Wahn und Trunk

Früh aufgestanden.
Nach dem Abwasch versucht,
mich mit einem Hausschuh zu erschlagen.
Sehr getrunken.

(Eugen Egner. Aus dem Tagebuch eines Trinkers. 1991.)



Das sind Sätze, die perlen wie lakonische Eintragungen eines lesenswerten Blogs. "Den ganzen Tag geweint, abends dann kräftig auf die Pauke gehauen". Das Tagebuch eines Trinkers ("Das letzte Jahr") von Eugen Egner ist ein schmales Bändchen voller süffisanter Feststellungen in kargen Sätzen. Mich wundert es ja nicht, daß der Autor ein berühmter, vielleicht sogar berüchtigter Wuppertaler ist. In der oft verkannten Stadt grassiert nämlich ein skurriler Humor, der außerhalb des Bergischen Landes zu unrecht auf Unverständnis stößt. Eine Stadt, die ihren Schabernack darin betreibt, Straßenbahnen durch den Himmel schweben zu lassen und Elefanten aus ihnen hinauszustoßen, gilt dem Rest der Republik als finsterer Hort groben Surrealismus'. In der Tat aber liegt ein kunstgeschichtliches Dreieck aus Expressionismus (Lasker-Schüler), Fluxus (Paik, Brock, Vostell) und deutschem New Wave (DAF, Plan, Fehlfarben) wie ein Grauschleier über der Stadt.

Egner, von dem es in den 80ern in der Stadt gerüchteweise hieß, "großartiger Typ, halbes Jahr in der Psychiatrie, halbes Jahr nur malen", gehört mit zum Dunstkreis um R. M. E. Streuf, Künstler, Musiker, Caféhaus-Pächter, ein Vorbild vielleicht. Ende der 70er-Jahre oszillierten Gestalten wie diese um Musikgruppen wie Armutszeugnis und Fehlfarben. "Ich muß mir einen kleinen Propeller vorn an die Schlafanzughose nähen und dann im Bad tänzeln", heißt es im "Trinker-Tagebuch". Wem wären solche Gedanken nicht schon mal hier und da gekommen, nach zwei oder drei Glas Grappa zuviel?

Wie aus dem hermetischen Café, einem der bekannteren Jammerblogs, entführt, klingt folgender Eintrag: "Unbekannte Frau in der Fußgängerzone* verbot mir, in ihren Armen zu sterben. Wenig schöne Szene. Danach Glühwein und rücksichtslose Kirchenkritik auf dem Weihnachtsmarkt. Schürfwunden."

Ein großartiges Buch, dessen Ende andere verraten mögen. Wir möchten nur warnen vor folgenden Nebenwirkungen vehementen Trinkertums: "Geträumt: Nach 37 Jahren erstmals wieder aus dem Fenster geschaut. Die Landschaft hat sich stark verändert, der Fluß trug sogar Koteletten."

Eugen Egner. Aus dem Tagebuch eines Trinkers. Zürich: Haffmanns, 1991.

(* Wuppertal hat übrigens, um Besucher vollends zu verwirren, gleich zwei Rathäuser und zwei Fußgängerzonen.)

Ex Libris | 14:47h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
pappnase - Donnerstag, 28. Juli 2005, 23:49
jetzt weiss ich einmal mehr, warum mich diese stadt eine geraume weile meines lebens beherbergte, ich hab mich da auch wohlgefühlt, zwischendurch...

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ophelia - Freitag, 29. Juli 2005, 00:13
" Eine Stadt, die ihren Schabernack darin betreibt, Straßenbahnen durch den Himmel schweben zu lassen und Elefanten aus ihnen hinauszustoßen, gilt dem Rest der Republik als finsterer Hort groben Surrealismus."


Mit diesem Satz ist ein Herzstück Wuppertals auf den Punkt gebracht worden. Überhaupt ist Wuppertal ganz großes Tennis. Entweder man liebt es oder man hasst es, einen Mittelweg zu finden, ist meines Erachtens ehr schwierig.

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k.tastrophe - Freitag, 29. Juli 2005, 19:22
ich kenne "fluchtweg", "eigentor", "schlepphoden", "zaunpfahl" uswusf., aber "armutszeugnis", wasn das für ein kuhler name?
gibts die noch? laut laut.de nicht.
...& wenn die so gesungen haben wie hier einige sätze von herrn egner klingen, will ich die!

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kid37 - Samstag, 30. Juli 2005, 22:43
Armutszeugnis haben meines Wissens nie eine Platte veröffentlicht. Die waren auch mehr so "skurril", ambitionierter Ukulelen-Rock mit Cabaret Voltaire-mäßigen Dada-Kostümen (ich meine nicht die englische Band), Fischgesängen und Texten wie "Huch, huch, schon wieder Besuch" oder "Alt und grau/und schon fast dreißig,/fahr ich zur Kur/nach Niedereisig/und heirate/des Bäckermeisters Kind" (gesungen auf die Melodie von "The Girl from Ipanema"). Schön war auch, das war, glaube ich, ein Egner-Text "Ich zieh mich nur noch im Dunkeln aus/und schau nicht an mir herab"...

Das waren ja Menschen, die keinen Bock mehr auf das Jazzrock-Gegniedel hatten, was zuvor die Stadt beherrschte (wir schreiben die ausgehenden 70er, beginnenden 80er-Jahre) und moderne deutsche Musik machen wollten. Da gab es Bands wie Helden, die ich fantastisch fand, textlich nicht so versponnen (im Nachhinein möglicherweise eher flach), aber dafür deutlich aggressiver. Der Sänger wurde, glaube ich, später Assi der Intendanz des WDR.

(Ahnt hier jemand, daß ein ehemals recht bekannter Musikfernsehmacher, Dieter Gorny, seine Ideen in Wuppertal bei einem oder zwei Sieben-Minuten-Pilsenern ausgeheckt hat?)

Dann gab es noch Lunapark, die ebenfalls großartig waren und ein Album gemacht haben, das aber leider ganz anders als ihre Liveauftritte war. Gefiel mir nie so recht. Mit einer der Gastsängerin auf diesem Album, die Sängerin in einer anderen Band war, deren Name ich vergessen habe aber einen verteufelt guten Bassisten hatten, habe ich zusammen studiert. Der Schlagzeuger von Lunapark, der auch bei der im Tal damals sehr beliebten Börsen-Beat-Band (ein lockerer Zusammenschluß von Musikern rund um das Kommunikationszentrum "Die Börse") hatte später ein recht rühriges Label, das er von einem Hühnerhof in Schleswig-Holstein aus leitete. Da fällt mir ein, er hat mich mal dorthin eingeladen, als wir wegen irgendeiner Kapelle aus seinem Haus telefonierten und über alte Wuppertaler Zeiten sprachen. Der Mann war so höflich, er gab sogar vor, sich an meine eigene Band zu erinnern...

Armutszeugnis also. Große Sache. Papphüte, Selbstbauinstrumente, surrealistische Bühnendeko... Kunststudenten, man ahnt es.

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marie__ - Sonntag, 31. Juli 2005, 16:28
Hmpf. Jetzt war ich so eingenommen von Ihrer Beschreibung, daß ich den starken Wunsch verspürte, dieses Buch zu besitzen, wenigstens temporär, um es zu lesen. Aber: nein, es ist nicht mehr verfügbar. Hmpf.

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kid37 - Montag, 1. August 2005, 02:32
Oh, offenbar ein Fall für die Antiquariate. Lassen Sie mich Montag mal schauen, ich habe da eventuell was für Sie.

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marie__ - Montag, 1. August 2005, 11:55
Oh, das wäre wundervoll!

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