Merz/Bow, #39

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Das Kommando Trauernde Weide schleicht seitwärts im Krebsgang durch den Wochenanfang. Neue Pläne von oben werden mit Vorbehalts-Pst! verkündet, das Echo ist geteilt. Summende Erregung jedenfalls im Bienenhaufen.

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Zielvorgabe 2013: stabile Verhältnisse. Check-up-Gespräch mit der netten Ärztin. Wir gehen die Liste durch, ich lege eine Reihe konsilarischer Befunde vor. Wir singen im Chor das Lied vom großen Hm. Hm. "Können Sie nicht mal eindeutige Symptome und Befunde haben?" Nein, sage ich, die Welt sei komplex, es gebe keine einfachen Lösungen. "Mehr Kryptik" heißt das Zauberwort. Ob sie nicht bloggen würde. Die Menschen im Internet haben alle zuviel Zeit. Meint sie.

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Zur Empörung zum Beispiel. Bestellt ein Negerkönig eine Lasagne bei Amazon, gehen die Aufreger Woche. Und alle so Uiuiui. Die Skandalisierung hat mittlerweile auch den geliebten öffentlich-rechtlichen Rundfunk erfaßt. Tagesschau und Tagesthemen sind sich nicht zu schade, schamlose Eigenwerbung als quasi brandaktuelle Entdeckung in den Nachrichtenblock zu packen. Tadaa, liebe Zuschauer, bleiben Sie dran. Wir haben da passend und wie zufällig eine Doku für Sie. Soylent Green ist Menschenfleisch!

Dieses naive Ermittlungsstück aber zeigt, was doch niemanden überraschen dürfte, der die "Liberalisierung" der Markt- und Sozialgesetze in den letzten Jahren (und zwar seit Rot-Grün) mitverfolgt hat. Welche Ziele und Methoden werden denn von Konzernen wie Amazon, Zalando, Google, eBay usw. wohl verfolgt? Unternehmen, die hierzulande Milliarden umsetzen, aber nur 3,50 Euro Steuern zahlen?

"Die da oben machen doch nur, was wir wollen", sang Bernadette La Hengst. Die Strukturen sind kein Unfall. Und man hüte sich vor Selbstgerechtigkeit, Fingerzeigen und den eigenen blinden Flecken: Wir treffen jeden Tag (Konsum-)Entscheidungen, die ethisch zweifelhaft sein können. Von einem Applegerät aus eine Petition gegen Ausbeutung anklicken hat jedenfalls auch einen guten Schuß Absurdes. Es ist komplex. Kaufe hier eine Biokiste und buche dort eine Flugreise. Wir leben in einem Hütchenspiel mit drei Fettnäpfen und nur einer Gewissensseife.

Action speaks louder than words. Zu wenige übrigens sind in einer Gewerkschaft. Zu wenige nehmen die Politik ernsthaft in die Pflicht. PR-Skandale allein ändern selten die Verhältnisse. Sie führen zu besserer PR.

Kelly hat seine Eindrücke besser in Worte gefaßt.

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Wer wissen will, wie der Laden läuft, schaut heute abend TV. "Versicherungsvertreter - Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker" zeigt dort der WDR um 23.15 Uhr. Die Doku zeigt Momente des "Systems Größenwahn" in einsamer Offenheit. Die "Mehmet E. Göker AG" war mal zweitgrößter Makler für private Krankenversicherungen, holte bei den Konzernen bis zu 8.000 Euro Provision (!) für einen Vertrag heraus, setzte über 60 Mio um und Topvermittler in Ferraris. Bis irgendwann die Steuerermittlung und der Absturz kam. Göker selbst aber, ein charismatischer Quasi-Selfmademann, ist ungebrochen. Seine Firma führte er wie eine Sekte, Tatöwierungen für die Mitarbeiter inklusive, Ansprachen zwischen Drohgebärde und Mutterwitz, ein lebendes Beispiel für ballastbefreite Selbstoptimierung. ANDERE ATMEN, WIR VERKAUFEN! ist einer der von ihm konsequent in Versalien gehaltenen "Gökerismen" (mit denen sich Abreißkalender oder Bücher, z.B. bei Amazon verkaufen ließen). Eine ganz dicke Empfehlung. Blogger können da auch was lernen

>>> Trailer

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In eigener Sache. Gesine von SteglitzMind stellt eine Reihe Blogger vor und hat mich ein paar Sachen gefragt. Vielen Dank!

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Mal praktisch gefragt. Wo kann ich Filme von F. J. Ossang kaufen, wenn nicht via Amazon.fr? Ich sehe schon. Ich stehe in einer Wanne voll Blut.

MerzBow | 16:14h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
montez - Donnerstag, 21. Februar 2013, 17:38
Ein geiler Negerkönig.

