, und das sagt jetzt mehr über mich als über das Buch, einen Roman, den ich nur zur Lust und Erbauung lese, unter Umständen gleich an der Eingangstüre abzufertigen. Und, Arno Geiger, mit kumpelhaftem Du kommt man bei mir nicht weit.

Ganz anders hingegen das Vergnügen, durch eine weitere Ausgabe des besten Magazins der Welt zu blättern. Cabinet erscheint als vierteljährliches Themenheft und vereint angenehm unaufgeregt geschriebene, dabei ungeheuer wissensreiche Beiträge zu Kultur und Alltag. Hier sieht man, wie die Augabe Nr. 37 auf den Weg gebracht wird. Ich lese gerade das Themenheft "Dust", ein ganzes Heft also über Staub, Hausstaub, Sternenstaub und sogar Dreck, Alltagsphänomene also, die gemeinhin bloß als die Wollmäuse unter dem ausgeleierten Bett der Hochkultur verhandelt werden. Zu unrecht, der Spaß daran hält viele Seiten lang.