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kid37 - Donnerstag, 21. Februar 2013, 18:06
Schon wieder eine berechtigte Korrektur. Meine Gedanken brauchen einen besseren Algorithmus. Menschen, die sich über ... empörten, empörten sich auch über...

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montez - Donnerstag, 21. Februar 2013, 19:28
Nicht doch. Nennen wir es Ergänzende Anmerkung.
Aber der passende Algorithmus wäre sicher nützlich für alle.

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ana - Donnerstag, 21. Februar 2013, 17:47
Die Unschuldsseife des Nürnberger Akademiepräsidenten Ottmar Hörl hat eine konzeptionelle Limitierung von 82 Millionen. Somit kann theoretisch jeder Bürger seine Hände in Unschuld waschen. 50 000 wurden von dem Multiple schon verkauft.
http://suche.aol.de/aol/image?q=ottmar+H%C3%B6rl+Unschuldseife&v_t=aolde-homePage50&s_it=searchtabs

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kid37 - Donnerstag, 21. Februar 2013, 18:08
Das gehört doch in jede Biokiste unter jeden Weihnachtsbaum! (Obwohl, schädigen Weihnachtsbäume nicht die Umwelt?!? Ach... komplex.)

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maphisti - Donnerstag, 21. Februar 2013, 21:43
Ihr Foto ist faszinierend! - Habe seit Tagen nikonmäßig so einen kleinen, coolen Roten einwegmäßig in meiner Tasche : unwiderstehlich, aber leider auch so ein gewisses "Fettnäpfchen" ...

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kid37 - Freitag, 22. Februar 2013, 10:23
Was, Sie haben immer eine Flasche Rotwein in der Tasche? ;-)
Kamera sollte man wirklich immer dabeihaben. Und sei es als Notizbuch.

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schneck - Donnerstag, 21. Februar 2013, 23:12
Von wegen dem Hütchenspiel. Die Bösen sind eben immer eine Nase voraus. Das fuchst mich, seit ich Kind bin.

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kid37 - Freitag, 22. Februar 2013, 10:25
Und wenn die sagen, sie machten Zugeständnisse, wollen sie in Wahrheit bloß Zeit gewinnen. Perfide.

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kelly mg - Freitag, 22. Februar 2013, 10:40
Besser in Worte fassen, als Sie das tun, geht nicht. Bin gleichwohl sehr gerührt über die doppelte Weiterenpfehlung. Und heute Abend wird die empfohlene Doku angeschaut. Danke für den Tip. Im Nachtprogramm versteckte Sendungen (wenn wir überhaupt davon erfahren) gehen für uns alternde Werktätige nur noch aufgenommen und im nachhinein, zu einer zivileren Zeit.

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kid37 - Freitag, 22. Februar 2013, 11:04
Sie haben den großen Vorteil, auch beim Ranten sachlich bleiben zu können. Ich will immer gleich Gitarren zertrümmern. Diese im gewissen Sinne wirklich unterhaltsame Doku (im Sinne von Fassungslosigkeit) nicht um 20.15 Uhr zu zeigen, hat bei den Öffentlich-Rechtlichen ja schon Programm.

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kid37 - Freitag, 22. Februar 2013, 12:24
Oha!


Vielleicht muß man die ganze Affäre noch einmal unter geheimverschwörerischen Gesichtspunkten betrachten.

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ana - Freitag, 22. Februar 2013, 13:16
Sehr schön, der späte Nietzsche. Kurz vor seinem Irrsinn noch:

"Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte jemand ihr zu?"

In seinen letzten Notizen kurz danach hat er nur noch mit "Der Gekreuzigte" unterschrieben.

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maphisti - Freitag, 22. Februar 2013, 16:44
Nie und never nono nietzschemäßig - der heutige Wahnsinn.

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ana - Sonntag, 24. Februar 2013, 21:16
Natürlich war Nietzsche größenwahnsinnig am Ende und vielleicht schon vorher. Die Zeitrechnung solle nach ihm und nicht nach Christus benannt werden, so er im Antichrist. Aber sehr berührend, er, der doch so gegen die Mitleidsmoral, die Sklavenmoral, wie er sie nannte, wetterte, brach psychisch endgültig zusammen, als er sah, wie ein Kutscher sein Pferd brutal schlug. Er hat das arme Pferd umarmt.

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kid37 - Sonntag, 24. Februar 2013, 21:58
Womit dann wieder der Bogen zum Lasagne-Skandal geschlagen wäre. Hier hängt doch mal wieder alles mit allem zusammen.

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maphisti - Sonntag, 24. Februar 2013, 23:01
Unter dem Strich: irgendwie alles ein wenig zum Sich- Aufhängen! Aber man muss ja nicht unbedingt 100 pro auf Nietzsches Spuren wandeln.

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kreuzbube - Montag, 25. Februar 2013, 09:52
"Morgen werde ich es schneien lassen. Sonnig war es lange genug".
Der Nietzsche zur Jahreszeit.

Unbedingt kaufen: Die gezeichnete Nietzsche-Biografie von Michel Onfray und Maximilen Le Roy. Oder kurzerhand hierher reisen, ich habe das mehr oder minder um die Ecke:

http://guterbubi.files.wordpress.com/2012/10/nietzsche_2.jpg

Und nie vergessen, dass Nietzsches Schwester eine Böse war, die sein Werk lange Zeit nach Kräften verfälschte.

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kid37 - Montag, 25. Februar 2013, 11:19
Eine böse Amazone, da haben wir es doch wieder.

(Danke für den Hinweis auf die Biografie.)

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frau eff - Samstag, 23. Februar 2013, 17:52
„Wer seine Grenzen nicht kennt, hat auch keine.“

Doku über Mehmet Göker angeschaut bzw. kopfschüttelnd durchlitten. Grundgütiger Himmel... Dass verzweifeltes Staunen so unterhaltsam sein kann.

Im Übrigen auch ein klasse Film zum Thema Männer.

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maphisti - Samstag, 23. Februar 2013, 20:51
"Indecent Proposal"
Leider habe ich den von Ihnen uns ans Herz gelegte Film doch nicht gesehen, fühle mich aber just in this moment vehement irgendwie an einen anderen erinnert.

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kid37 - Montag, 25. Februar 2013, 11:23
Hier gibt es eine variierte und deutlich kürzere Fassung (45 Min.) vom HR. Man bleibt wirklich mit offenem Mund hängen.

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maphisti - Montag, 25. Februar 2013, 15:00
Abgrundmäßig!
Vielen Dank für diesen erneuten Hinweis! Frau fühlt sich plötzlich so fassungslos ganz bodenlos .................... Hoffentlich ist meine Private anders! - - ( Vager Vermutungsansatz: Wenn Gelderwerb die primäre Motivation ist ....?!)

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maphisti - Dienstag, 26. Februar 2013, 20:41
"Grenzenlos"
Fußnote: Irgendwie erinnert mich das ganze Melodram auch etwas an den Ex-Reeder Niels Stolberg, dessen Taten den Bremern nicht gerade zum Ruhme gereicht haben, ganz odysseusunmäßig.

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kid37 - Donnerstag, 28. Februar 2013, 10:34
There's something fishy in the air
Interessanter Fall. Ich zitiere aus Wikipedia: ...Aufsichtsratsmitglied des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen... ... ...und dem UNO-Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung Willi Lemke ausgezeichnet wurde...

Sollen wir uns nicht auch alle gegenseitig Orden verteilen? So wie im Wizard of Oz?

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maphisti - Freitag, 1. März 2013, 13:23
... ist ja in Hamburg ganz verpönt! Very hanseatish.

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nnier - Freitag, 1. März 2013, 13:43
Ach, Mensch, Loide, nicht immer so mieselsüchtig! Man hätte da z.B. günstig Regenschirme oder Gebrauchtcomputer bekommen. Und mit dem Geruch kann man immer noch Fischstäbchen einsprühen.

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frau eff - Donnerstag, 28. Februar 2013, 07:40
Zum zweiten #39-Absatz, aus gegebenem Anlass: Heute! Internationaler Tag der Seltenen Krankheiten.

Gratuliert man da der Krankheit oder dem Kranken?

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kid37 - Donnerstag, 28. Februar 2013, 10:29
Aber der ist doch am 29. Februar oder wird der in Nicht-Schaltjahren vorgefeiert? Bei Krankheiten bin ich ja ausnahmsweise sehr dafür, in der Masse mitzuschwimmen. Ich las neulich von einem schwerwiegenden systemischen Syndrom, das in Deutschland nur 1500 Leute haben. Da gibt es natürlich keine Medikamente und nur experimentelle Therapien. Braucht echt kein Mensch. Ich heile mich ja mit der Oudinspule in meinem Kellerlabor.

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vert - Donnerstag, 28. Februar 2013, 10:58
gestern war in meinem radio no-brainer-day. der "tag der geistigen armut", den ich mit freuden begangen habe.
ein festtag für mich, besonders für die zeit in der seifenblasenschmiede, in der ich neuerdings meine tagesfreizeit verbringe. man feiert eh viel zu selten.

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kopffuessler - Sonntag, 10. März 2013, 22:35
statt ebenso seltener wie kranker jahrestage hätten sie auch einfach mit mir geburtstag feiern können. das mache ich selten aber ausgelassen. nächstes jahr zähle ich auf sie beide!

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kid37 - Sonntag, 10. März 2013, 23:37
Herrje! Ich = unaufmerksam. Liebe Leute, noch mal schnell alle, ein großes Hipp! Hipp! für Frau Kopffüßler. Nächstes Jahr dann aber mit Schwofen!

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